Montag, 4. Juli 2016

Eike – Schicksalsjahre eines Eierbechers

„Eike ist der Eierbecher in uns allen.“ (Lupo Laminetti in „Literatur aktuell“)
Baden-Baden. Mondäne Kurstadt. Die Damen in bezaubernden Ballkleidern, die Herren in glänzenden Uniformen. Allein die Hüte, die in dieser Stadt getragen wurden, waren ein Vermögen wert. Hochadel und Finanzadel, umgarnt von windigen Geschäftemachern, verarmten Grafen und der internationalen Schnorrerelite. Grandhotels und Konzerte im Kurpark. Kostbar verzierte Kutschen, die von aufwändig geschmückten Pferden gezogen wurden. Diener und Kammerzofen, Hotelpagen und Gepäckträger, Kutscher und Kellner. Die aufgeheizte Stimmung in den Spielsalons. Nachts werden in der Spielbank Vermögen gewonnen und verloren.
Glamour – Aufregung – Tragik. Und Eike, der kleine Eierbecher, war mittendrin. Neben ihm stand Dostojewski, mit glasigen Augen setzte er immer wieder auf dieselbe Zahl, verlor alles und wurde nach einem epileptischen Anfall auf sein Zimmer getragen. Eike tanzte mit Eileen in allen Ballsälen der Stadt. Die großen Bühnenshows mit Cancan-Tänzerinnen, die zur Musik von Jacques Offenbach die Beine in die Luft schleuderten. Die plüschigen Sépareés, deren Wände mit dunkelroter Seide ausgeschlagen waren. Austern, Champagner, Kaviar und ägyptische Zigaretten.
Es war eine wunderbare Zeit. Ein einziger Rausch. Das geheimnisvolle Glitzern der nächtlichen Stadt. Jeder Tag begann in einer anderen Villa, in der sie am Ende gelandet waren. Partys. Kokain. Gelächter. Heiße Liebesschwüre. Baden-Baden wurde niemals langweilig und kein Mensch in Baden-Baden schien jemals älter zu werden. Eike machte sich keine Sorgen. Das Leben war schön. Womöglich trank er auch zu viel. Jedenfalls brannte Eileen nach einem Jahr mit einer Mokkatasse durch.
Eike ist alt geworden. Sein Porzellan ist voller feiner Risse, wenn man genau hinschaut, und die Glasur hat ihren Glanz verloren. Seinen Alterssitz hat er in der Villa Bonetti genommen, wo er dem beliebten Volksschriftsteller allerdings nur noch sehr selten zu Diensten ist. Andere Eierbecher sind gekommen, jüngere, stärkere und schönere. Aber das ist der Lauf der Welt.
Alvin Stardust - Jealous Mind. https://www.youtube.com/watch?v=a4q3Cy8X6Mo

Kommentare:

  1. Und als nächstes "Eike Eierbecher oder die Trägheit des Porzellans" über die Jahre der Kindheit im dunklen Küchenschrank? ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Gute Idee. Im Augenblick überlege ich, eine Eierbecher-Variante von "Vom Winde verweht" zu schreiben.

      Löschen
  2. Antworten
    1. Die Serie ist noch ganz am Anfang - "Eike" ist auf ähnlich viele Folgen angelegt wie GZSZ.

      Löschen
    2. Also ehrlich gesagt kann ich mich Annika nur anschließen: Ich bin enttäuscht, maßlos enttäuscht! Welch ein achtlos weggeworfenes Sujet, welch vertane Chance! Wo ist hier der Shortcut für fette Ausrufezeichen?
      Und wo das Drama, als sich aus dem hoffnungsfroh eröffneten Tattoo-Studio aufgrund eines hygienischen Mißverständnisses die Maul- und Klauenseuche ausbreitet – ein Ereignis, daß nicht allein Helmstedt, sondern die Republik erschüttert. Erschütternd! Alles unter den Teppich gekehrt zugunsten eine Partyjournalismus à la Reader's Digest.
      Es ist zum weinen.

      Löschen
    3. Die Story mit dam atomar verseuchten Rieseneierbecher, der Tokio zerstört, kommt nächste Woche. Versprochen!

      Löschen
    4. Ach, das ist doch nicht mehr dasselbe. Pantoufle hat wie immer den Nagel auf den Kopf getroffen.

      Dabei war das so ein Drama damals, nach Helmstedt verbreitete sich die Seuche in ganz Niedersachsen, weshalb ich zum Beispiel schnell nach Berlin (Ostzone) gezogen bin und viele andere auch.

      Und Eileen, die blöde Schnepfe, flüchtete ebenfalls über die Mauer und etablierte sukzessive künstliche Fingernägel und Tattoos am Insulaner.

      Aber das will ja heute keiner mehr hören.

      Löschen