Sonntag, 10. Juli 2016

Blogstuff 54

„Wie konnte er in der Tat hoffen, sich selbst zu finden, neu anzufangen, wenn irgendwo vielleicht in einer dieser verlorenen oder zerbrochenen Flaschen, in einem dieser Gläser für immer der einzige Schlüssel zu seiner Identität lag?“ (Malcolm Lowry: Unter dem Vulkan)
Wenn ich in Berlin bin, stelle ich mich immer in den Windfang vom „Borchardt’s“ und warte, bis eine schöne Frau vorbei kommt. Dann schieße ich hervor, als käme ich gerade aus dem Nobelrestaurant und rede in mein Handy: „Die Presse darf nichts davon erfahren. Du kannst mit der Story erst an die Öffentlichkeit gehen, wenn ich aus New York zurück bin.“ Leider ist noch keine Frau auf die Nummer reingefallen. Vielleicht liegt es an meinen Jogginghosen?
Es gibt so unglaublich viel Scheißdreck, den die Welt nicht braucht. Aber warum wird nicht mal ein Zwergrasen entwickelt, der nicht höher als ein gemähter Rasen wächst? Kommt schon, ihr Genforscher! Das muss drin sein für meinen Steuergroschen, den ich im Schweiße meiner Bemühungen am Rasenmäher erwirtschafte (Anschaffung, Benzin, vierteljährliche Inspektion in der Werkstatt).
Die Möbelmanufaktur Bonetti verkauft jetzt kaputte Kühlschranke als Plattenregale an Hipster. Läuft.
„Wer wissen will, wie langweilige dicke Frauen um die sechzig in jungen Jahren aussehen, muss nach Gau-Algesheim kommen.“ Diesen Satz fand ich in meinem Notizbuch. Was mich da wohl geritten hat?
Kann unsere anthropoide Bundeskanzlerin eigentlich noch merkelhafter oder angelesker werden?
Es war, als wäre beim Abitur ein Deckel weggeflogen und eine Explosion hätte den ganzen Jahrgang in alle Welt verteilt. Und so kenne ich heute einen Rockgitarristen in Los Angeles und eine Professorengattin in Sydney.
Alles ist ja heutzutage kompliziert und voller Fachchinesisch. Folgender Leserbrief erreichte mich letztens aus dem Elternschlafzimmer: „Neuerdings hört man ja immer wieder von sogenannten Erektionen. Was ist das eigentlich genau? Vulkanausbrüche? Bisher genügte uns auch ein gepflegter Halbsteifer am Sonntagmorgen. Und wo genau befindet sich die Vulva?“
„Stage Diving“ nennt man den Sprung in die Menge. Die wenigsten wissen, dass Andy Bonetti bei einem solchen Sprung anlässlich einer Lesung in Merseburg eine alte Frau schwer verletzt hat.
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Stichwort Abitur: Ich stelle immer wieder fest, dass junge Menschen Bildungsabschlüsse haben, aber nicht gebildet sind. Sie kennen Vichy beispielsweise als Pflegeserie, aber nicht als politisches Regime. Darüber werde ich ein Heiko schreiben.
Es gibt einen dunklen Fleck auf Andy Bonettis ansonsten blütenweißer Weste: Als junger Mann hat er versucht, in einem Möbelhaus eine Wohnzimmerschrankwand Eiche rustikal zu stehlen und wurde erwischt. Zur Strafe wurde er dem Gelächter der Weltöffentlichkeit preisgegeben.
Wie macht die SPD das nur? Sie kommt aktuell nur auf zwanzig Prozent der Wählerstimmen in Deutschland, stellt aber mit diesem Schlunz oder Schlotz den Präsidenten des EU-Parlaments. Und mit diesem Job im Rücken will der Mann auch noch Bundeskanzler oder Bundespräsident werden. Crazy!
Ich beobachte es seit Jahrzehnten, ohne es zu begreifen: Die Schizophrenie und Naivität der Menschen, die einerseits gegen den Überwachungsstaat und die Schutzmacht der Wirtschaftselite demonstrieren, aber zugleich von genau diesem Staat die Regelung der Geschlechterverhältnisse und die Lösung sozialer Probleme erwarten. Gibt es zwei Staaten? Hat der Staat zwei Gesichter? Oder aber die Leute, die im selben Augenblick staatskritisch und staatsgläubig sind? Sie gehen zur Wahl, ohne etwas zu verändern, sie gehen zu einer Demonstration, ohne etwas zu verändern. Der Staat ist Freund und Feind zur gleichen Zeit. Und so geht es ad infinitum et nauseam.
Bachman Turner Overdrive - You ain't seen nothing yet. https://www.youtube.com/watch?v=AH6H7mSvsvg

Kommentare:

  1. Aha! Jetzt weiß ich endlich wer den Trend mit diesem Fjällraven (oder so ähnlich) Hipster-Zeug angefangen hat. Wer es schafft die Wirtschaft anzukurbeln, indem er denen kaputte Plattenregale als Kühlschränke verkauft und die aus den Händen gerissen bekommt, weil man aus Kühlschränken auch Plattenregale bauen kann, der kommt auch auf die Idee, die dazu zu bringen mit hässlichen Rucksäcken rumzurennen und bei Aldi unterirdisches Verhalten an den Tag zu legen: Ein Teil aufs Band legen, weiter einkaufen gehen und sich dann beschweren, dass sie durch die danach gebildete Schlange nicht mehr zu ihrer Ware kommen und alle anderen gereizt sind, weil keiner weiß wem das Teil gehört und jeder denkt, man wolle es ihm unterjubeln. Das kann hier schon mal eine Stunde in Anspruch nehmen.

    Das muss aufhören! Die Rucksäcke gelten ab sofort als Mülltüten und du verkaufst denen irgendein schnell hingeschmiertes Machwerk darüber wie man sich beim Einkaufen benimmt als die neueste, alternative Scheiße. Credits für die Geschäftsidee kannst du behalten ;)

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    1. Ich wollte den Hipstern eigentlich meine Aldi-Tüten als "Handrucksäcke" verkaufen, aber Seminare über Sozialverhalten in Discountern sind natürlich auch okay :o)

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    2. Du könntest dich dann rühmen einen Ansturm auf ebay ausgelöst zu haben, wenn plötzlich Hipster aus dem Aldi Süd-Bereich Tüten aus dem Aldi Nord-Bereich für 50€ ersteigern wollen und umgekehrt.

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  2. Blogstuff 54 hat wieder EINWANDFREIES WELTNIVo.

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    1. Jede einzelne Pointe wird von Heinz Pralinski im hiesigen Kindergarten mit einer Gruppe von Vierjährigen überprüft, bevor sie raus geht.

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  3. Bachmann Turner Overdrive
    Ihr erfolgreichster Song war You Ain’t Seen Nothin’ Yet aus dem Jahr 1974. Randy Bachmann zeichnete sich durch das Tragen von Echtfelljacken aus. Nicht nur in veganer und tierleidender Hinsicht eine Zumutung. Auch konnte sein dünner Rauschebart, mit dem er versuchte das Air eines Holzfällers zu verbreiten, nicht über sein dümmliches, verquollenes Gesicht hinweghelfen. Ihr erfolgreichster Titel ist You Ain’t Seen Nothin’ Yet aus dem Jahr 1974.
    Overdrive: Technisch gesehen die Bezeichnung für einen hoch übersetzten Gang eines Fahrzeugmotors, der auf langen Geraden (in Deutschland Autobahn genannt) den Motor schonen soll und durch die geringere Drehzahl auch die Fahrzeuginsassen. Nachteil dieser Einrichtung ist , daß die Maschine dadurch kaum Drehmoment an die Antriebsachse liefern kann. Eine kleine Steigung, Fahrbahnunebenheit oder auch nur eine Zigarettenkippe mit Filter und man muß eine Fahrstufe herunterschalten. Damit passt es ganz gut zur besagten Band. Ihr erfolgreichster Titel ist You Ain’t Seen Nothin’ Yet aus dem Jahr 1974.

    Roh, unverbraucht und erdverbunden: Der kanadische Gegenentwurf zu US-Produkten aus den sklavenhaltenden Staaten von Amerika. Texas, Alabama und so. Eigentlich wollte man die kanadische Variante von Ted Nugent abliefern, was aber wegen Copyright-Querelen über Patriotismus, Schußwaffen und sauberes Familienbild scheiterte. Außerdem war niemand bei Bachmann-Turner-Overdrive imstande, sich sein Frühstück mit Pfeil und Bogen zu erjagen.
    Eggless, oder auf deutsch »ganz und gar ohne Eier«: Das kommt dabei heraus, wenn man als Rockmusiker niemals Drogen konsumiert. Uchiwa und Ōgi konnten kein Ersatz für kokaingestählte, nackte Oberkörper im Rampenlicht sein, kein Echtfell-Parka Gegenstück zu zwischen die Beine gegossenes Latex als Hosenersatz. So blieb es bei einer einzigen, kleineren Stippvisite in den Charts: Ihr erfolgreichster Titel war You Ain’t Seen Nothin’ Yet aus dem Jahr 1974.

    Der Fiat Cinquecento des Hard-Rocks. Da selbst diese zu kurz geratenen Menschen zusammen keinen Platz in diesem Fahrzeug fanden, welches – der Fachmann weiß es – zudem keinen Overdrive besaß, löste man sich irgendwann wieder auf. Ihr erfolgreichster Titel blieb You Ain’t Seen Nothin’ Yet aus dem Jahr 1974.

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    1. Ich nehme das mal als Bewerbung für unsere Redaktion. Guter Text! Wann kannst du anfangen?

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  4. Das Grüne heißt in Fachkreisen Fakirrasen und der Andere heißt Chultz.

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  5. Neulich bin ich am Savoy vorbeigelaufen. Da saß dieser unsägliche Bodybuilder "ich-hab-neulich-erst-wieder-Arnie-getroffen" Ralf Möller, mit einem Handy am Ohr, laut redend, ungefähr so einen Scheiß wie ein gewisser Herr vorm Borchardt, und ließ sich dabei von einem ekstatischem Fotografen ablichten.
    Ich nahm all meine Verachtung zusammen und ignorierte den Armleuchter in Grund und Boden. Wahrscheinlich muss der jetzt eine Traumatherapie machen.

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    1. Ich habe dir aus dem Savoy zugewinkt, aber du hattest ja nur Augen für diesen Ralf ...

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    2. Kein Wunder, ich bin ja die Oma aus Merseburg.

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  6. Ja, Lupo Laminetti… was soll ich sagen? Zu Tränen war ich gerührt, unfähig einer artikulierten Silbe. Allein die Aussicht, endlich als Schreiberling in Lohn und Brot zu sein; außer dem großzügigen Gehalt kranken- und sozialversichert, mein Lebensende in Braus nach Erreichen der gesetzlich vorgeschriebenen Altersgrenze… Wer käme da nicht ins Grübeln?
    Aber da ist auf der anderen Seite ja auch die Verantwortung gegenüber meinem Redaktionskampfhund Oskar und Redaktionsschwein Schnitzel. Mit fliegenden Fahnen davonlaufen und die beiden einem ungewissen sicheren Schicksal überlassen?
    Ich könnte nicht mehr in den Spiegel sehen – die Schrottpresse steht ja nicht nur für Ackerschlepper, Kleinbildzucht und Damenmoden, sondern eben auch für unbedingte Solidarität aller geknechteten und unterdrückten Minderheiten wie Redaktionskampfhunden und Schweinen.

    Und da ist auch noch etwas anderes – die Feder sträubt sich, es Dir zu gestehen: Du bist so entsetzlich fleißig! Jeden Tag ein Qualitätstext, 7/24 im Dienst unter unzähligen Pseudonymen… Ich dagegen bin faul und der sicheren Überzeugung, daß Faulheit Falten verhindert. Mir sind nur wenige Ausnahmen bekannt.
    So muß ich also dieses großherzige Angebot bedauernd ablehnen – und bricht es mir auch das Herz! Auch in Zukunft werde ich Dir lediglich mit Kommentaren hart an der Kante des off topics erhalten bleiben, mehr Doppelalbum denn Singleauskopplung, da ich ein wenig zum Labern neige.

    In herzlicher Zuneigung

    Der Chefredakteur des Fachblattes für Ackerschlepper, Kleinbildzucht und Damenmoden,

    Pantoufle

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    1. Lieber Pantoufle,

      hatte ich erwähnt, dass es bei mir jeden Tag und kostenlos Duplo bis zum Abwinken gibt? Hatten wir schon vom wunderschönen Ausblick auf den Garten gesprochen? Und dass hier Weißwein statt Wasser aus dem Hahn kommt? Und das Schwein darfst du gerne mitbringen, da haben wir doch für die ersten Tage gleich was zu essen. Du würdest hier auch gleich als Junior Vizepräsident einsteigen und bekämst einen eigenen Stuhl ...

      Überleg dir die Sache nochmal, okay?

      Der Leiter der Pointenqualitätskontrolle

      Johnny Malta

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