Samstag, 2. Juli 2016

+39

„Der Wein erquickt den Menschen das Leben. Und was ist Leben, da kein Wein ist? Der Wein ist geschaffen, damit er den Menschen fröhlich machen soll.“ (Sirach 31, Vers 32)
„Piùtrentanove“, +39, ist die internationale Vorwahl von Italien. Es ist aber auch mein aktueller Lieblingsitaliener. Es liegt an der Ecke Kreuzbergstraße / Möckernstraße und von den Sitzplätzen vor dem Lokal hat man eine sehr entspannende Aussicht auf den Viktoria-Park. Der deprimierende Birkenstock-Boulevard namens Bergmannstraße ist nur wenige hundert Meter entfernt, aber glücklicherweise verirren sich nicht allzu viele Touristen auf diese Seite des Mehringdamms. Auf dem Hipster-Ku’damm bleiben sie meistens unter sich. Obwohl es auf dieser Straße drei ausgezeichnete Italiener gibt: die Osteria No. 1, das Ristorante Primavera und eben das +39.
Während ich auf die Dame warte, die mir beim Essen Gesellschaft leisten wird, habe ich bereits ein Glas Prosecco bestellt. Der aufmerksame Kellner hat mir ein wenig frisches Brot und einen kleinen Teller gebracht. Ich träufele etwas Olivenöl auf den Teller und würze es mit frischem Pfeffer. Dann tunke ich genüsslich kleine Brocken Brot hinein und esse es. Sehr gemächlich, denn ich habe – wie immer – viel Zeit. Die Verabredung zum Mittagessen ist mein einziger Termin heute. Mit einem Termin pro Tag ist die Grenze meiner Verplanung von Zeit erreicht. Das hat den Vorteil, dass es zu keinen Überschneidungen oder zu hektischen Aufbrüchen kommen kann.
Am Nachbartisch sitzt eine italienische Familie mit zwei Kindern. Ich erkenne es an den teuren Schuhen und der eleganten Kleidung. Italiener sehen immer gut aus, wenn sie essen gehen. Deutsche in ihrer Freizeit sehen immer aus wie eine Mischung aus Nanga-Parbat-Expedition und Kinderzimmer. Verwaschene Tarnfarben oder eine Farbexplosion, bei der man sofort Augentinnitus bekommt – dazwischen scheint es nichts zu geben.
Ich beobachte den Pizzabäcker, der mit einem langen Schieber die belegten Teigfladen in den Steinoffen schiebt. Man kann ihm vom Vorraum bequem bei der Arbeit zuschauen. Den Koch sieht man nie. Beide Berufe haben auch nichts miteinander zu tun. Der Pizzabäcker kocht nicht und der Koch backt nicht. Zwei verschiedene Berufe, zwei Arbeitsplätze. Ein teutonischer Effizienzfanatiker hätte diese Tradition längst beerdigt, um den Gewinn des Lokals zu steigern.
Zwei junge Deutsche betreten das Lokal und setzen sich zwei Tische weiter. Sie bestellen Pizza und Bier, dann versinken sie stumm in die Welt ihrer schlauen Telefone. Die Dame, die ich erwarte, kommt herein. Wir begrüßen uns mit einer Umarmung und setzen uns. Es gibt viel zu erzählen. Sie bestellt einen Cappuccino, als der Kellner sie begrüßt, und wir studieren die Speisekarte. Ich entscheide mich für Spaghetti mit Knoblauch und Venusmuscheln, sie wählt einen Fenchelsalat mit Orangenfilets und Ziegenkäse. Außerdem bestelle ich Grillo, einen fruchtigen sizilianischen Weißwein.
Währenddessen ist die Pizza bei den Deutschen angekommen. Ich habe noch nie Menschen gesehen, die so schnell essen. Möglicherweise sind sie auf der Flucht. Aber die Pizza ist riesig. Sehr dünn, sehr knusprig, sehr lecker. Doch sie hat den Durchmesser eines kleinen Autoreifens. Der Anblick dieser Pizza flößt mir jedes Mal Respekt ein. Hat man sie vor sich, sinkt einem erst mal das Herz in die Hose. In ihrem verbissenen Kampf werden die jungen Deutschen müde und erlahmen schließlich. Sie picken den Belag am Ende zusammen und lassen einen Teil des Pizzabodens auf dem Teller liegen. Augenblicklich verlangen sie die Rechnung und sind bald verschwunden.
Die Dame und ich plaudern angeregt über Familiäres und Kulturelles, als unsere Gerichte kommen. Ohne unsere Unterhaltung zu unterbrechen, schmausen wir und versuchen gegenseitig unsere Bestellungen. Ein Ehepaar aus den USA, wie immer etwas zu laut und zu offensiv, setzt sich in unsere Nähe. Sie bestellen Pizza und Bier. Als wir den ersten Gang abschließen, bekommen die Amerikaner ihre beiden Pizzas. Sie schlingen sie hinunter wie Hunde. Schweigend, ohne den Blick zu heben, als ob sie Angst hätten, man würde ihnen den Teller entreißen. Als wir den nächsten Gang bestellen, sind sie bereits mit dem Essen fertig und bezahlen, während die leeren Teller noch vor ihnen stehen.
Die Dame und ich bestellen gemeinsam eine Pizza „+39“ mit leckeren Auberginen (mein Ding), Ziegenkäse (ihr Ding), Cherrytomaten und Basilikum. Kein Problem, sie wird geteilt und auf zwei Tellern serviert. In der Zwischenzeit sind ein paar Männer in Anzügen eingetreten. Offenbar haben sie Mittagspause. Sie bestellen Pizza und Apfelsaftschorle. Sie bekommen ihr Essen etwa zur gleichen Zeit wie wir, aber sie brauchen für eine ganze Pizza solange wie wir für unsere halbe. Ich staune über die Hochgeschwindigkeitsesser in dieser Stadt.
Zum Abschluss nehmen wir, wie so oft, das Dessert misto per due. All die leckeren Schweinereien wie Panna Cotta oder Tiramisu in kleinen Portionen auf einer großen Platte. Eine Sensation. Der krönende Abschluss eines ausgedehnten Essens. Am Ende gebe ich zwei Espressi in Auftrag und verlange nach der Rechnung. In alter Gewohnheit bekomme ich noch einen Grappa aufs Haus, während die Dame wieder ins Büro muss und daher auf den Alkohol verzichtet.
Neunzig Minuten habe ich in diesem Lokal gesessen, sehr gut gegessen und mich sehr gut unterhalten. Außerdem habe ich mich köstlich über meine Mitmenschen amüsiert und einiges über ihr Verhalten gelernt.
Wizzard - See My Baby Jive. https://www.youtube.com/watch?v=uHNdQJPmTRU

Kommentare:

  1. Eine gelungene short-story.

    Mir gefällt der gesamte Text, die "Beobachtungen", die Erklärungen.
    Und natürlich "teutonischer Effizienzfanatiker". Das ganz besonders.
    Ein schönes Rest-Wochenende

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    1. Danke, wünsche ich dir auch. Wieder gesund?

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    2. Nein. Das dauert immer länger, auch eine Grippe. Seit ich vor 5 Jahren einen Schlaganfall hatte, der lt CT keiner gewesen sein soll und ich stetig weiter abbaue, kräftemäßig, gesundheitsmäßig, zehrt mich jedes "Zipperlein" stetig weiter aus. Ich denke, es wird noch eine ungute Woche dauern, bis diese zusätzliche Belastung abgeheilt sein wird.
      Was sagst du zum heutigen Spiel? Ich tippe ja auf Italien, nicht nur wegen der grottenschlechten Gesamtbilanz, sondern ich halte die Italiener für abgezockter, cleverer, immer noch.

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    3. Ich bin so nervös wie vor einem Endspiel. Ist eine fifty-fifty-Sache, könnten aber auch nur fünfzig Prozent sein, um mal "Die nackte Kanone" zu zitieren. Wer das Spiel gewinnt, holt den Pokal, da lege ich mich jetzt mal fest. Obwohl ich nichts gegen eine Finale Wales-Island hätte.

      Ein Freund von mir feiert in Wackernheim seinen 50. Geburtstag, es kommen bestimmt an die vierzig Leute. Das wird also mein erstes Public Viewing, denn bei schönem Wetter schleppen wir den Fernseher auf den Hof vor seiner Wohnung.

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    4. Ich wünsche euch allen richtig viel Spaß, eine Riesen-Gaudi, zu 100%.

      Und unbekannte Grüße von mir an den Jubilar. 50 sind eine runde Sache, egal was die anderen sagen. Alles Gute für ihn und den Gästen eine derbe Feier.

      Auf Thai: Suk san wan gööd - Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.
      Kannst Du dir das merken?
      Sonst schreibs auf.
      Und ganz wichtig, die ersten 3 Worte werden mit kurzem Vokal gesprochen. gööd mit langgezogenem Vokal. Du schaffst das schon.

      Und trink bitte einen (oder mehrere, du brauchst da nicht kleinlich sein) für mich mit!
      FF = Viel Vergnügen. (Weil "VauVau" sich richtig doof anhört)

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    5. Ich werde es ausrichten. Und ich werde mindestens einen für dich mittrinken ;o)))

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  2. Das Restaurant wird ausprobiert: In Sachen Pizza, Wein, Pasta, insbesondere Nachspeise - und auf jeden Fall mit Zeit. Einen Kaffee trinke ich aber jetzt gleich schonmal - und Lust zu kochen bekomme ich auch gerade. Daher Danke in zweierlei Hinsicht. ;)

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    1. Viel Vergnügen. In ein paar Wochen bin ich auch wieder in Berlin - und im +39.

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