Donnerstag, 16. Juni 2016

Retrostuff: Erklärung

Es ist gut, dass es sie gibt. Sie sind an meine Knöchel gekettet, ich schleife sie hinter mir her und sie halten mich als Gegenleistung am Boden. Es sind wahrhaft stählern zu nennende Ungetüme, sie sind unglaublich schwer und auf diese Weise verhindern sie, dass ich wegfliege. Kaum vorzustellen bei der geringen Schwerkraft dieses Planeten! Sie sind überlebensnotwendig, stellen Sie sich nur vor, sie sprängen in den Himmel und brauchten Wochen, bis Sie wieder auf dem Boden wären! Nein, nein, da ist es schon besser, diese Gewichte mit sich zu tragen. Natürlich ist das Fortkommen mit ihnen beschwerlich und in diesen Wintertagen sind sie eine besondere Last, soviel ist gewiss.
Es ist vor allem eine wohltuende Müdigkeit, die sie mir verschaffen. Alles wird zur Anstrengung, immer bin ich gleich zu Tode erschöpft. Aber diese ankerförmigen Gebilde geben mir Halt, sonst würde ich durch die Stadt taumeln und ständig gegen Häuser und Passanten fliegen. Das wäre nicht schön, geradezu albern und würdelos wäre das. Dagegen aber die Würde dieser schweren Arbeit! An manchen Tagen lupfen die Menschen anerkennend die Hüte, wenn ich vorüber komme, immerfort angestrengt an den Ketten zerrend. Meine verbissene Beharrlichkeit, allerdings nur das Produkt meist wochenlanger Untätigkeit, lässt mich wenigstens die notwendigsten Aufgaben bewältigen. Ohne diese überraschende, stundenweise Entschlossenheit wäre ich schon längst verhungert. Ich würde in irgendeinem Wald liegen, von klarem Eis bedeckt, und im Frühjahr würde ich beginnen, zu vermodern und zu verrosten.
Sinead O'Connor - Nothing Compares 2 U. https://www.youtube.com/watch?v=auUPqxI1vqg

Kommentare:

  1. Ich nehme mal an, dass hier der Zusammenhang von Depression und der Pseudologik aller Rationalisierungen das Sujet ist?
    Geht auch lustiger: "Geschieht meiner Mama gerade recht, dass es mir so schlecht geht!"

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    1. Der Text ist wirklich uralt. Mich würde selbst die Intention interessieren. Damals war ich in meiner Kafka-Phase, die man offenbar einmal durchleben muss ...

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  2. Ja, der Kafka ist wie die Milchzähne. Da kommt kein Mittelstandsbengel, der auf sich hält,dran vorbei.
    Ist auch gar nicht so schlimm, wie man das als Davongekommener hinterher immer macht.
    Und irgendwie hast Du in diesem Pastiche seinen Stil des gleitenden Paradoxons schon richtig mit- und hingekriegt.

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