Mittwoch, 22. Juni 2016

In der Asche deines Schattens

„Meine Absicht war und ist mir auch während des Schreibens dunkel geblieben.“ (Julien Green)
Er war nicht mehr jung. Er sah die Zerstörungen in seinem Gesicht, als er in den Spiegel blickte. Wenn er an die Fotos seiner Kindheit, seiner Jugend zurückdachte ... jetzt konnte man den Eindruck haben, als hätte ein schwerer Boxkampf dieses Gesicht zerstört. Bald würden die Mühlsteine der Zeit sein Leben endgültig zu Staub zermahlen haben.
Ein Geräusch wie eine Explosion. Er rannte hinaus und sah den Rauch. Hinter dem Haus begann der Wald und zwischen den ersten Bäumen sah er eine Metallscheibe, etwa zwei Meter im Durchmesser, die schräg in den Erdboden eingeschlagen war. Vor der Scheibe lag eine Schildkröte, die mit den Beinen ruderte und qualvoll verendete. Dann kroch ein Fisch aus dem Wrack. Er zappelte und starb ebenfalls. Dann sah er die kleine Eidechse, die sich unter einem Ast verkrochen hatte. Als er seine Hand nach ihr ausstreckte, schnappte sie zu und biss ihm in die Finger.
Am nächsten Tag sah er die fremde Frau zum ersten Mal. Er wollte gerade in die Küche gehen, da stand sie im Flur seiner Wohnung. Eine kleine junge Frau mit langen schwarzen Haaren. Er zögerte, dann ging er auf sie zu. Sie müsse mit ihm sprechen, sagte sie. Dann öffnete sie einen Schrank und ging hinein. Sie bat ihn, ihr in den Schrank zu folgen. Als sie beide im Schrank standen, begann sie zu erzählen. In völliger Finsternis erzählte sie ihm, sie sei ermordet worden und er müsse ihren Mörder finden. In den nächsten Tagen stand die Frau immer wieder im Flur. Immer wieder erzählte sie ihm in der Dunkelheit des Schranks ihre Geschichte, erzählte sie von Rache und Sühne.
Eines Tages ging er zur alten Kapelle auf der Klippe, nicht weit hinter dem Wald. Dort stand sie und blickte aufs Meer hinaus. Er ging lautlos von hinten auf sie zu und stieß sie von den Felsen hinab. Du hattest nicht den Mut zu springen, also habe ich dich erlöst. Ich habe deine Seele befreit. So wie ich mich erlöst habe und befreien werde.
Als er wieder zu Hause war und vor dem Spiegel stand, sah er ein neues Gesicht. An seinem Kinn wuchsen Warzen wie Muscheln an einem Schiffsrumpf. Zufrieden leckte er sich mit seiner gespaltenen Zunge über die blutroten Augen.
Black - Everything's Coming Up Roses. https://www.youtube.com/watch?v=koRT3HEmre4
Black, bürgerlich: Colin Vearncombe, ist Anfang des Jahres an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben (Danke, dergl).

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