Freitag, 20. Mai 2016

Über Religion

“For every complex problem there is an answer that is clear, simple, and wrong.” (H. L. Mencken)
In einem verwunschenen Garten leben ein Mann, den man aus Lehm zusammengebastelt hat, und eine Frau, die man aus einem Rippchen gemacht hat. Eine sprechende Schlange überredet die Frau, von einem magischen Baum zu essen. Sie tut es und seitdem liegt auf allen Menschen der Fluch der Erbsünde. Aber wenn wir an einen arbeitslosen Herumtreiber glauben, in dessen jungfräuliche Mutter angeblich ein Geist gefahren ist, leben wir nach dem Tod weiter. Ist das Euer Ernst? Komm schon, Mr. Popeman! Die Geschichte nehme ich dir nicht ab.
Eins haben die drei Buchreligionen, die ihren Ausgang im Nahen Osten nahmen, gemeinsam: Es gibt einen kleinen Prozentsatz von Strenggläubigen, von Radikalen, die zur Bedrohung werden. Fangen wir mit den Christen an. Da gibt es die Evangelikalen in den USA, Typen wie der glücklicherweise gescheiterte Präsidentschaftskandidat Ted Cruz, es gibt Sekten wie die Zeugen Jehovas oder die Pfingstbewegung, die als religiös verblendete Fanatiker eine Gefahr darstellen. Es gibt im Islam radikale Islamisten, die ebenso intolerant und totalitär sind, und im Judentum gibt es die Orthodoxen. Sie alle erinnern mich an die Ultras, an die Hooligans unter den Fußballfans. Die wenigen Radikalen diskreditieren eine ganze Gruppe.
Dabei sind die Religionen gar nicht so übel, wenn man sie ihrer Rituale, ihrer Organisationen und ihrer blumigen Sprache entkleidet und auf den wesentlichen Kern der Sache reduziert. Und der Kernsatz aller Religionen ist: Seid nett zueinander und nehmt euch selbst nicht so wichtig. Aus der Bergpredigt könnte man mühelos eine neue und bessere Gesellschaftsordnung als die jetzige extrahieren. Ganz unabhängig davon, ob man glaubt, dass dieser Jesus von Nazareth von einem „heiligen Geist“ oder von einem erfolglosen Handwerker (Geburt im Stall – ich bitte sie; zu dieser Zeit hatten die Römer schon die Fußbodenheizung erfunden) gezeugt wurde. Es ist sogar völlig bedeutungslos, ob Jesus überhaupt existiert hat. Und die Qualität seiner philosophischen Ansichten muss nicht durch das Zirkusprogramm seiner Wunder unterstrichen werden. Es geht auch ohne Show und Drama (das Ende!).
Aber das ganze Drumherum ist einfach unerträglich. Sehen Sie sich nur mal die Klamotten und die Hüte von Kardinälen an. Und gibt es etwas Langweiligeres unter der Sonne als Oblaten? Schmeckt nach nix. Was soll das? Und mit den zehn Geboten sind die Christen ja noch gut weggekommen. Die Juden haben 613 Ver- und Gebote. Diese armen Menschen brauchen zwei Kühlschränke und zwei Besteckkästen, weil man Milchiges und Fleischiges nicht zusammen essen darf. Wo ist da der Sinn? Sie essen einen Cheeseburger und haben sich an Jehova vergangen. Den Schwachsinn hat sich doch kein Gott ausgedacht, sondern irgendein kleinkarierter Bürokrat. Und am Sabbat darf ich weder Auto fahren noch einen Fahrstuhl benutzen. Wer denkt sich sowas aus? Und die Muslime mit ihren Kopftüchern und ihrem Bilderverbot. Warum darf ich mir kein Bild machen? Das sind doch alles Regeln, die sich Menschen ausgedacht haben, um sich gegenseitig zu schikanieren. Sikhs dürfen nicht zum Friseur, Hindus dürfen kein Jägerschnitzel essen. So gewinnt man keine neuen Fans.
Aber ich will nicht ungerecht sein. Man kann auch einiges von den Religionen lernen. Die Idee des Fastens zum Beispiel. Ich mache mehrmals im Jahr Medien-Fasten und halte mich von den Lärmquellen der Menschheit fern. Es tut mir wirklich gut und ich kann es nur jedem empfehlen. Man kann es aber auch anders in den Alltag integrieren. Ich nenne es „Mikro-Fasten“. Einfach mal die Klappe halten und zuhören. Nicht seine Meinung sagen, sondern über die Meinung anderer nachdenken. Drei Tage ohne Schokolade. Eine Woche ohne Bier. Okay, das ist brutal. Ein Abend ohne Bier. Zwei Abende. Die Grundidee, mit seinen Gewohnheiten für eine bestimmte Zeit zu brechen, ist großartig und wir haben sie der Religion zu verdanken. Die Grundidee hatten die Religionsstifter vermutlich aus dem Alltag. Und sie haben aus der Not eine Tugend gemacht. Wir haben nichts zu essen? Wir wollen gar nichts essen. Das ist doch sehr clever, oder? Ich bin arbeitslos? Ich will gar nicht arbeiten. Ich habe kein Auto? Ich finde den Bus viel cooler. Das alles habe ich beim Fasten gelernt.
P.S.: Hätten Sie’s gewusst? Weihrauch unterliegt, trotz seiner psychoaktiven Wirkung, nicht dem Betäubungsmittelgesetz.
P.P.S.: Ich denke an Marco Russ, den Kapitän von Eintracht Frankfurt. Erst die Krebsdiagnose, dann das Eigentor im Relegationsspiel der Bundesliga und die Sperre für das Rückspiel. Bei einem Doping-Test hatte man bei ihm ein Wachstumshormon gefunden, dass normalerweise nur schwangere Frauen ausschütten. Aber in seinem Körper wächst kein Baby heran, sondern ein Tumor. Vielleicht gibt es keinen Gott, aber den Teufel gibt's auf jeden Fall!
Touré Kunda: Okunaya. https://www.youtube.com/watch?v=oc1lfaYGWCs

Kommentare:

  1. Jede Religion hat nicht nur spirituelle Wurzeln, das Übersinnliche zu erklären oder zu benutzen (je nachdem), sondern zu den Zeiten der Religionsbegründer (Jesus, Bhudda, Mohammed) gab es politische, soziale und klerikale
    Missstände, denen mit Vorschriften und Empfehlungen entgegen gewirkt werden sollte.

    Was dann relativ schnell durch korrupte Nutznießer, die immer wieder die Dummheit und Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzten, daraus wurde, kann man sehr schön über die Jahrhunderte hinfort betrachten.

    "Religion ist Opium fürs Volk" - Nicht ganz: Religion wurde zu allen Zeiten zu Opium fürs Volk verarbeitet-

    Wie Politik und aktuell Volks- und Betriebswirtschaftslehre.

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    1. Könnte auch Opium des Volks heißen. Koks können diese Arbeitswichtel sich gar nicht leisten.

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  2. Wenn das Mittagessen mal wieder durch Engerschnallen des Gürtels ersetzt wird, taugt wirklich jede Religion als umfassende Erklärung dafür.

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    1. "Gürtel enger schnallen":

      Ist das noch ein Gebet oder schon Litanei?

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  3. Ein paar gut geschriebene Zeilen von Dieter "yello" Meier zu dem Thema aus seinem Blog, der leider schon seit längerem brach liegt:

    http://blog.dietermeier.com/gott-im-fleisch-aus-den-tiefen-des-weltalls/

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  4. Gerade der Teil der Essregeln wäre jetzt bei jeder Religion der attraktivste, wenn man nicht ewiges Seelenheil, sondern ewige Fitness verspräche.

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    1. Oder man erhebt Veganismus, Diät-Hopping und Bio-Shopping gleich in den Rang einer Religion - was einige Mitbürger ja ganz offensichtlich schon getan haben ;o)))

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    2. Meine Theorie ist ja, dass in der säkularen Gesellschaft religiöse Inhalte an anderen Stellen auftauchen, meist in wissenschaftlichem Gewand. Ich bin dann doch lieber Katholik

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