Dienstag, 31. Mai 2016

Retrostuff: Michelangelo

Die ersten Sonnenstrahlen wärmen mein Gesicht, geduldiges kleines Buch. Es wird Frühling. Ein feiner Duft weht durch meine weit geöffneten Nasenflügel in den Kopf hinauf und erinnert mich an jene dunklen Tage, da ich endlich in die große Halle der Zero-Behörde geführt wurde.
Seit Tagen empfand ich schon einen dumpfen drückenden Schmerz in der Stirn. Es drängte mich, ich wurde unruhig. Bald hielt ich es nicht mehr aus und im Morgengrauen des folgenden Tages wurde ich vor die Behörde gebracht. Ich lief gleich hinein, meldete mein Kommen und wartete dann ungeduldig in der Halle auf alles Weitere.
Als man mich in den großen fensterlosen Saal führte, den eine Sonne hell erstrahlen ließ, war die Zeit des Wartens beendet. Alle Zeit war vergessen, Tage und Wochen, Monate und Jahre waren bedeutungslos geworden, hier zählten nur die uferlosen Augenblicke und die Zeiger der Uhr krochen dahin wie tausendjährige Schildkröten. Ich setzte mich in den Behandlungsstuhl und zwei kräftige Männer kamen, um mich zu halten.
Der Schmerz war unbegreiflich. Er loderte in meinem Gehirn und löschte alle weiteren Gedanken. Ich war wieder ein Tier: ich schrie und zappelte wild. Mit tiefen, nicht enden wollenden Schnitten öffneten sie mir die Stirn. Trotz meines Schreiens hörte ich das reißende sägende Geräusch der Messer in meinem entzündeten Fleisch. Ich ballte die Fäuste mit solch wahnsinniger Kraft, dass ich später – als alles vorbei war – Mühe hatte, sie wieder zu öffnen.
Seitdem ist einige Zeit vergangen. Die Wunden sind noch frisch, doch der Schmerz ist vergessen. Ich bin sehr dankbar. Sie haben mir einen schönen neuen Mund in die Stirn geschnitten.
P.S.: Die Geschichte habe ich am 6. März 1992 geschrieben. Damals gab es einen ganzen Zyklus um die „Zero-Option“ und die „Zero-Behörde“. Das waren Synonyme für das Schriftstellerleben und die Schriftstellerzunft, in die meine Figuren Primo Rakk, Ars Proctor, Fausto Bergomask und wie sie alle hießen gerne eintreten wollten. Das war mein Jugendtraum: Schriftsteller. Und als alter Kafka-Fan natürlich: erfolgloser Schriftsteller. Heute kann ich sagen: Ich habe diesen Traum wahr gemacht.
Der konkrete Hintergrund dieser kleinen Erzählung ist der Rosenmontag 1992. Mein Vater fuhr mich nach Mainz – zur Uni-Klinik, nicht zum Rosenmontagszug. Meine rechte Backe war von einer Eiterbeule so zugeschwollen, dass mir die Nase schräg im Gesicht stand. Im Behandlungszimmer gab man mir eine Betäubungsspritze, die das entzündete Fleisch jedoch nicht betäubte. Zwei junge Männer packten mich links und rechts, während ein dritter auf meiner Brust kniete und die Wunde mit einem Skalpell öffnete. Ich schrie wie eine abgestochene Sau. Als ich, völlig erschöpft von den Schmerzen, wieder ins Wartezimmer kam, wo mein Vater saß, blickten mich die anderen Patienten in der Notaufnahme nur entsetzt an. Mein Vater erzählte mir auf der Rückfahrt, während meiner Behandlung hätte ein Drittel der Wartenden den Raum verlassen.
In den nächsten Tagen folgen noch ein paar kurze Stücke aus der Zeit um 1990.
Queen: The Miracle. https://www.youtube.com/watch?v=2DaY8-Mui0I

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