Dienstag, 10. Mai 2016

Gedanken aus Franken, Teil 2

„Höhepunkte der Prosa Bonettis sind die präzisen Beobachtungen des Alltags und die Gesprächsminiaturen.“ (Johnny Malta)
Früher Morgen. Nur durch ein fadenscheiniges Rigipswändchen getrennt höre ich N. im Nachbarzimmer schnarchen. Dann die Toilettenspülung, anschließend ein wenig Fernsehen, dann sägt er wieder. Ich stelle mir vor, wie er – friedlich wie ein Dachs in seinem Bau – zusammengerollt in seinem Bett liegt und von kommenden Mahlzeiten träumt.
Aufkleber im Hotelbadezimmer: „Dear Stuff! Guest in bed means: I am still alive. Guest on the floor means: I am dead. For the sake of our souls.”
Wieder im Gasthaus “Sonne”. Die winzigen Blumentöpfe auf dem Tisch, unscheinbare Blüten in grünen Blecheimerchen. Liebevoll jeden Tag gepflegt in einem Biergarten, in dem außer mir niemand sitzt. Auf den Fensterbrettern winzige Tragelampen mit Teelichtern, die niemals angezündet werden. Ich denke an den dicken Wirt, der wie ein Behinderter läuft. Diese Menschen haben eine Sehnsucht nach Romantik und Schönheit, die sie mit Worten nicht ausdrücken können. Ganz schüchtern und unbemerkt sind diese Zeichen ihrer Hoffnung. Es zerreißt mir das Herz, weil ich erst langsam die Gefühle dieser einfachen freundlichen Leute begreife.
Ich sitze allein im Biergarten, als die Wirtin vorbeikommt, um aus der Scheune gegenüber ein paar Vorräte zu holen. „Herrlich, oder?“ sagt sie zu mir und lächelt. Sie meint vermutlich das Wetter, aber sie hat auch ganz allgemein Recht. Auf eine ganz spezielle und sehr bescheidene Weise ist es schön in der „Sonne“ und man will eigentlich nie wieder weg, weil das Leben nirgendwo besser sein könnte und die Suche nach einem besseren Leben doch nur enttäuschend wäre.
Und dann kommen sechs lustige Wandergesellen aus dem Sauerland und setzen sich an den Nachbartisch. Ehrliche Kerle mit Schnaps, Brot und Wurst in den Rucksäcken. Wir verplaudern und vertrinken ein nettes Stündchen und wieder behält die Wirtin Recht: Es ist einfach herrlich hier, weil es so herrlich einfach ist.
Sonntagvormittag. Wir sitzen zum Frühschoppen unter einer alten Kastanie am kristallklaren Bach. Waldmühle, Freienfels. Der Wind rauscht in den Bäumen, die Vögel singen und ein Frosch hält einen Monolog. In der Gaststube sitzen ältere Männer beim Kartenspiel. Auf dem Campingplatz hinter der Mühle ist ein kleines Holzhaus zu vermieten, für sechs Euro pro Nacht.
Sonntag, zwölf Uhr. Auf seinem schwarzen T-Shirt sieht man eine totenköpfige Gestalt mit wehender Mähne auf einem schweren Motorrad. Er ist - ebenso wie seine Frau – bis unter die Hutkrempe tätowiert. Das Besteck verschwindet fast in seinen riesigen Fäusten. Anderswo vielleicht eine furchterregende Erscheinung. Hier sitzt das Paar unter anderen Paaren und Familien im bis auf den letzten Tisch gefüllten Brauereigasthof Schmitt in Scheßlitz, friedlich vereint durch Rindsroulade mit Kloß und Rotkraut, den weichen fränkischen Dialekt und das köstliche Bier. Die kaum tischhohe Maria, das Enkelkind der Wirtsfamilie, hilft mit stolzem Lächeln beim Bedienen der Gäste, bringt – mit beiden Händen das Glas haltend – anderen Kindern große Gläser mit Orangenlimonade und wird von allen Anwesenden liebevoll als „kleine Chefin“ bezeichnet. Ein schwerer alter Mann mit Kassengebiss erklärt mir lächelnd, sie wäre seine Freundin. Ihre Mutter setzt sich kurz an jeden Tisch, an dem bezahlt wird, und hält ein Schwätzchen mit den Leuten. Keiner sitzt allein, ich sehe kein einziges Smartphone.
Aura im Sinngrund – das ist nicht der Titel eines Aufsatzes von Herbert Marcuse, sondern tatsächlich ein Ortsname im Spessart.

Das Bildnis des Dorian Gray. Wenige Tage in Franken genügen, um meine mühsam erworbene Schwimmbadfigur wieder zu pulverisieren. Der Kollege N. muss mit Photoshop seine grausamen Scherze getrieben haben. Sehe ich für andere wirklich so aus? Sollte ich „etwas tun“? Wer heute sagt, er mache keinen Sport, wird mitleidig belächelt und gehört praktisch schon zur Unterschicht. Und ist so ein Mensch nicht auch irgendwie verdächtig?
P.S.: Es gibt jetzt „Solarbier“, dass unter „ständiger Kontrolle der TU München-Weihenstephan ausschließlich mit erneuerbaren Energien hergestellt wird“. Ich weiß nicht, was ich von dieser Information auf der Rückseite einer Bierflasche halten soll. Ich mag die Windräder und Solarzellenplantagen nicht. Das Weiherer Kellerbier schmeckt aber auch in dieser Form. Traditionell hergestellt werden weiterhin Gerichte wie Fettbrot, Schlachtschüssel, Blutkuchen und Stechbrühe. Und bei Familie Ungemach im schönen Dettelbach kann man im Innenhof seinen Schoppen (0,25 l) vorzüglichen Frankenwein noch für 2,40 € bekommen.
P.P.S.: In dieser Gegend ist aber auch wirklich der Teufel los! Breaking-News aus Franken vom 8. Mai: „Eine 62-jährige Bäckereifachverkäuferin traute Sonntagfrüh gegen 03.30 Uhr ihren Augen kaum, als ihr ein fünfjähriges Mädchen im Nachthemd am Marktplatz in Münnerstadt entgegenkam. Die Verkäuferin fasste sich ein Herz und nahm sich dem Mädchen an, teilte die Polizei mit. Zuerst wollte die 62-Jährige die Ausreißerin nach Hause bringen, wo den beiden jedoch niemand öffnete. Daher nahm sie das Mädchen mit in die Bäckerei, wo sie ihr mit einer Tasse Kakao und einem Hörnchen zumindest ihren Vornamen entlocken konnte. Die hinzugerufene Polizeistreife bekam dann heraus, dass der Vater des Mädchens aufgrund eines Feuerwehreinsatzes alarmiert wurde und die Wohnung verlassen hatte. Die Fünfjährige, die zwischenzeitlich aufgewacht war, wollte wohl nach ihrem Papa sehen, verließ ebenfalls die Wohnung und konnte aufgrund der geschlossenen Haustür nicht mehr alleine zurückkehren. Der Vater des Mädchens konnte verständigt werden und nahm seine Tochter glücklich in Empfang.“ (Quelle: infranken.de)
Cockney Rejects - I'm Forever Blowing Bubbles. https://www.youtube.com/watch?v=xarRSIyjzxM

Kommentare:

  1. Hey Matthias...
    Biergläser stemmen wird demnächst als Sportart anerkannt...
    Viel Spaß beim Training...
    Lach..
    Gruß aus Berlin
    Hubert

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dann komme ich diesen Sommer ja doch noch nach Rio ;o)

      Löschen
    2. Ist in Rio dieses Jahr etwas Besonderes? Muss man das wissen?

      Löschen
    3. Das einarmige Reißen in der Halbliterklasse - und ich bekomme ein Extrahonorar, wenn ich an der Copacabana nicht im Stringtanga auftauche :o)

      Löschen
  2. Mensch samma in a Halbe so a. - oder wie der Lateiner sagt.
    Der Sinngrund heißt Sinngrund weil dort jede Familie ein Mitglied durch einen Verkehrsunfall verloren hat.

    AntwortenLöschen