Sonntag, 22. Mai 2016

Blogstuff 44

„Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen.“ (Aristoteles: Eudemische Ethik)
Der Garten, in dem die Träume der Toten leben.
Das Abendland befindet sich in freiem Fall.
Politik ist in Form konkreter Personen offenbar besser zu vermitteln als in Form abstrakter Grundsatzpapiere. Die Leute reiben sich an einem Baum, nicht am Wald.
Hofberichterstattung: Inzwischen ist die „Frau im Spiegel“ im Umgang mit der Obrigkeit kritischer als der „Spiegel“. Da wird wenigstens noch über außereheliche Affären berichtet.
Wegen Bauarbeiten steht zum ersten Mal in der Geschichte eine Verkehrsampel im Dorf. Die tote Kreuzung, an der früher eine Bäckerei, ein Supermarkt und ein Gasthaus gewesen sind, wirkt richtig urban. Aufgepasst, Wapanucka / Oklahoma! Hier kommt Schweppenhausen!
Gourmet-Tipp: „Bullmaninger Schwedendübel“. Das ist ein Riesensandwich mit Roastbeef, Sardinen, Gurke, Parmesan, Weinbergsalat und Bärlauchmostrich.
„Alle Äußerungen und Vorwürfe Bonettis zielen ins Leere“, sagte Lupo Laminetti bei einer Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Deutschen Zahnsteinmuseums in Bad Nauheim.
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Am Samstag spielt „Unfreiwilliger Harnverlust“ im SO 36. Hammer!
Warum schmeckt Zigeunersoße eigentlich genauso beschissen wie es klingt?
Eine Schatztruhe voller Erinnerungen. Ein langweiliges Leben ist die Ursache für eine ganz andere Form der Altersarmut. An was erinnert sich der Abteilungsleiter eines Versicherungskonzerns, wenn er in Rente geht?
Kuschelrock ist so deutsch wie Exportweltmeister und unbetretener Rasen.
Ich bin mit M. zur Schule gegangen. Seit 35 Jahren ist er der Sänger einer Rockband, seit 35 Jahren singt er „Sweet Home Alabama“ und andere Klassiker. Seit 35 Jahren ist er in der SPD und inzwischen der Bürgermeister in seinem Dorf. Und genau das ist das Problem: immer die gleiche Musik, immer die gleichen Phrasen. Jägerschnitzel mit Pommes frites forever! Aber jetzt ist die Zeit gekommen, wo man das ewig Gleiche nicht mehr hören will. Es reicht. Es ist längst genug. Wir wollen etwas anderes. Für die Endlosschleife der Mittelmäßigkeit ist das Leben einfach zu kurz.
Über uns ist der Himmel. Und er ist voller Geier.
In Kleinanzeigen umschrieben sich Menschen wie ich früher mit dem Begriff „Rubensfigur“. Mir gefällt auch der Ausdruck „leicht übergewichtig“.
Wichtige Erfindung der Vergangenheit: der Flaschenöffner. Erfindung der Gegenwart: der Flaschenöffner mit 8 GB Speicherplatz.
Es ist erstaunlich, wie viele unterschiedliche Emotionen der Mensch ausdrücken kann, seit es das Internet gibt. Bei Facebook kann man nicht nur etwas gut finden, sondern auch traurig, erstaunt, dankbar, erfreut oder wütend sein.
Erdbeben und Erdbeeren – das Schöne und das Schreckliche liegen oft so nah beieinander.
Malerei und Musik passen in unsere Zeit. Die Menschen schauen sich ein Gemälde einige Augenblicke an und gehen dann zum nächsten, so als würden sie die Urlaubsfotos eines Nachbarn betrachten. Sie hören ein kurzes Musikstück von drei Minuten Dauer. Es gefällt ihnen oder es gefällt ihnen nicht. Man muss nicht länger darüber nachdenken. Literatur hat in dieser Welt keine Chance. Für Tolstois „Krieg und Frieden“ braucht man fünfzig bis sechzig Stunden Lesezeit, im Idealfall innerhalb von zwei Wochen. Man braucht Zeit und Ruhe, Muße und Konzentration, um den Handlungsfaden und das umfangreiche Romanpersonal nicht aus den Augen zu verlieren. Wer schafft das, wenn man berufstätig ist und Familie hat? Es gibt keine zusammenhängende Lesezeit, die nicht durch Verpflichtungen und Ablenkungen perforiert wäre. Darum werden die großen Romane auch nicht mehr gelesen und geschrieben. Literatur ist eine Welt der Außenseiter geworden.
Es hilft ja nicht, wenn wir auf bessere Politiker warten, wenn wir auf bessere Politiker hoffen. Wir sollten es so machen wie die Tibeter: Suchen wir uns ein kleines Kind und ernennen wir es zum Präsidenten. Nur die klügsten Philosophen und die kreativsten Künstler dürfen dieses Kind begleiten und es ausbilden. Auf keinen Fall jemand aus einer Partei oder von einer Unternehmensberatung.
The Pet Shop Boys - To Face The Truth. https://www.youtube.com/watch?v=pX-PFTXV80c
Welterbe-Wein-Triptychon, 2006. Von Michael Apitz, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7111990

Kommentare:

  1. Du tust Versicherungsleuten wohl unrecht. Es gab mal einen Blog von einem Versicherungsmenschen, der voller haarsträubender Erlebnisse war...

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    1. Vermutlich birgt jede Berufsgruppe, die man als Beispiel für ein vergeudetes Leben heranzieht, ihre Geheimnisse :o)

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    2. Kafka zog es vor, seinen blog weit vor seiner Verrentung zu schließen.

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  2. "Das Abendland befindet sich in freiem Fall." Sein demnächstiger Aufschlag wird dem Morgenland nicht bekommen.

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  3. "Warum schmeckt Zigeunersoße eigentlich genauso beschissen wie es klingt?"
    Weil es - selten genug - zu einer Übereinstimmung von Wortgeräusch und Sache kommen kann.

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  4. "Über uns ist der Himmel. Und er ist voller Geier."
    Dieser Tage in Athen plakatiert gesehen:
    "Es wäre nötig, dass wir uns vor einander weniger fürchten müssten."

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  5. Deinen Beitrag zur "Literatursoziologie zeitgenössischer Literaturrezeption" kann ich aus der Praxis bestätigen. Schon bei Thomas Manns Romanen als freiwillig gewählter Studiengegenstand war die erste Frage von Seiten der Studenten: "Gibt es das auch auf Video?"

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  6. Das schreibst Du so leger blödelnd dahin, das mit dem Schönen neben dem Schrecklichen. Dabei ist das eine der grundlegenden Erkenntnisse dessen, was nach dem antiken Weltbild des Humanismus über uns gekommen ist:„Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, / und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, / uns zu zerstören.“ (Rilke: Duineser Elegien)
    Auch so was Literarisches, das länger dauert als die Lesezeit seines Konsumierens. Selbst wenn man´s nicht so recht mögen mag, dass das Wahre, Gute und Schöne nicht mehr ein Dreiklang in der Sphärenmusik sein sollen.
    Übrigens gefällt mir persönlich Deine flapsige Formulierung des Problems besser. Sie schreitet nicht so vepflichtend einher.

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    1. Eine amüsante Koinzidenz: Über Rilkes Duineser Elegien habe ich heute einen Text geschrieben. Der Dreiteiler "Triest" kommt in den nächsten Tagen ;o)

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