Samstag, 5. März 2016

Und ewig ruft die Taiga

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ (Bertolt Brecht)
Ich gehöre seit den frühen achtziger Jahren zur fünften Kolonne Moskaus und habe seither meinen Beitrag zur Wehrkraftzersetzung, zur Bolschewisierung der Konsumgesellschaft und zur Agitation gegen das korrupte, Washington-hörige Regime geleistet, das dereinst hoffentlich im offenen Schinderkarren durch Berlin gefahren wird. Das gebe ich auch offen zu. Was aber seither stark nachgelassen hat ist die Bezahlung. Unter Breschnew gab es wenigstens noch Wodka und filterlose Zigaretten der Marke “Schwarzer Oktober” (50 mg Teer), unter Gorbatschow gab es Sieger-Urkunden und Matrjoschka-Puppen. Aber seit Putin an der Macht ist, kriegen wir nur noch Tankgutscheine für die Kreml-Tankstelle und Autogrammkarten.
Wenn das so weitergeht, wechsle ich zu Donald Trump oder Horst Seehofer.
Die Reise der CSU-Granden nach Moskau neulich war die schrägste Dienstreise, seit Rudolf Heß nach England geflogen ist. Stoibers zärtliche Umarmung des Despoten - unvergessen. Seehofer war als bayrischer Ministerpräsident übrigens noch nie in Washington.
Franz-Josef Strauß flog Ende Dezember 1987, kurz vor seinem Tod, mit einer winzigen Cessna, vollgepackt mit Stoiber, Waigel und anderen Elitekämpfern des bajuwarischen schwarzen Blocks in die Sowjetunion. Mit dem letzten Tropfen Sprit landete er auf einem Flughafen, der wegen Schneetreibens eigentlich gesperrt war. In einem zweistündigen Gespräch mit Gorbatschow machte sich das Münchner Staatsoberhaupt ein eigenes Bild von den Reformen im Osten.
Selbst Gerhard Schröder ist dem Charme Putins erlegen. Noch heute wird er von Moskau für die erfolgreiche Destabilisierung der sozialen Marktwirtschaft durch seine Agenda 2010 bezahlt.
Wir sind fasziniert vom Zarenreich. Wir lieben und wir hassen es. Wir wollen es besitzen und von ihm besessen werden.
„Wir sind bereit zu kämpfen und zu siegen, wenn das notwendig sein wird“, sagt währenddessen der US-General Philip Breedlove, NATO-Oberkommandeur in Europa, zum Verhältnis des Westens zu Russland. Er wurde mit der „Global War on Terrorism Service Medal“ ausgezeichnet, die es seit 2003 gibt. Seine Äußerungen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt bezeichnete das Bundeskanzleramt als „gefährliche Propaganda“.
Als man uns in der Reagan-Zeit das Land als “Reich des Bösen” verkauft hat, habe ich am Ingelheimer Gymnasium Russisch als dritte Fremdsprache belegt und bin 1984 direkt ins Herz der Finsternis geflogen. Lange vor Strauß, Stoiber und Seehofer. Ich habe Lenin gesehen, nachdem ich stundenlang in einer endlosen Prozession gestanden habe. Die toten Augen von Moskau.
Fachfrage für Kenner: Warum heißen die Milliardäre in Russland eigentlich Oligarchen? Und warum heißen die Oligarchen in Amerika Unternehmer oder Großinvestoren?

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