Samstag, 20. Februar 2016

Von Weimar zur Cebit

"Bescheidne Wahrheit sprech ich dir. // Wenn sich der Mensch, die kleine Narrenwelt, // Gewöhnlich für ein Ganzes hält." (Goethe: Faust I)
Es heißt, über ein paar Ecken kennt jeder jeden auf dieser Welt. Wir bewegen uns nicht nur im Netzwerk des Internets, wir sind ein Netzwerk. Das funktioniert auch mit dem guten alten Buch. Ich lese gerade „Die Akte Vaterland“ von Volker Kutscher. Ein historischer Kriminalroman, der in Berlin und im Ostpreußen des Jahres 1932 spielt. Da gibt es gelegentlich Dinge, die ich nachschlagen muss. Eine süße Nachspeise namens „Masurische Glumse“ beispielsweise, eine Art flüssiger Käsekuchen aus Quark und Zucker.
Süßen Sachen kann ich so wenig widerstehen wie Kriminalrat Ernst Gennat, die Legende der Berliner Kriminalpolizei, die in der „Burg“ hinter dem Alexanderplatz residierte. Gennat wurde wegen seiner Schwäche für Kuchen und seiner Leibesfülle auch „Buddha“ genannt. Er konnte beim Kuchenessen über seinen Mordfällen grübeln, mich versöhnt das neue Duplo Caramel wenigstens für einige Minuten mit dem Kapitalismus.
Das „Haus Vaterland“ war ein großer Gastronomiekomplex am Potsdamer Platz, der von Kempinski betrieben wurde. Eine Million Gäste pro Jahr besuchten damals die zwölf Themenrestaurants, darunter eine Wild-West-Bar, ein türkisches Café, eine spanische Bodega, ein japanisches Teehaus und die „Rheinterrasse“ mit einem nachgebauten Panorama des romantischen Rheins bei St. Goar. Im Roman wird hier die Leiche eines Schnapslieferanten in einem Aufzug gefunden. Er ist ertrunken – obwohl er völlig trocken ist.
Der Protagonist des Romans, Kommissar Rath, fährt einen Wanderer. Merkwürdiger Markenname. Also schaue ich nach. Bis 1945 baute die Firma Kraftfahrzeuge – und das Wanderer W 23 Cabriolet ist wirklich bildhübsch. Was machte die Firma eigentlich nach dem Krieg? Das Automobilwerk lag in der sowjetisch besetzten Zone und wurde enteignet. Aber Wanderer baute auch Schreibmaschinen und Rechenmaschinen. Mit dem Kauf der Exacta Büromaschinen GmbH wurde Wanderer 1960 zum größten Büromaschinenhersteller Westdeutschlands.
1968, als die Studierenden revoltierten, wird die Aktienmehrheit der Wanderer AG von Heinz Nixdorf übernommen. Nixdorf hatte 1952 in Essen das „Labor für Impulstechnik“ gegründet, sein Start-up baute im selben Jahr den ersten Elektronenrechner auf Rundfunkröhrenbasis  und lieferte ihn an den ersten Kunden RWE – die dem Unternehmensgründer mit einem Entwicklungsauftrag über 30.000 DM auch die Anschubfinanzierung gegeben hatten. Sein Handwerk hatte der junge Nixdorf, er war damals 27 Jahre alt, bei Remington Rand gelernt, damals ein bekannter Hersteller von Rechnern und Schreibmaschinen.
Exkurs – Sidekick zur Literaturgeschichte: Kennen Sie den genialen Junkie und Autor von Naked Lunch, Nova Express und vielen anderen Büchern William S. Burroughs? Er stammte aus einer reichen Familie, die ihr Vermögen ebenfalls mit Büromaschinen und Computern gemacht hat. Remington Rand wurde 1955 von der Sperry Corporation gekauft, die 1953 den ersten digitalen Computer baute. Sperry Rand, wie das neue Unternehmen hieß, wurde 1986 von der Burroughs Corporation gekauft. Im gleichen Jahr bekam das Unternehmen seinen neuen Namen, den es bis heute hat: Unisys.
Nixdorf nannte sein neues Unternehmen Nixdorf Computer AG. Während sich IBM auf Großrechner für Konzerne spezialisiert hatte, setzte Nixdorf auf dezentrale elektronische Datenverarbeitung für kleine und mittlere Unternehmen. Ähnlich wie Bill Gates oder Steve Jobs in den USA glaubte er an die Zukunft des PC. Mit dem Nixdorf 820 brachte er in Deutschland den Computer an den Arbeitsplatz. In den siebziger Jahren stieg das Unternehmen zum viertgrößten Computerhersteller Europas auf, mit Fertigungsstätten auf drei Kontinenten. 1985 lag der Umsatz bei vier Milliarden DM, Nixdorf hatte 23.300 Beschäftigte in 44 Ländern.
1986 fand die erste Cebit in Hannover statt. Und ausgerechnet auf dieser Messe starb Heinz Nixdorf an einem Herzinfarkt. Der Computerpionier wurde nur sechzig Jahre alt. Das war vor dreißig Jahren. Nach seinem Tod verpasste das Unternehmen den Siegeszug des PC und wurde 1990 an Siemens verkauft. Mit Ausnahme von SAP hat das ganze Land die „digitale Revolution“ auf Produzentenseite verschlafen.
Und nach einer halben Stunde im Netz kehre ich zu meinem Lesesessel zurück.
OMD – Electricity. https://www.youtube.com/watch?v=tHd2M--SKZo

Kommentare:

  1. Sie waren damals kurz dafür Paderborn in Nixdorf umzubenennen.
    Das hat ja Deutschland auch Geschichte - Leverkusen, Wolfsburg...

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  2. "Die Akte Vaterland" klingt interessant. Sah mir die überwiegend positiven Rezensionen im Netz gerade an. Da ich Amazon wie die Pest meide, werde ich wohl einen bekannten in Deutschland bitten, das buch zu besorgen und mit zu schicken. per persönlichem Kurier, eine Thai, die in Dt. lebt und 2x pro Jahr die Heimat heimsucht. So komme ich an "Düsseldorfer Löwensenf" und andere Sachen, die es hier in meinem Kaff partout nicht "um Geldes zu erwerben sind".

    Und eine lesenswerte Geschichtsstunde, die du da geschrieben hast. Da darfst Du dir noch ein Duplo gönnen.

    Die 4 Ringe von Auto-Union, heute "Audi" (zuerst Horch, blieb dann Horch, nur ohne den Gründer August Horch, dessen Sohn dann "Audi" als neuen Namen für den neuen Autohersteller mit A. Horch vorschlug) kommen von dem 1932 erfolgten Zusammenschluss von Audi, DKW, Horch und Wanderer.

    Fie Auto-Union lag zwar im Osten (SBZ) aber bevor alles in die SU verfrachtet werden konnte, machten die meisten Entwickler, Ingenieure, Facharbeiter mit Wissen und Plänen, Spezial-Werkzeugen "rüber". So wurde Ingolstadt mit Hilfe der Amis, die alles taten, um ihren einstigen Waffenbruder zu schwächen, zur Autostadt.

    Der Osten, gerade Sachsen verlor viel Industrie, Wissen und Fachkräfte. Nicht nur durch die "Zuffjets", auch durch aktive Überiedlungsprojekte der Amis.

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