Samstag, 27. Februar 2016

On the road

„Mich hammse inner leeren Capri-Sonne-Tüte auf‘m Mittelstreifen vonner Autobahn großgezogen, also erzähl mir nix von Street Credibility.“ (Heinz Pralinski)
Habe ich schon die Geschichte erzählt, warum ich nicht mehr Auto fahre? Das kam so: Als junger Mensch habe ich, wie alle anderen, den Führerschein gemacht. Obwohl ich viel gefahren bin – mein erster Wagen war ein postgelber Alfa Romeo Alfasud (Spitzname: „Die fliegende Telefonzelle“, nachdem ich mit 140 km/h einen offiziellen innerstädtischen Rekord aufgestellt hatte) - und einige Jahre als „Pee-Driver“ für ein Großlabor gearbeitet habe, war ich nie ein guter Fahrer. Ein Tramper sagte mal beim Aussteigen: „Du fährst mit dem Glück des Gerechten“.
Als ich nach Berlin kam, heuerte ich beim Stadtmagazin „zitty“ als Fahrer an. Als Autor habe ich es nur bis in die Kleinanzeigen gebracht. Dazu vielleicht später mehr. Ich habe im Südwesten Berlins, Wilmersdorf, Steglitz, Schöneberg, Zehlendorf usw., die „zitty“ in Kneipen und Kinos gebracht. Und die renitenten Remittenten wieder mitgenommen. Eines schönen Abends beende ich meine Tour und kaufe mir an einer Tanke ein Sixpack für den Feierabend. Ich muss nur noch die Bundesallee entlangbrettern und an der Ecke Hohenzollerndamm rechts abbiegen, dann bin ich zu Hause.
Die Ampel springt von Grün auf Gelb. Ich mache das, was alle Fahrer in dieser Situation machen: Ich gebe Gas. Ich war vorher schon mit mindestens siebzig auf der sechsspurigen Verkehrsachse unterwegs, jetzt gebe ich meinem Kriegspony die Sporen. Die Ampel ist bereits latent rot, als ich mit einem erleichterten Grinsen vorüberfliege. Womit ich nicht gerechnet habe, ist die Verkehrsinsel. Da hat jemand eine Kirche gebaut. Mitten auf der Straße! Und das mir, dem Agnostiker …
Ungebremst bohrt sich mein Sportgerät (Spitzname: „Millenium Falke“) wie eine abstürzende Messerschmitt Me 262 in die vorgelagerte Grünfläche des Friedrich-Wilhelm-Platzes. Beim Einschlag wird die Vorderachse abgerissen und der Motorblock sauber vom Getriebe getrennt. Wer baut hüfthohe Bordsteinkanten an dieser Straße? Die Gilde der Reparaturwerkstätten? In meinem Größenwahn versuche ich, den Wagen wieder zu starten. Aber er schweigt. Für immer.
Aus der gegenüberliegenden Pizzeria kommen zwei Kellner angelaufen. Sie haben weiße Schürzen umgebunden und erinnern mich an Krankenschwestern. Sie fragen, ob mir etwas passiert sei. Ich steige ganz souverän aus und nehme das Sixpack aus dem Fußraum, das wie durch ein Wunder unverletzt geblieben ist. Ich folge den beiden Italienern ins Lokal. In der Küche darf ich telefonieren. Wir schreiben das Jahr 1994 – das Analogzeitalter. Mit Blick auf mein Sixpack geben sie mir den guten Rat, doch gleich einen Abschleppdienst anzurufen und nicht die Polizei.
Fünfzehn Minuten und einen Grappa später steht ein freundlicher Türke vor mir, der den Wagen abholt. Wir vereinbaren, dass mich das Abschleppen nichts kostet und er den Golf ausschlachten darf. Ich bekomme die Nummernschilder und einen festen Händedruck. Das ist das Ende meiner Karriere bei der „zitty“ und als Kraftfahrer. Zum Glück kamen die Bullen nicht. Dieser Unfall hat nie stattgefunden, capisce? „Tutto questo è passato sotto silenzio, non è stato riferito“, hätten die Kellner vermutlich gesagt.
P.S.: Ich habe mal eine Kleinanzeige in der „zitty“ geschaltet (so nannte man das früher, liebe Kinder). Ich suchte Frauen, die für mich kochen. Kein Sex – und ich bringe den Wein mit. Heute würde man mit einer solchen Kleinanzeige einen feministischen Shitstorm auslösen. Aber damals meldeten sich tatsächlich drei Frauen. Zu zwei Abendessen ist es gekommen. Sehr nett, ohne Hintergedanken, nur den lukullischen Genüssen gewidmet. Eine der beiden Frauen war eine rothaarige magersüchtige Balletttänzerin, die bereits gekocht hatte, als ich bei ihr ankam, und nicht mitessen wollte. Im Nachhinein dachte ich: Sie hätte mich auch vergiften können. Aber ich habe beim Essen nicht nachgedacht. Ich habe als Kind auch auf der Straße gespielt und alles ist gutgegangen (und ich habe buchstäblich auf der Straße gespielt, ich saß dort bei schönem Wetter alleine mit meinen Plastikfiguren auf dem Asphalt als wäre es mein Kinderzimmer … - was für eine verrückte Welt).
Ultravox - All Stood Still. https://www.youtube.com/watch?v=mW9ImnTL2jk

Kommentare:

  1. Als junger Mensch hast du wie alle anderen den Führerschein gemacht, so so. Wie alle anderen. Das muss der Beweis sein, dass ich tatsächlich vom Apfelstern stamme wie dergln das tun: Ich war auch mal ein junger Mensch und ich habe weder damals noch sonst wann den Führerschein gemacht. Obwohl meine Familie was mit motorierten Fortbewegungsmitteln... na ja. Oder vielleicht war ich als junger Mensch, im Besonderen als einer mit dem Background, motorisierte Fortbewegungsmittel waren in meiner Familie wirklich sehr wichtig, da hatten "wir" - also meine Großeltern väterlicherseits - "unsere" Kohle und unseren Status her, einfach bloß revolutionär? Hm... *kopfkratz*

    Dass die Balletttänzerin nicht mitaß aber (wahrscheinlich super) kochte ist Zeichen ihrer Krankheit. Ich war mal mit einer Frau befreundet, die Anorexie hatte und ich kannte und kenne diverse Bulimie habende Menschen (viele von uns Säuferkinder fangen sich ja selber was ein) super Köche, aber die "können" (Krankheitsmechanismus) nicht mitessen. Ist dir aber wahrscheinlich längst bekannt.

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    1. Du hast recht. Wie alle anderen, die ich kenne - das wäre richtig gewesen. Da kannte ich dich ja noch nicht :o)

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  2. Habe ich das geträumt oder war da nicht vorher U2 und jetzt ist da Ultravox? (Enorme Verbesserung!)

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    1. Der U2-Link hat nicht funktioniert. Aber die erste Platte "War" war nicht übel. Ein Freund hat sie einfach so gekauft, ohne die Gruppe zu kennen. Er dachte, es hätte was mit einem deutschen U-Boot im Zweiten Weltkrieg zu tun. Die Menschen in Schweppenhausen muss man einfach gern haben ... er hat den Kauf aber nicht bereut und ich hatte die Scheibe auf Cassette.

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    2. Bis zur "War" gehe ich auch noch mit, auch wenn ich Pathos inzwischen nicht mehr recht ertrage. (Aber chacun à son goût)

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  3. Schöne Story, kurz, lakonisch, unterhaltsam! Versöhnlich nach der Kristallnaachkacke!

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  4. Mit nem Alfasud musst ja auch mit Vollgas fahren. Sonst kommst du nicht an bevor die Karre durchgerostet ist.

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    1. Da hatte man fast jedes Wochenende was zu schrauben - einmal sogar direkt vor der Garage ein Motorwechsel ohne Hebebühne. Drei Mann halten den Motorblock, einer schraubt ihn am Getriebe an. Grandpa Simspon könnte jetzt ewig weitererzählen ;o)))

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