Mittwoch, 24. Februar 2016

Der menschenfeindliche Perfektionismus in Deutschland

„Der sicherste Reichtum ist die Armut an Bedürfnissen.“ (Franz Werfel)
Ende der neunziger Jahre habe ich in einem Forschungsprojekt gearbeitet, in dem es um die „Zukunft der Arbeit“ in Deutschland ging. Wir waren, ohne Sherpas, zu dritt, es waren etwa hundert Experteninterviews in sechs Städten zu bewältigen, die jeweils zwischen ein und zwei Stunden gedauert haben (dies nur an die Adresse von Leuten, die heute fünf Fragen übers Internet verschicken und dann behaupten, ein Interview geführt zu haben; oder Leute, die vorgestanzte Fragebögen an andere Blogger schicken, mit der Bitte, sie doch nach Beantwortung an die nächsten zehn Blogger weiterzusenden – ich kannte das schon als Kind, wir nannten es Kettenbrief und weigerten uns, den Blödsinn mitzumachen).
Ich war also viel unterwegs, in Hamburg, München und Wien. Und ich weiß gar nicht mehr, von wem ich den Spruch gehört habe, aber er ist mir bis heute im Ohr geblieben. „Jeder Kaufmann rechnet mit drei Prozent Schwund.“ Es gibt Ladendiebstahl, Diebstahl durch Angestellte, Ware, die kaputt geht („Bruch“), abgelaufene Ware. Du bekommst eigentlich nie hundert Prozent verkauft – es sei denn, du hast einen Applestore in Hollywood. Drei Prozent Schwund. Das kennen wir aus unserem Leben und sagen: „Stimmt!“ Es läuft nicht alles hundertprozentig und wenn es zu 97 Prozent gelaufen ist, sind wir zufrieden. Und so ist es auch mit dem Arbeitsmarkt.
Selbst wenn es jetzt hart klingen mag, aber drei Prozent auf dem Arbeitsmarkt sind nicht integrierbar. Die wollen auch gar nicht integriert werden, die finden das gut so. Und damit meine ich gar nicht die vielbeschworenen Ausländer, Flüchtlinge usw., sondern explizit die Bio-Deutschen. Wir haben hier in Schweppenhausen eine typische Familie, an deren Beispiel ich Ihnen alles erklären kann: Nach dem Tod des Familienoberhaupts haben die Ehefrau und die drei Kinder (inklusive sieben Enkelkindern) komplett Hartz IV beantragt.
Diese Leute haben nach eigener Auskunft gar kein Interesse mehr an Arbeit, solche Mitarbeiter will in unserem Landkreis auch keiner mehr haben. Der jüngste Sohn hat Sonderschulabschluss und wurde nach der Probezeit als Hilfsarbeiter bei „Staples“ im Lager nicht übernommen. Es wird in Deutschland nie Vollbeschäftigung geben, weil es immer Menschen wie „Mike“ geben wird, der übrigens nach seiner Entlassung eine andere Hartz IV-abhängige Sonderschülerin mit Kind geheiratet hat, mit der er inzwischen ein weiteres Kind gezeugt hat.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Hartz IV ist das Existenzminimum. Und jede Kürzung ist in meinen Augen ein Verbrechen. Aber wir müssen lernen, solche Lebensentwürfe zu akzeptieren. Diese Menschen bleiben dem kapitalistischen System immerhin als Konsument erhalten – und das ist nicht wenig, denn es bietet uns den Ausblick auf unsere Zukunft. Ein zunehmender Prozentsatz der Deutschen wird als Konsument seinen Dienst am Staat tun (Rentner v.a.) und nicht mehr als produktive Arbeitskraft.
Es kann keine hundert Prozent geben. Das ist eine deutsche Obsession. Es gibt keine Vollbeschäftigung. Wir müssen lernen, den Schwund zu akzeptieren. Lasst die Verlierer in Frieden – wer es heute noch von ganz unten nach oben schafft, ist ohnehin eine hartnäckige Ratte oder ein hinterhältiger Intrigant. Ansonsten reproduziert sich die Führungsebene wie zu allen Zeiten biologisch selbst – und nicht über Leistung und Intelligenz.
P.S.: Nach dem Tod des Familienoberhaupts – Leberzirrhose war die Ursache – mussten die Hinterbliebenen das Erbe ausschlagen, da sie nur Schulden geerbt hätten. Das Haus steht aktuell zum Verkauf – ob die vom Besitzer (örtliche Sparkasse) anvisierten 130.000 Euro für einen unverputzten Dorfbunker zu erzielen sind, um den vom ersten Tag an hüfthoch das Unkraut wucherte, bleibt offen. Die Hinterbliebenen haben das Haus jedenfalls längst verlassen, als seien sie auf der Flucht. Durch das Küchenfenster konnte man monatelang die Pfanne sehen, die bis zum Schluss auf dem Herd stehengeblieben ist. Noch nicht einmal die Katze wollten sie mitnehmen, ein Bekannter von mir rettete sie vor dem Tierheim.
Martha & the Vandellas – Heatwave. https://www.youtube.com/watch?v=XE2fnYpwrng