Sonntag, 3. Januar 2016

V 3

„Ich mache diese Aufzeichnungen über meine letzten Jahre ohne den mindesten Gedanken an ihre Publikation. Das lächerliche und schädliche Phänomen, das man Literatur nennt, habe ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt definitiv aus meinem Leben verbannt. Ich hege nur den Wunsch, durch diese Seiten zu einem besseren Verständnis meiner selbst zu gelangen. Meine, und die allen anderen Unfähigen eigene Marotte, nur mit der Feder in der Hand denken zu können (…), zwingt mich zu diesem Opfer.“ (Italo Svevo: Tagebuch, 1902)
V 3. Das war der Anfang und beinahe auch schon das Ende. V 3 ist keine Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern ein Verhütungsmittel aus den sechziger Jahren. Er hatte die kleine rote Plastikschachtel beim Aufräumen des Kellers seiner Eltern gefunden. Die Rechnung lag bei, der Inhalt war unversehrt. Das Datum passte zum Zeitpunkt, an dem seine Mutter ihn empfangen haben musste. Hatte es sein Vater dort versteckt, um seine Mutter zu schwängern? Wollte sie ihn gar nicht?
Er dachte an seine Kindheit. Die frühesten Bilder waren von seinen Unfällen. Einmal wäre er im Schwimmbad fast ertrunken, er sah die glitzernde Wasseroberfläche, die sich von ihm entfernte, während er zu Boden sank. Noch Monate später bekam er Schreikrämpfe, wenn er nur den Wasserhahn im Badezimmer rauschen hörte. Auf dem abschüssigen Hof rollte er nur wenige Monate später mit seinem Dreirad immer schneller auf das Eisentor zu, im Krankenhaus wurde die Platzwunde am Kopf genäht. Sein letzter Gedanke vor dem Aufprall war zugleich der erste Gedanke, der ihm im Gedächtnis geblieben ist: Wie bremst man das Ding?
Er erinnerte sich an eine Amsel, die auf der Straße saß und sich nicht mehr bewegen konnte. Ein Auto überfuhr sie, der aufgeplatzte Bauch war voller Körner. Die wilden Kaninchen, die er dennoch streicheln konnte, weil sie sterbenskrank und blind waren. Da sind Bilder von einem Wanderzirkus, der im Sommer immer am Rande der Stadt sein Zelt aufschlug. Affen und Pferde auf einer Wiese, Kinder, die Seiltanz übten. Er war sehr oft bei seinen Großeltern, wo er auf seine Eltern wartete, während er aus dem Fenster starrte.
Der Großvater war ein Säufer, der schon vormittags in die Dorfkneipe ging und dann betrunken nach Hause kam. Dann saß er in seinem Sessel und schimpfte auf die ganze Welt. Die Großmutter schwatzte den ganzen Tag, meist mit sich selbst. Der Garten war voller Kartoffeln, Bohnen, Blumenkohl und Erdbeeren.
Die Reise an die Ostsee, die Überfahrt nach Dänemark scheiterte an seinem fehlenden Kinderausweis. „Nur wegen dir können wir nicht dorthin“, hatte seine Mutter gesagt. Von Fehmarn konnte man das andere Land schon sehen, aber es blieb unerreichbar. Er sah die Bilder von seinem Vater, der seine Mutter schlug. Der sein Butterbrot so gegen eine Tür warf, dass es kleben blieb.
Er sah seine Mutter wieder in sein Zimmer kriechen, in Tränen aufgelöst. Sie verabschiedete sich von ihm, sie hatte angeblich Schlaftabletten genommen. Am nächsten Morgen saßen wieder alle am Frühstückstisch. Es war ihm immer peinlich gewesen, seine Mutter und seine Großmutter beim Einkaufen zu begleiten, wenn sie die Preisschilder wechselten, sich selbst und ihm Obst in den Mund schoben oder Ware stahlen. Die langen Spaziergänge mit seinen Großeltern in die nächste Kleinstadt, am Gefängnis vorbei.
Die Drohungen des Vaters, wenn er eine schlechte Note hatte, einmal als Straßenkehrer zu enden. Der erzwungene erste Kuss eines Mädchens im Vorschulalter, der Vater wollte ein Osterfoto machen und drohte dem zögernden Jungen mit Schlägen. Die Alpträume, in denen er von Dutzenden Baggern umgeben war, die ihn alle zerquetschen wollten. Sein Großvater in der Rolle des Teufels. In diesen Träumen konnte er sich seinen Eltern nur bis auf wenige Meter nähern, dann rannten sie vor ihm weg.
Nicht eine Berührung seiner Eltern in diesem Träumen. Er erinnerte sich an die kleine Lampe, die immer brennen musste, damit er überhaupt einschlief. Die Finsternis war voller Gespenster, grauenerregender Gesichter und Arme, die nach ihm griffen. Es hatte keinen Sinn, sich an seine Kindheit erinnern zu wollen.
(aus „Tote leben ewig“)
Xmal Deutschland – Allein. https://www.youtube.com/watch?v=GwjHcQFCXQA

Kommentare:

  1. Bei dem Punkt mit den umgeklebten Preisschildern: Hattest du da die Leute im Kopf, die das mit "Tja, wir sind halt Flüchtlinge..." (eventuell in anderer Wortwahl) gerechtfertigt haben? Ich bin zu jung um das miterlebt zu haben, so wurde mir das allerdings ein paar Mal von Leuten, die das als Kinder mitbekommen haben (und sich entsprechend schämten)berichtet.

    Ob diese Hetze, die heutigen Flüchtlinge würden klauen und im Laden alles aufreißen zumindest in der Generation, die damals umetikettiert hat und stahl zumindest teilweise aus einem Psycho-Mechanismus sich vor sich selbst reinzuwaschen ("war wirklich nicht schlimm, ist halt das Wesen von Flüchtlingen und weil das so ist, müssen die das machen... kann man ruhig sagen wie es ist" bla bla) herrührt?!

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    1. Kein Witz: Meine Mutter und meine Großmutter waren tatsächlich Flüchtlinge (aus Liegnitz im heutigen Polen) - und sie haben sich anderen gegenüber tatsächlich mit diesen Erfahrungen gerechtfertigt. Meine Mutter sagte dann z.B. achselzuckend "Flüchtlingstick".

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    2. Dachte ich mir. So was denkt man sich nicht aus. Der Vater meiner Mutter ist Siebenbürger Sachse, strenggenommen also auch Flüchtling, und ich habe eine Nachbarin, die kommt aus einem Ort, der jetzt zu Russland gehört (sagt sie), die unterstellt unseren neuen Mitbürgern (zwei Straßen weiter ist Erstaufnahme) zwar nichts - zum Glück -, aber sie erzählt auch schon mal was. Ich weiß, dass ihre Tochter (müsste um die 60 sein), sich beim Einkaufen immer die Augen zugehalten hat, hat die Tochter mir erzählt, ich würde vermuten, da wurde auch getrickst und Klein-Angelika dachte sich, wenn sie nicht hinsieht braucht sie sich nicht zu schämen.

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