Sonntag, 3. Januar 2016

Sehr geehrter Herr Kiezneurotiker,

mit großem Vergnügen habe ich Ihren Beitrag zum Kollegen Eberling gelesen und kann Ihnen versichern, dass ich Ihnen in allen Punkten zustimme. Während ich hier in der Villa Bonetti an meinem unschätzbar wertvollen Louis Seize-Sekretär sitze und zu den Klängen von Mozart wieder einmal Weltliteratur entstehen lasse, denke ich mit Schrecken an einen Besuch bei diesem unerfreulichen Exemplar der Gattung „Künstler“ zurück.
Den Anblick dieses Deportiertenverschlags in Berlin, dem ich mit der Bezeichnung „Wohnklo“ zuviel der Ehre antun würde, werde ich nie vergessen. Und es ist geradezu gepenstisch, ja gewissermaßen sogar gruselig, mit welcher visionären Präzision Sie die Szenerie beschrieben haben. Es stimmt jedes Detail: die teilweise leeren Pizzakartons, aus denen er sich tagelang ernähren konnte, wenn er die Kraft zum Kampf gegen Kakerlaken und Schmeißfliegen aufbrachte, die notorische Feinrippunterhose, die einmal weiß gewesen sein musste, die unordentlichen Stapel alter Zeitschriften und Bücher, in denen Perlen der Literaturgeschichte neben Mad-Heften aus den Siebzigern und (tatsächlich!) Penthouse-Ausgaben aus den Achtzigern lagen, deren verklebte Seiten ich nicht einmal mit Handschuhen anfassen würde, die alte Heinz-Baked-Beans-Dose, in der seine Kugelschreiber standen, das schmuddelige Beavis&Butt-head-T-Shirt, an dem man die Speisefolge der letzten acht Tage ablesen konnte, überall hatten sich Gruppen leerer Weinflaschen und Bierdosen gebildet und über der ganzen Szenerie lag ein unbeschreiblicher Geruch, eine Mischung aus Dope, Blähungen, Mundgeruch und allgemeiner Zersetzung.
Aber all das sind nur die oberflächlichen Phänomene einer auf bizarre Weise gestörten Persönlichkeit, die über keinerlei Ordnungssinn verfügt und trotz des manischen täglichen Schreibens offenbar den Sinn von Kommunikation leugnet. Ganze Manuskripte finden sich auf seinem Rechner in einem Dateiordner namens „Textgerümpel“. Bis zu hundert Texte seines Blogs finden sich unter rätselhaften Dateinamen wie „Zeug“ oder „So la la“, so dass er schon seit Jahrzehnten den Überblick und die Kontrolle über den uferlos mäandernden Strom seiner Erzählungen verloren hat. Diesem Mann – und da haben Sie vollkommen Recht, geschätzter Kollege aus dem Prenzlauer Berg – kann man keine Buchhaltung anvertrauen, da er selbst ein haltloser Mensch ist. Herr Eberling erinnert mich fatalerweise an William Kotzwinkles „Fan Man“, der einfach irgendwo Chaos anrichtet und dann plötzlich von Berlin nach Schweppenhausen zieht, nur mit einer Plastiktüte voller Notizbücher und Tennissocken in der Hand, um dort mit dem Chaos wieder von vorne anzufangen, ohne auch nur einen einzigen Blick zurück zu werfen.
Kommen wir zur Technik: Begriffe wie Frame, Theme und Freehoster kennt dieser Mensch nicht. Er besitzt auch kein Smartphone und weiß noch nicht einmal, wie man eine SMS schreibt, obwohl SMS schon längst wieder aus der Mode ist. Sein koreanisches Billig-Handy aus lackiertem Sperrholz mit aufgemalten Akku-Balken kann nicht fotografieren, er selbst sowieso nicht. Und weil dieser Mensch nichts kann, kann er natürlich auch das wichtigste auf der Welt nicht: Er ist unfähig, sich selbst zu vermarkten. Seinen ersten Roman hat er 1985 nur an einen einzigen Verlag geschickt (weil er nur eine Kopie hatte), an den Verlag am Galgenberg. Weil ihm der Name so gut gefiel. Nach einem halben Jahr hat man es ihm mit der Bemerkung zurückgeschickt, falls man jemals eine Reihe unter dem Titel „Neue Kuriosa“ aufmache, würde man sein Buch veröffentlichen. Dann hat er erstmal zehn Jahre nichts bei einem Verlag eingereicht.
Was soll aus einem solchen Menschen noch werden? Wir wollen nicht weiter von ihm sprechen. Aber wenn Sie mein neues Werk „Es lebe Andy Bonetti! Er lebe hoch, hoch, hoch“ in Ihrem Blog bewerben könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.
Mit herzlichen Grüßen aus Bad Nauheim
Stets Ihr Andy Bonetti, Esq.
P.S.: Geben Sie dem Mann um Gottes Willen kein Geld! Er wird es nur zu einem obskuren Drogenhändler namens Fat Cairo oder in den nächstbesten Schnapsladen tragen, auf dem Flohmarkt irgendwelche Comics und Platten kaufen oder andere nutzlose und schädliche Einfälle haben.
P.P.S.: Und natürlich hat er die wichtigste Szene, den Höhepunkt, den Showdown grandios vermasselt. Hatten Sie ernsthaft etwas anderes erwartet?
http://kiezneurotiker.blogspot.de/2016/01/lass-mal-netzwerken-kiezschreiber.html
This Eternal Waiting - Culture. https://www.youtube.com/watch?v=MrXTtBaBXT0

Kommentare:

  1. Ist es nicht seltsam, dass man ohne Smartphone inzwischen als eher verschroben, fast schon als komischer Kauz angesehen wird?
    Eigentlich erschreckend.

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    1. Mein Freundeskreis ist etwa zu fünfzig Prozent verschroben (zumindest in dieser Hinsicht), da fällt es nicht weiter auf. Mein Neffe ist da schon ganz anders: Er besitzt kein einziges Buch, fummelt aber den ganzen Tag an diesem kleinen Ding rum.

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  2. Diese "Mischung aus Dope, Blähungen, Mundgeruch und allgemeiner Zersetzung" ist der typische Geruch jeder zweiten männlichen Single-Bude. Du brauchst keinen Verlag, Du brauchst eine Frau.... ;-)

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    1. Mit diesem Thema habe ich abgeschlossen. Und inzwischen lebe ich rauchfrei und trage einen Duftbaum um den Hals:

      http://www.amazon.de/Stk-Aufkleber-FRESH-DOPE-DUFTBAUM/dp/B00WMHSEI4/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1451854312&sr=8-2&keywords=duftbaum+lustig

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    2. Der pinke Duftbaum ist schon mal gut ausgewählt. Noch etwas Glitzer drauf und die Frauen stehen bei Dir Schlange. Schwöre.

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