Mittwoch, 6. Januar 2016

Quintessenz

„Vierzig Stunden in der Woche bohrst du wie ein Wurm deinen Kopf in den Dreck.“ (Lupo Laminetti)
Wenn man seine alten Unterlagen ausmistet, findet man so manche Perle. Als ich am 1. April 1996 als promovierter Nachwuchswissenschaftler am Deutschen Institut für Urbanistik anfing, hatte ich einen befristeten Arbeitsvertrag für eine halbe Stelle. Laut vergilbter Gehaltsabrechnung habe ich damals 1834 DM netto verdient, das sind umgerechnet 938 Euro. Da ich natürlich – wie im Dienste der Wissenschaft üblich - Vollzeit gearbeitet habe, sind das bei 160 Arbeitsstunden im Monat genau 5,86 Euro netto in der Stunde. Das ist noch nicht mal der heutige Mindestlohn. Ich kann nur jedem Studenten davon abraten, später einmal eine Stelle als Wissenschaftler anzutreten. Und in den zehn Jahren, die ich an drei verschiedenen Instituten gearbeitet habe, hatte ich nie eine Festanstellung. Der kürzeste meiner vielen Zeitverträge ging über zwei Monate. Und zwischen den Zeitverträgen gab es Monate, in denen ich gar kein Gehalt bekommen habe – da wurde das Projekt vom Arbeitsamt finanziert.
Der Bachelor-Studiengang ist das, was früher die Oberprima war. Der Professor ist das, was früher der Studienrat war. Die Bologna-Reform war der Enthauptungsschlag für die Universitäten. Statt Forscher und Experten haben wir Dorfschullehrer, die von ihrem Maulwurfshügel die Welt bis zum nächsten Birnbaum erklären können. Man betrachte sich nur einmal die Situation der Lehrbeauftragten an den Hochschulen. Für jeden Lehrauftrag und jedes Semester müssen sie neue Verträge unterschreiben, rechtlich sind sie auf den Niveau von Erntehelfern. Gute Leute lassen sich das nicht bieten, sie gehen in die Privatwirtschaft oder in die Emigration.
Und von diesen Dorfschullehrern werden jedes Jahr Millionen junger Menschen in einen Irrgarten aus Nebensächlichkeiten und Umwegen geschickt, man erschöpft sie ganz bewusst in bedeutungslosen Sackgassen und Labyrinthen voller sinnfreier Begriffe, ihr Geist und ihre Neugier werden für immer vernichtet. Tatsächlich sind die deutschen Hochschulen heute Geistesvernichtungsanstalten ersten Ranges, vor denen man die Jugend nur warnen kann, weil sie vom eigenen Denken und der selbstständigen Lektüre nur ablenken.
Forschung und Beratung sind von den staatlichen Hochschulen längst in private Unternehmen abgewandert. Diese Privatisierung als Teil der neoliberalen Strategie ist seit den Zeiten Helmut Kohls politisch gewollt und gesteuert. Damit hat man das Zerstörungswerk an der deutschen Universität vollendet.
P.S.: Natürlich sind seitdem zwanzig Jahre vergangen. 2016 erhält man für eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Entgeltgruppe E 13) in Berlin, meinem damaligen Arbeitsort, genau 7,55 Euro netto in der Stunde, wenn man – wie immer noch üblich - Vollzeit arbeitet.
Depeche Mode – Home. https://www.youtube.com/watch?v=l87jkd6juq0&index=27&list=RD_-QPvffO1gs

Kommentare:

  1. Als ich in meinem Erstberuf arbeitete bekam ich auch immer nur befristete Verträge und Lohn knapp am heutigen Mindestlohn. Mein Erstberuf war kein Studienberuf. Heute kommt man wahrscheinlich ohne Studium in den Bereich, da spezialisiert, nicht mehr rein (jedenfalls nicht einfach so) und hat wahrscheinlich nur die Hälfte vom Wissen, das ich in der Ausbildung erworben habe. Schöne, neue Bildungswelt!

    [Und so ein schönes Lied da drunter. Eins der wenigen Stücke, die ich auf Ultra richtig gut fand. Welchen Bezug hat das Lied für dich zu der Situation im Post?]

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    1. Die Melodie des Lieds passt in meinen Ohren gut zum Klang des Posts. Die Bilder des Videos oder der Text des Lieds weniger. Wenn du mal "Kiezschreiber + Depeche Mode" in eine Suchmaschine eingibst, kommst du auf die anderen Lieder der Gruppe, die ich mag.

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    2. Das ist interessant. Ich finde es immer interessant wenn jemand vorrangig nach der Melodie gehen kann. Ich war immer eher Textzentriert und konnte auch mit Instrumentalstücken lange nichts anfangen, die haben mich nervös gemacht. Ist mir immer noch interessant wenn mir jemad sagt, er sei melodielastig.

      Sowohl "A Question of Time" als auch "Shake the Disease" hab ich noch auf Vinyl hier liegen und unter anderem eine qualitativ großartige "Black Celebration" LP aus Italien. Ich habe es unter anderem, damals als in meiner Familie bzw. bei mir der Ausstieg aus dem "Skript" begann, ich also die mir zugedachte Rolle verließ, mit "In Your Room" gehabt, wobei mir da die Single-Version mehr zusagt als die Album-Fassung. Zu "And Then" und "Pipeline" habe ich auch einen besonderen Bezug. Die späteren Sachen mag ich fast gar nicht.

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    3. Hörst du den Texten zu? Ich weiß ehrlich gesagt nie, um was es in englischen Texten geht. Nur wenn es einen vordergründigen Bezug zwischen dem Titel des Liedes und dem Thema meines Posts gibt, wähle ich das Stück nach dem Text aus.

      Gehörst du auch zur Generation, die mit Depeche Mode aufgewachsen ist? Mitte der 80er war Ultravox meine Lieblingsgruppe. DM habe ich so ab 1983 regelmäßig gehört, war die Lieblingsband eines guten Freundes. Der hat mich drauf gebracht.

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    4. Aufgewachsen würde ich nicht sagen, ich kann mich aus meiner Kindheit (Jahrgang 80) an vereinzelte Stücke erinnern, die ich später als ich mich der Band in den 90ern zuwandte wieder erkannt habe. Ich weiß, dass meine Eltern auf irgendeiner Kassette "Master And Servant" hatten (Das "Some great Reward"-Album war es nicht!) und dann 90 "Enjoy The Silence". Ich bin mir sogar relativ sicher im CD-Regal meines Vaters 94/95 "Songs of Faith and Devotion" gesehen zu haben. Eigentlich war das nicht deren Musik. Mein Vater stand auf Culture Club (durfte natürlich keiner wissen, weil Boy George nicht Girl George ist, das gibt Gerüchte...), damit bin ich als Kindergartenkind zugedröhnt worden.

      Ich bin Text-Fetischistin. So habe ich als Jugendliche mein Englisch verbessert bzw. trainiert. Ich werde heute noch bei schlampigem Englisch wahnsinnig. Beispiel: "The Great Commandment" von Camouflage, man merkt was sie aussagen wollen, aber bei dem Englisch ist es schwer zu glauben, dass die Herren da bereits das Abitur hatten. Da stimmt nichts (in der Original-CD liegt der ursprüngliche deutsche Text bei, wer es nicht raushört merkt es spätestens da) Wenn mir der Text bei einem Lied nicht gefällt kann das Stück noch so genial vom Rest her sein, dann finde ich es blöd. Gibt es auch in der Variante, dass der Text toll ist und der Rest mir nicht zusagt.

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    5. Culture Club??? Wenn ich deinen Vater damals gekannt hätte, ich hätte ihn sowas von gedisst. Das ging in unserem Freundeskreis gar nicht. Punk, Hard Rock, Polit-Rock - New Wave wurde geduldet, war aber hart am Rande der politischen Unkorrektheit (v.a. wenn die Bandmitglieder wie Popper aussahen, z.B. Spandau Ballet, Duran Duran, Japan).

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    6. So lange es nur er (Jahrgang 58) und nicht ich gewesen wäre... Mein Handschuhschenker (Jahrgang 59) hat namenstechnisch ein Alphaville-Trauma (er mochte die Band nicht), das dürfte auch hart an der Grenze gewesen sein, oder? Meine Mutter stand auf Falco. Ich war also ein ganz armes Kind. Von rechts Boy George, von links der Österreicher... So sehr konnte ich meine Benjamin Blümchen-Kassetten damals gar nicht aufdrehen um das nicht mitzubrkommen.

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    7. Ein Wunder, dass du nicht bei Death Metal gelandet bist :o)

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    8. Reicht Joy Division, VNV Nation (VOR 2009) und ab und zu Fliehende Stürme? ;)

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    9. Hey, Joy Division! Bin ich ein großer Fan. Du warst sicher auch im Kino, als der Film lief. Beim Rausgehen sagte die Freundin zu mir: Erinnert mich an dein Zuhause. War für echt ein Kompliment ;o)))

      VNV + FS muss ich googeln. Taucht vielleicht bald in diesem Blog auf!

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    10. Habe gerade die "Empires" von VNV Nation gehört. Ich mag diesen melancholischen Sound, den viele britische Bands hinbekommen. Scheint auch sehr tanzbar zu sein, habe nebenbei allerdings gelesen. Aber ich gehe jetzt zum Winzer und kaufe mir den ersten Wein der Woche. Vielleicht drehe ich mich heute Abend noch ein wenig wie ein dummer alter Kater zur Musik?

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    11. Ich hab "Control" und die Doku von Grant Gee damals im Karlstor in Heidelberg gesehen, habe aber auch beides später auf DVD erworben, und diverse Leute angefixt. Ich habe auch Unmengen von Büchern. (Bei Fliehende Stürme wurde ich angefixt, das kam von meiner besten Freundin, die kommt sonst eher aus der Metal-Ecke, aber JD hatten wir gemeinsam und die Stürme klingen bei einigen Sachen in die Richtung)

      "Empires" ist großartig. Mich schmerzt es immer noch, dass es nach dem "Judgement"-Album so bergab ging mit VNV. "Of Power. Faith and Glory" hat noch gute Stücke, kommt aber an den Vorgänger nicht mehr ran. Alles was danach kam ist Mist. "Praise The Fallen" von 1999 ist mein Lieblings-Konzeptalbum überhaupt. Ich war damals in meinem Umfeld eine der wenigen, die durchstieg.

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  2. Ist es nicht vielmehr so, dass unter dem Deckmäntelchen Sponsorship, insbesonders von der Rüstungs- und Pharmaindustrie, an den Universitäten Produktforschung betrieben wird und die Ergebnisse in die Bilanz eben jener Firmen einfließen?

    Bleib ist waswegmuss und....

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    1. Klar. Die Unternehmen lassen natürlich auch an den Unis für sich forschen. Das ist einfach konkurrenzlos billig - und man stellt den persönlichen Kontakt zu den Nachwuchskräften her, um dort nach Abschluss der Projekte den Rahm abzuschöpfen. Das ist ein externes Auswahlverfahren, mit dem man sich vertraglich nicht an das Personal bindet. Was übrig bleibt, darf die Uni behalten. Und von denen bekommt wiederum auch nur ein Bruchteil eine Professur und damit einen sicheren Arbeitsplatz.

      Ich war damals so blöd ... aber ich habe die Jobs immer bekommen, ohne mich zu bewerben. Und wenn man angesprochen wird: "Wollen Sie nicht in unserem Forschungsprojekt mitarbeiten? Sie wären genau der richtige Mann" usw. - da wird man nicht nur das Opfer seiner eigenen Blödheit und Faulheit (Arbeitsmarkt sondieren!), sondern auch noch das Opfer seiner eigenen Eitelkeit.

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  3. Noch ein Zitat: »A Quintessenz is a Essenz, de ma quint, wemma lang gnua nochdenkt.«
    Uwe Dick

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