Dienstag, 1. Dezember 2015

Der längste Tag

„Die Straße, Mann, toll, die Straße. Befreit von meiner Wohnung, Mann.“ (William Kotzwinkle: Fan Man)
Der Kaffee in der alten dunkelblauen Lindt-Blechbüchse ist zweieinhalb Jahre alt, aber er schmeckt noch. Die Kaffeemaschine habe ich zweieinhalb Jahre nicht benutzt, aber sie funktioniert noch. Und es ist genau zweieinhalb Jahre her, dass ich mir in dieser Wohnung zuletzt Kaffee gekocht habe. Am Morgen des 27. Mai 2013. Der Ground Zero meines Lebens.
Ich gieße den Kaffee in ein Halbliter-Bierglas. Das habe ich schon immer so gemacht. Auch wenn ich nicht verrückt war. Es erspart mir den Weg zwischen Schreibtisch und Küche. Ein großes Humpen Kaffee – dann geht es los. Es ist wie damals. Aber damals ging es mir nicht gut. An keinen Tag in meinem Leben habe ich so detaillierte Erinnerungen wie an den 27. Mai 2013.
Ich hatte die Nacht nicht geschlafen, sondern mich flüsternd mit meinen Kameraden unterhalten. Ihre Stimmen waren in der Finsternis gut zu hören gewesen. In der Wohnung gegenüber waren in der vergangenen Woche zwei Geheimagenten eingezogen. Und in der Nachbarwohnung, wo normalerweise die tiefreligiöse, alleinstehende Grundschullehrerin wohnte, saßen sie bestimmt auch schon. Wir mussten vorsichtig sein. Und abgehört wurden wir sowieso. Mir waren in der näheren Umgebung schon seit einigen Tagen die vielen Agenten aufgefallen, die viel zu unauffällig in der Gegend herumstanden und viel zu auffällig an mir vorbeischauten.
Ich nehme an diesem Montagmorgen ein Bad und rasiere mich sorgfältig. Dann koche ich mir Kaffee. Als ich wieder in die Küche gehe, steht der Humpen Kaffee schon auf der Waschmaschine. Wer hat ihn dorthin gestellt? Sie hatten also einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Gut. Keine Panik. Ich schütte den Kaffee in den Ausguss und gehe zum Bäcker auf der anderen Seite der Straße. Ich kaufe mir zwei belegte Brötchen und eine Flasche Cola. Ich lasse der Verkäuferin noch eine versteckte Warnung zukommen, aber sie scheint mich nicht zu verstehen.
In meiner Wohnung wird es mir klar: Man hat die Brötchen und die Cola vergiftet. Schließlich gehe ich sehr oft zu diesem Bäcker. Also werfe ich die Brötchen in den Müll und schütte die Cola in die Toilette. Dann verlasse ich meine Wohnung. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es für sehr lange Zeit sein wird. Vor mir auf dem Bürgersteig geht ein Mann mit einem Buch in der Hand. Ich weiß, dass ich ihm folgen muss. Ich erinnere mich an zwei Krähen, die in einer Kotzlache am Wegesrand herumhacken. Auch dieses Bild soll mir etwas sagen. Aber was?
Meine Sinne sind in Alarmzustand. Alles ist viel lauter; es ist, als ob die Geräuschquellen viel näher an meinen Ohren sind. Ich nehme jeden Menschen auf dem Bürgersteig einzeln war. Ich achte auf jedes Detail des Straßenbilds. Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, ich spüre meinen Herzschlag. Überall lauert die Gefahr. Den Blick eines Anderen in meine Augen halte ich gar nicht aus. Ich bin der einsamste Mensch der Welt, niemand kann mir helfen. Alles wird zum Zeichen, das ich interpretieren muss, um zu überleben. Ich darf keinen Fehler machen. Sie sind hinter mir her – und ich kenne sie nicht. Es könnte jeder sein.
Dann komme ich zum „Robbengatter“, eines meiner Stammlokale. Ich beschließe, dort zu frühstücken. Ich setze mich an den letzten Tisch in der Ecke, so dass ich die Wand im Rücken und das ganze Lokal im Blick habe. Außer mir ist nur eine französische Familie im Restaurant. Die Kellnerin bringt mir die Karte. Ich höre, wie der Koch in der Küche etwas hackt. Jeden einzelnen Ton höre ich. Es ist eine Inszenierung. Ganz klar. Also rufe ich den Code, den ich heute Nacht bekommen habe: dreimal hintereinander „Wirtschaft! Bedienung!“
Und tatsächlich kommt statt der Kellnerin ein weißhaariger Mann, den ich hier noch nie gesehen habe. Jetzt wird sich alles aufklären, denke ich. Aber der Mann geleitet mich nur auf die Straße. Was mache ich jetzt? Ich laufe zum Rathaus Schöneberg. Vor dem Rathaus ist eine große Straße, ich gehe den Bürgersteig entlang. Ich ziehe mich aus. Jacke, Hose, T-Shirt, Unterhose, Socken. Es erscheint mir ganz natürlich. Ich trete auf die Straße. Ein Kleinlaster mit einem dunkelhaarigen Fahrer, vielleicht ein Türke, hält an. Ich lege mich quer über die Fahrbahn.
An die folgenden Szenen erinnere ich mich nur bruchstückhaft. Ich muss tatsächlich, zum ersten Mal seit Tagen, eingeschlafen sein. Ein kurzer Moment: Ich boxe mit einem kleinen dicken Polizisten mit Halbglatze. Ich verpasse ihm eine linke Gerade an die Schulter, er weicht zurück. Als nächstes liege ich in einem Krankenwagen. Ich bin auf die Tragbahre geschnallt, die Hände sind mir mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Meine Augen brennen, offenbar wurde ich mit Reizgas „behandelt“.
Ich unterhalte mich mit den beiden Krankenpflegern. Ich frage sie, wer zwei Tage zuvor das Champions League-Finale gewonnen hat, Bayern oder Dortmund. Obwohl ich das Spiel gesehen habe. Und ich weiß sogar noch, dass ich mir kurz vor dem Spiel beim Späti vier Flaschen Bier gekauft habe, und dass ein Geheimagent vor der Tür gestanden hatte. Ich frage, wer am Vortag den Formel 1-Grand Prix von Monte Carlo gewonnen hat. Obwohl ich das Rennen gesehen habe. Ich kann mir ihre Antworten nicht merken, also frage ich immer wieder.
Im Krankenhaus stehen ein paar Leute ratlos um mich herum. Ich rufe die Namen meiner Freunde, denn ich weiß, sie sind hier irgendwo. Dann fährt man mich in ein anderes Krankenhaus. Ich liege auf einem Bett und fahre mit dem Fahrstuhl nach oben. Den Rest des Tages liege ich – an Händen und Füßen mit Riemen fixiert – auf einem Bett. Eine Krankenschwester sitzt im Zimmer. Am nächsten Morgen wache ich in einem anderen Zimmer auf. Ungefesselt. Ich weiß nicht, wo ich bin. In der Nervenheilanstalt an der Landhausstraße wissen sie nicht, wer ich bin. Nackt, ohne Papiere, wie ein neugeborenes Kind, bin ich hierhergekommen. Es ist der erste Tag meines neuen Lebens. Und ich habe immer noch nicht gefrühstückt.
P.S.: Einen Tag später bekomme ich Besuch. Zunächst von einem Fotografen, der Aufnahmen von meinen blutverkrusteten Beinen macht. Die Knie und Unterschenkel sind voller Schürfwunden. Anscheinend hat mich die Polizei ausgiebig über den Asphalt geschleift. Dann kommt ein Polizeibeamter. Es geht gar nicht um den 27. Mai, sondern um meine Wohnung. Jemand hat meine Brieftasche und meine Schlüssel geklaut, die in meinen Klamotten auf dem Bürgersteig waren. Meine Wohnung wurde ausgeräumt. Der Polizist nimmt die Anzeige auf. Ich lasse meine Kreditkarte sperren, aber die Einbrecher haben schon für zweitausend Euro eingekauft.
Die Stationsleiterin fragt mich, ob ich einen Anruf machen will, aber mir fällt keine einzige Telefonnummer ein. Doch – eine Handy-Nummer habe ich im Kopf. Eine Ex-Freundin aus den neunziger Jahren! Sie ist überrascht, als ich sie anrufe. Ich bitte sie, meine Familie zu kontaktieren. Und tatsächlich taucht einige Tage später meine Schwester in der Anstalt auf. Sie hat auch einige Klamotten für mich gekauft. Und ich bekomme Besuch von meiner Nachbarin, die das Türschloss meiner Wohnung gewechselt hat und mir die neuen Schlüssel vorbeibringt. Langsam geht es aufwärts.
„Les moments de crise produisent un redoublement de vie chez les hommes.“ (François-René de Chateaubriand: Mémoires d’outre-tombe)
Anmerkung: Neben meinem Bett liegt immer ein Notizblock. Der letzte Eintrag im Mai 2013 lautet: „Wer bin ich? Die falsche Antwort auf alles.“ Damals ging es mir wirklich nicht gut.
Spin Doctors - Two Princes. https://www.youtube.com/watch?v=wsdy_rct6uo

Kommentare:

  1. Au Mann, ist schon Scheiße, wenn einem ein vermeintlicher "Kamerad" 'nen Trip ins Bier schmuggelt. Und dann in dem Alter!

    Moody Blues - Land Of Make-Believe https://www.youtube.com/watch?v=E32Nvlb8p98

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  2. So war es also. Danke fürs Teilen. Was, glaubst du, war die Ursache? Und was der Auslöser?

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    1. Laut Auskunft des Psychologen, der mir die Pillen verschrieben hat: Alkohol- und Drogensucht. Laut Auskunft der Psychologin, die meine Gesprächstherapie durchgeführt hat: Einsamkeit und Perspektivlosigkeit. Vielleicht war es eine Mischung von beidem, ich habe jedenfalls alle Ursachen beseitigt.

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    2. P.S.: Man steigert sich bis zur völligen Erschöpfung in eine Psychose, z.B. in einen Verfolgungswahn hinein, bis der Zusammenbruch kommt. Zum Glück hatte ich kein großes Messer dabei, wie ein Berliner wenige Wochen später. Den haben sie erschossen ...

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    3. Es ist sehr schön, dass es dir wieder gut (oder besser?) geht, denn ich lese, schon länger und sehr gerne - auf Empfehlung des Kiezneurotikers - deine Geschichten, Beobachtungen und Analysen.

      Du schreibst, du hättest die Ursachen beseitigt, aber du schreibst doch des öfteren genüßlich über ein kühles Blondes oder ein gutes Glas Wein?

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  3. Gut, dass du wieder zuhause bist. Unser Vater hat sich ganz schön ins Zeug gelegt!!

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