Mittwoch, 9. Dezember 2015

Der Herr des Rings

Er war ein Schläger und Schwätzer, er ist der größte Athlet aller Zeiten und ein lebender Mythos: Muhammad Ali. Der Größte aller Zeiten. John Wayne hatte im Amerika der sechziger und siebziger Jahre den Beinamen „The Duke“, Elvis Presley war „The King“, aber Ali war unbestritten „The Greatest“. Die ganze Welt kannte sein Gesicht und seine Geschichte, er war bekannter als der US-Präsident oder der Papst. Er ist die unbestrittene Sportikone seines Zeitalters.
Der Ex-Mittelgewichtschampion Sugar Ray Leonhard sagte einmal: „Wenn es um Größe geht, sieh dir Muhammad Ali an. (...) Wenn du ihn in einen Raum voller Menschen neben Castro und Gorbatschow stellen würdest, würden sich alle um Ali scharen. Das ist Größe.“ Boxen ist archaisch. Ein Boxer ist im Grunde ein Mensch, der gegen Bezahlung andere Menschen bewusstlos schlägt. Aber alle Männer haben die genetische Erinnerung von Millionen Jahren der Jagd und des Tötens gespeichert und sie haben als kleine Jungs ihre eigenen Erfahrungen mit dem Kämpfen gemacht. Und viele Frauen sind von den animalisch schönen Kämpfern in ihren schweißglänzenden Muskelrüstungen fasziniert – machen wir uns nichts vor. Als Voyeure der Gewalt fühlen wir uns am Boxring ebenso wohl wie bei Shakespeare oder Schwarzenegger.
Ali hat mit seiner Sprache und seinem Boxstil, mit seiner rhetorischen und körperlichen Gewandtheit und Eleganz aus einem Anachronismus der Industriemoderne beinahe so etwas wie eine Kunst gemacht. Für wenige geniale Momente blitzte die Möglichkeit von Großem in diesem Gossensport, in dieser Unterweltangelegenheit auf. Ali war der größte Kämpfer der Geschichte, Typen wie George Foreman oder Mike Tyson sind dagegen einfach nur berufsmäßige Totschläger.
Woher und wozu die große Schnauze, das Maulheldentum? Zunächst hatte Alis Rhetorik bestimmte Funktionen: Stärkung des eigenen Egos und der Motivation durch fortwährende Selbstbeschwörung, Irritation des Gegners und medienwirksame PR. Seine Späße, Reime und Drohungen machten ihn bekannt, die ambivalente Wirkung auf das Publikum störte ihn nicht, sie stärkte ihn vielmehr, weil er seinen großen Worten nun große Taten folgen lassen musste. Eine Niederlage durfte als Alternative nicht einmal gedacht werden. Solange die eine Hälfte der Fans ihn liebte, durfte die andere Hälfte ihn ruhig hassen. Hauptsache, es wurde überhaupt von ihm gesprochen und über ihn geschrieben.
Ali brauchte zudem nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Rings eine Identität, die ihn zu Beginn seiner Profilaufbahn von den anderen Größen im Schwergewichtsboxen abhob. Floyd Patterson war der brave angepasste Schwarze, der bewies, dass man es mit Fleiß und Bescheidenheit auch in einem Apartheidregime wie den USA der fünfziger und sechziger Jahre zu etwas bringen konnte. Sonny Liston war der primitive maulfaule Alptraum des Durchschnittsamerikaners, die Inkarnation schwarzer Brutalität mit besten Mafiaverbindungen und Knasterfahrung. Alis eigener Stil, den er seit seiner Jugendzeit entwickelt hatte, gab ihm Sicherheit und Mut. Ali inszenierte Ali – und es funktionierte.
Den großspurigen Ankündigungen, mit denen er sich selbst unter Druck setzte, folgten großartige Erfolge. Erst 1971, elf Jahre nach Beginn seiner Profilaufbahn und dem Gewinn der olympischen Goldmedaille, verlor er gegen Joe Frazier seinen ersten Kampf. Dass er inzwischen durch seine Parkinsonerkrankung zum Schweigen verurteilt ist und seinen rüpelhaften Charme gegen ein altersmildes Lächeln eingetauscht hat, ist seine persönliche Tragödie und macht ihn heute so sympathisch. Er hat diesen Imagewechsel unbeschadet überstanden.
Seine größten Kämpfe waren, neben den frühen Siegen über Liston und Patterson, sicher die „Jahrhundertkämpfe“ gegen George Foreman in Kinshasa 1974 und gegen Joe Frazier in Manila 1975. Ali hatte sich geweigert, für die USA in den sinnlosen Vietnamkrieg zu ziehen, als Anhänger der militanten Bewegung „Nation of Islam“ war er zu einer Persona non grata in seinem Land geworden und hatte Berufsverbot. Nach seinem Comeback 1970 machte er die ganze Welt zu seiner Bühne.
Sein Stil war einzelartig: Er tanzte und schwebte wie eine Feder durch den Ring, er hatte unglaubliche Reflexe und war oft einfach schneller als der Gegner, er konzentrierte sich auf den Kopf seines Kontrahenten und zermürbte ihn mit Serien von Treffern. Sein Punch war nicht hart, aber präzise. Muhammad Ali ist der einzige Schwergewichtler, der dreimal Weltmeister wurde. Er hat 56 seiner 61 Kämpfe gewonnen, 37 davon durch einen K.o.-Sieg.
Ali hat das Boxerleben bis zur Neige ausgekostet, kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag bestritt er seinen letzten Kampf. Er bekam hunderte von schweren Treffern an den Kopf, manche davon für den ungeübten Durchschnittsleser durchaus tödlich. Seine Erkrankung ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Folge des Boxens.
Die menschliche Entwicklung nach dem Ende seiner sportlichen Karriere ist das eigentlich Faszinierende an Ali. Aus einem großen Sportler wurde ein großer Mensch, dessen bloße Anwesenheit ganze Festsäle elektrisiert oder zum Schweigen bringt. Er ist ein gläubiger Moslem, der sich für Frieden und Versöhnung einsetzt und seine Popularität im Kampf gegen Armut, Rassismus und Analphabetismus einsetzt. Der zornige junge Mann, der zum Symbol für die Gleichberechtigung der Schwarzen in Amerika und als Kriegsdienstverweigerer während des Vietnamkriegs Vorbild für die Friedensbewegung in aller Welt wurde, ist längst weise geworden.
Lassen wir Ali selbst zu Wort kommen: „Wann wird es je wieder einen Boxer geben, der Gedichte schreibt, Runden voraussagt, jeden schlägt, die Leute zum Lachen bringt, die Leute zum Weinen bringt und der so groß und so außergewöhnlich gutaussendend ist wie ich? In der Menschheitsgeschichte gibt es einfach keinen Kämpfer, der mit mir vergleichbar wäre“. Der Mann hat Recht.
P.S.: Dieser Text war die Einleitung einer geplanten Ali-Biographie, die ich 2006 für Suhrkamp schreiben sollte. Der Verlag hat seine mündliche Zusage zurückgezogen, nachdem die Recherche abgeschlossen und das Exposé geschrieben waren; das Buch wurde nie geschrieben. Weitere ungeschriebene Bücher: ein Karriere-Ratgeber für Frauen, den ich für den FAZ-Verlag schreiben sollte – leider war die Lektorin so nervtötend, dass ich schon nach weniger als zwanzig Seiten aufgab und aus dem Vertrag ausstieg (sie wollte die permanente Kontrolle und jede Woche neue Textteile lesen); ein Sachbuch über Demographie, gemeinsam mit einem Professor; ein Kriminalroman für den Chef einer großen Unternehmensberatung, der in belletristischer Form seine politischen Ideen verbreitet sehen wollte (er machte nach der Besprechung des Exposés doch einen Rückzieher – es wäre meine erste Arbeit als Ghostwriter geworden).
Surfaris - Wipe Out. https://www.youtube.com/watch?v=p13yZAjhU0M

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Vier Jahre später haben sie es von einem anderen schreiben lassen.
      http://www.suhrkamp.de/buecher/muhammad_ali-peter_kemper_18245.html

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