Montag, 7. Dezember 2015

Der Gesang wilder Vögel

„Und mein hier unternommener Versuch kann nur wiederum darin bestehen, mich seiner diesbezüglichen Erinnerungen zu erinnern, seine Andeutungen anzudeuten.“ (Thomas Bernhard: Die Billigesser)
Die Bar war in einem Hinterhof der Liegnitzer Straße in Kreuzberg. Keine Leuchtreklame wies auf das „Saboru“ hin, weder auf der Straße noch im Hof. Man musste an eine dunkelgraue Eisentür klopfen, dann wurde man durch einen Sehschlitz aus Panzerglas ausgiebig betrachtet und hineingelassen, wenn man dazu gehörte. Saboru ist das japanische Wort für Nichtstun, Abhängen, Zeit vertrödeln, Job oder Schule schwänzen. Es kommt vom englischen "Sabotage": Sabotage durch Langsamkeit. Man kannte mich im „Saboru“, wenn auch nur unter meinem offensichtlichen Pseudonym „Sir Reginald, Earl of Leatherstocking“.
„Da will dich jemand sprechen, Reggie“, raunte mir der Barkeeper zu, während er mit einem feuchten Lappen den blitzblanken Tresen wienerte.
Ich folgte seinem unauffälligen Kopfnicken. Ein hochgewachsener Herr mit einer karierten Jagdmütze, deren Ohrenklappen auf dem Kopf zusammengebunden waren, und einem tannengrünen Tweedmantel prostete mir aufmunternd zu.
Ich nahm meinen Whisky und ging zu ihm hinüber.
„Sir Reginald, wie ich annehme?“ Er sprach mit einem starken britischen Akzent.
„Richtig. Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Mister Trelawney. Ich komme auf Empfehlung von Freddy Finger zu Ihnen.“
„Um was geht es?“
„Schädlingsbekämpfung.“ Sein boshaftes Lächeln hatte etwas Sympathisches.
„Ich verstehe.“
***
Natürlich war Mister Trelawney kein Engländer und den Namen hatte er aus dem bekannten Roman „Die Schatzinsel“. Freddy Finger war ein alter Freund aus Belfast, der auf diesem Wege Kontakt mit mir aufnahm. Er war in der Stadt und wollte mich sehen. Offenbar ging es um etwas Wichtiges, sonst hätte er seinen versoffenen irischen Arsch nicht in Bewegung gesetzt.
Als Treffpunkt hatte ich die Synagoge in der Oranienburgerstraße ausgewählt. Erstens ist die Straße durch die Touristen sehr belebt, und zweitens gibt es hier mehr Überwachungskameras als in einem Casino in Las Vegas. Niemand würde uns hier hochnehmen können, und offiziell waren wir so unschuldig wie frisch geschlüpfte Küken.
Freddy hatte immer noch ein veritables Bäuchlein, doch sein dunkelroter Vollbart hatte zwei hellgraue Streifen bekommen, die aussahen, als hätte er Quecksilber getrunken und es wäre ihm aus den Mundwinkeln bis zum Kinn gelaufen. Er grinste breit, als er mich sah, und schüttelte meine Hand. Wir kannten uns noch aus der guten alten Zeit des West-Berliner Waffenhandels, als uns die Sowjets Kalaschnikows und Plastiksprengstoff überließen, die wir für gutes Geld an die IRA verkauften. Wir wollten Geld verdienen, die Russen den Westen destabilisieren und Freddy Nordirland von den britischen Besatzern befreien. Es gab nur Gewinner – zumindest aus unserer Perspektive.
Wir stellten uns zwischen zwei parkende Wagen und taten so, als ob wir die Straße überqueren wollten. Die Passanten konnten uns nicht hören, weil wir in den tosenden Verkehr hinein sprachen, der sich zähflüssig an den Nutten und Imbissbuden vorbeiwälzte. „Die Yankee-Imperialisten machen uns mal wieder Probleme“, begann Freddy. „Kennst du das SOC? Special Operations Command. Eine Spezialeinheit, die für das US-Militär Morde begeht, aber auf keiner Gehaltsliste und in keinem Organigramm auftaucht. Wenn was schiefgeht, kennt niemand die Jungs. Und niemand holt sie aus der Scheiße.“
Ich nickte. Von diesen Killerkommandos hatte ich schon gehört. Auch die CIA hatte eine inoffizielle Spezialeinheit für die Drecksarbeit.
„Sie sollen einen Terroranschlag inszenieren und den Islamisten in die Schuhe schieben. Auf diese Weise wollen die Amis die Deutschen in den Krieg gegen den Terrorismus ziehen. Sie wollen am Tatort einen syrischem Pass, eine IS-Flagge oder andere Hinweise hinterlassen. Ich habe Namen und Fotos von dieser Kommandoeinheit. Es sind zwei Männer, die schon im Irak und in Afghanistan im Einsatz waren.“
Er reichte mir einen Umschlag, den ich sofort in meiner Manteltasche verschwinden ließ.
„Wann und wo werden sie zuschlagen?“
„Wissen wir nicht. Könnte im Olympia-Stadion sein, da findet nächste Woche ein Länderspiel statt. Ein Rockkonzert, eine Shopping Mall, eine Schule.“ Freddys Gesicht wirkte traurig, so kannte ich ihn gar nicht. „Wir wissen auch nicht, wann sie es machen werden. Aber sie sind schon hier. Ihr solltet euch beeilen. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Und den deutschen Geheimdiensten kann man nicht trauen. Vielleicht stecken die mit drin. Und die Polizei ist einfach zu blöd, die kannst du komplett vergessen. Ihr müsst es alleine machen.“
„Geht in Ordnung, Freddy. Danke. Geh zurück in den King’s Head und warte auf die Post.“
Er gab mir die Hand und überquerte die Straße. Wenn die Sache erledigt wäre, würde ich eine Flasche Bushmills an die King’s Head Tavern in Belfast schicken. Das Zeichen, das alles erledigt wäre. In seiner Stammkneipe wusste Freddy Finger dann Bescheid. So haben wir es all die Jahre gemacht. Und am 16. August habe ich ihm jedes Jahr seit 1983 eine Flasche Whiskey an diese Adresse geschickt, zum Zeichen, dass es mir gut ging und die Geschäftsbeziehung intakt war. Das Gründungsjahr der „Old Bushmills Distillery“ ist 1608.
***
Wenn man keine Spuren hinterlassen und keine riesige Sauerei anrichten will, sollte man mit den eigenen Händen töten. Meine Meinung. Schusswaffen hinterlassen Projektile und Patronenhülsen, man verursacht Lärm und muss eine Waffe entsorgen. An Messern und Totschlägern findet sich jede Menge DNS – und wenn man unvorsichtig war, die eigenen Fingerabdrücke.
Sammy Paterson war in einem kleinen Drei-Sterne-Hotel in Schöneberg abgestiegen. Komisch, diese Typen denken immer, sie müssten sich einfach unsichtbar machen. Aber ich hatte von Freddy den Namen, ein Foto und die Adresse. Und ich habe ihn nicht gefragt, wie er es herausbekommen hat. Wir haben uns nie viele Fragen gestellt. Vielleicht spielte eine andere amerikanische Sicherheitsbehörde auf diese Weise über Bande, um den SOC-Plan zu durchkreuzen. Vielleicht ein europäischer Geheimdienst, vielleicht eine arabische Quelle – wer weiß? Wenn ich Freddy gefragt hätte, wäre ein Grinsen seine Antwort gewesen. Er würde es mir nie verraten. Ich kenne ihn.
Paterson wäre in einem teuren Hotel wie dem Adlon sicher wie in Abrahams Schoß gewesen, aber so war es ganz einfach. Ein begabter Freund hackte sich in den Computer des Hotels in der Belziger Straße und gab mir die Zimmernummer durch. Ein anderer Freund mietete sich ein Zimmer und bekam neben seinem Zimmerschlüssel auch den Schlüssel der Haustür, da die Rezeption zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens nicht besetzt war. In der Nacht nach meinem Treffen mit Freddy bin ich an Patersons Tür, habe wie wild geklopft und „Feuer, Feuer“ gerufen.
Als er aus seinem Zimmer kam, eine Pistole in der Hand, stand ich neben der Tür und schlug ihm mit der Handkante auf die Halsseite. Mit diesem Schlag betäubt man das Nervengeflecht des Brachialnexus oder den Sinusnerv, die Wirkung ist die gleiche: der US-Agent sank ohnmächtig zu Boden. Ich setzte mich auf seine Brust und drückte mit den Knien seine Oberarme nieder. Dann drückte ich ihm die Kehle zu. Er kam erst gegen Ende seines Todeskampfes wieder zu Bewusstsein und sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Aber da war es schon zu spät. Zum Abschied zog ich ihn in sein Zimmer, schloss die Tür und hängte ein „Do not disturb“-Schild an die Klinke. Ich verließ das Hotel und setzte mich in meinen VW-Bus, der schräg gegenüber des Eingangs geparkt war.
Gegen zehn Uhr kam Larry Stoughton. Offenbar hatte er seinen Kollegen am Morgen nicht erreicht und wollte nach dem Rechten sehen. Sein Gesicht war so kantig wie ein Schuhkarton. Ich erkannte ihn sofort durch die getönte Scheibe im Laderaum meines Busses. Auf dem Fahrersitz warten nur Amateure oder Hollywoodschauspieler – viel zu auffällig. Etwas albern, aber gut getarnt, folgte ich Stoughton mit falschem Hipsterbart, dicker Hornbrille und Basecap ins Hotel. Ich nahm die Treppe, er hatte den Fahrstuhl in den zweiten Stock genommen.
Als ich vorsichtig um die Ecke schaute, sah ich ihn in der offenen Tür vor dem Leichnam seines Kollegen stehen. Ich schlich mich auf der billigen Auslegeware an ihn heran und sprang ihm mit einem Fußtritt in den Rücken. Er warf die Arme und den Kopf zurück, während er nach vorne taumelte. Ich legte meinen linken Arm um seine Kehle und presste seinen Kopf mit der rechten Hand an meine Brust. Dann warf ich mich mit aller Kraft nach hinten und dreht seinen Kopf ruckartig zur Seite. Sein Genick brach mit einem trockenen Knacken.
Ich legte ihn zu seinem Kollegen und schloss die Tür. „Do not disturb“ galt auch weiterhin. Anschließend verließ ich das Hotel und fuhr den Wagen zu einem Freund nach Schulzendorf südöstlich von Berlin. Ich entsorgte meine Verkleidung, meine Handschuhe und meine Klamotten, ließ den Bus bei ihm in der Garage und wurde von einem anderen Freund zurück nach Berlin gefahren, der ordnungsgemäß mit dem Hotelschlüssel auscheckte. Die Meldung, dass zwei amerikanische Touristen in einem Hotelzimmer tot aufgefunden wurden, war erst am nächsten Tag in den Medien.
Nachdem der Job erledigt war, ging ich nach Hause. Wenn Sie Berlin kennen, sind Sie sicherlich schon einmal an meinem Haus vorbeigekommen. Jeden Tag gehen Zehntausende an meinem Haus vorüber, ohne es zu beachten. Es liegt extrem verkehrsgünstig und ist dennoch fast unsichtbar. Es ist das einzige Wohnhaus an den Yorkbrücken zwischen Schöneberg und Kreuzberg und steht direkt gegenüber dem Eingang zur U-Bahn-Station. Neben dem Gebäude ist der Aufgang zur S-Bahn-Station. Im Kalten Krieg gehörten die S-Bahn-Station und das Gelände der DDR-Reichsbahn. Die Russen kamen mit den Waffen problemlos zu mir nach West-Berlin und luden sie in einem Kellergewölbe hinter meinem Haus ab, zu dem ein Gang von der S-Bahn-Station führte. 1990 haben wir den Gang zugemauert, er ist nirgendwo verzeichnet. Das Lager nutze ich immer noch.
Falls Sie also eines Tages meine Hilfe benötigen sollten oder eine Waffe brauchen, gehen Sie in die Kneipe „Zum Umsteiger“ im Erdgeschoss des Hauses. Geben Sie dem Wirt eine Flasche Bushmills und einen Umschlag mit ihren Kontaktdaten. Schreiben Sie „Mardo“ auf den Umschlag. Das reicht. Er kennt mich. Ich wohne im ersten Stock und im Dachgeschoss. Sobald ich es einrichten kann, werde ich Sie kontaktieren. Jetzt wissen Sie, wo Sie mich finden können.
The Underground Youth – Mademoiselle. https://www.youtube.com/watch?v=QWgDai-sltU