Montag, 14. Dezember 2015

Daumengroße Genitalwarzen

„Ein Haufen klatschnassen bedruckten Papiers, durcheinander auf den Boden geworfen, wie aus einer Überschwemmung gerettet. Ich bin besorgt um die von der Nässe ‚aufgequollenen‘ Wörter, ich werde sie in der Sonne ausbreiten müssen, um sie zu trocknen wie Kleider. Das Zimmer ist kahl, ohne Möbel, mit einem in der Mitte leicht eingesunkenen Ziegelboden und hohen Fenstern, aus denen man nicht hinaussehen kann. Ich darf keine Zeit verlieren, sonst könnten die nassen Wörter ‚verderben‘.“ (Luigi Malerba: Tagebuch eines Träumers)
Es war ein sonniger Tag und so beschloss ich, ein paar Brote und eine Flasche Bier in die Satteltasche zu packen und ein wenig mit dem Rad spazieren zu fahren. Kurze Zeit später kam ich an der Autobahnbrücke an. Einige Fußgänger standen an der steinernen Balustrade und blickten auf den endlos strömenden Verkehr hinab. Ich stieg ab und lehnte mein Fahrrad an die Balustrade, ohne es abzuschließen. Ich schlenderte über die Brücke und blickte gelegentlich hinunter. Auf der anderen Seite der Brücke war ein Häuschen, dessen Tür geschlossen war. Neugierig ging ich hinein. Hier war eine Bank, auf der zwei alte Männer saßen. Ich ging zum Fenster und sah wieder die Autobahn unter mir. Plötzlich setzte sich das Häuschen in Bewegung und ich sah die Männer erschrocken an. Sie erklärten mir, dass ich in einem Zug wäre. Am Fenster flog die Landschaft vorüber und ich verlor die Autobahn aus den Augen.
Bald darauf hielt der Zug an einer Station. Ich musste nach Hause zurücklaufen, das war klar. Zum Abschied erzählte mir einer der alten Männer, im Krieg seien sie bis zu vierzig Kilometer an einem Tag marschiert. Vom Bahnhof aus sah ich eine Kirche und einige nette alte Häuser, direkt vor mir lag ein Park. Ich beschloss, erst einmal in den Ort hineinzugehen, um nach dem Rückweg zu fragen, denn Geld für die Rückfahrt hatte ich nicht dabei. Aber ich verlief mich in den krummen Gassen und hatte den Kirchturm bald aus den Augen verloren. Ich kam in eine Gegend mit mehrstöckigen Neubauten. Also fragte ich einen Postboten nach dem Weg. Er erklärte mir, ich müsse mich zuerst im Amt melden und zeigte mir den Weg.
Ich ging ins Amt, wo ein Mann mit Glatzkopf, Brille und Hosenträgern hinter einem Schreibtisch saß. Ich stellte mich kurz vor und schilderte ihm mein Anliegen. Wortlos stand er auf und holte ein Formular aus einem riesigen Schrank. Er setzte sich wieder hin und spannte es in seine Schreibmaschine. Dann begann er zu schreiben. Die Typenhebel seiner Schreibmaschine knallten wie die Platzpatronen eines Kinderrevolvers auf das Papier. Ich setzte mich auf einen Stuhl, der an der Wand unter einer rätselhaften Landkarte stand, und wartete. Und wenn ich in diesem Augenblick nicht aus meinem Traum erwacht wäre, würde ich dort immer noch sitzen.
P.S.: Sie haben den Text doch nur wegen der Überschrift angeklickt, oder? Leser wie Sie sind einfach nur erbärmlich. Sie machen mich krank. Klicken Sie weiter!
Tangerine Dream – Dr. Destructo. https://www.youtube.com/watch?v=T4WO1uMP2B0