Samstag, 26. Dezember 2015

Berliner Asche, Kapitel 2, Szene 9

Es war später Nachmittag, Büroschluss, und Marion Sutter hatte sich mit einem Taxi von ihrem schicken neuen Bürokomplex im Bauhausstil in Mitte zum Bahnhof Lichtenberg in den Osten der Stadt bringen lassen. Lichtenberg sah immer noch ein bisschen nach DDR aus: die Fassaden rußgeschwärzt von Jahrzehnten Kohleheizung und irgendwo mittendrin das Grab von Walter Ulbricht. Hierher verirrte sich kaum ein Tourist, zu besichtigen gab es höchstens das Stasi-Museum in der Normannenstraße. Vor dem Bahnhofseingang erstreckte sich der Weitlingkiez, eine traditionelle Hochburg der rechtsradikalen Szene. Auf der Weitlingstraße gab es kleine Geschäfte wie „Der Haarschneider“ oder den Tattooladen „Ost-Zone“, viele Asiaten und keine Türken.
Sie ging zu Fuß in die Skandinavische Straße, eine reine Wohnstraße mit Altbauten aus DDR-Zeiten. Hier wollte sie Fröbel von der „Nationalistische Befreiungsfront Berlin“ (oder wie auch immer sie sich inzwischen nannten) treffen, den ihr Vorgesetzter einmal bei einem Geschäftsessen mit guten Kunden als „zuverlässigen Mann für gewisse Aufgaben“ empfohlen hatte. Zum Glück hatte Herr Altmann noch einen Karteikasten auf seinem Schreibtisch, so dass es kein Problem gewesen war, Fröbels Nummer zu erfahren. Ein Lob der Ordnungsliebe älterer Menschen. Selbstverständlich hatte sie den Karteikasten komplett entsorgt. Die Polizei sollte im Falle einer Durchsuchung der Büros nicht sämtliche Geschäftskontakte des Unternehmens kennen. Anrufe der Polizei bei den Kunden waren Gift für den guten Ruf und die Umsätze.
Fröbel war pünktlich, um achtzehn Uhr war er wie verabredet an der Ecke Rosenfelder Straße. Er hatte kurzgeschnittene braune Haare, trug eine Jacke von Thor Steinar und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ultima Thule“ in Frakturschrift. Die rechtsextreme Band gehörte zu seinen Lieblingsgruppen. Neonazis trugen schon lange keine Springerstiefel und Bomberjacken mehr, auch die Glatze war längst out. Erkennungszeichen waren bestimmte Markennamen, Runen oder Zahlen wie Achtzehn oder Achtundachtzig, ein Hinweis auf die Buchstabenkombinationen AH für Adolf Hitler und HH für Heil Hitler. Frau Sutter hatte sich informiert und erkannte Fröbel bereits von weitem ohne Probleme.
Trotzdem fragte sie den jungen Mann höflich: „Sind Sie Herr Fröbel?“
„Ja, Fröbel. Dann müssen Sie Frau Sutter sein.“ Er schüttelte ihre Hand mit schmerzhafter Virilität.
„Genau. Ich bin die Stellvertreterin von Herrn Altmann, das hatte ich Ihnen ja schon am Telefon gesagt.“ Sie setzte ein dünnes Lächeln auf.
Fröbels Stirn legte sich augenblicklich in dicke Zornesfalten. „Wenn ich die Schweine erwische, die das getan haben!“
„Darum bin ich hier. Im Gegensatz zur Polizei weiß ich, wer der Mörder ist.“
Fröbel ließ ungeduldig die Fingerknochen knacken. „Wer war das? Die linken Zecken? Die Kanakenbrut?“
„Nein, es war ein Herr Gruschenko aus Weißensee. Er hat in ein Immobilienprojekt unseres Unternehmens investiert und wollte plötzlich sein Geld zurück. Als wir uns weigerten, hat er Herrn Altmann entführt und Lösegeld von uns erpresst. Trotz der erfolgten Zahlung hat er ihn brutal ermordet.“
„Diese Drecksrussen! Diese verfluchten Kommunisten! Haben uns nur Unglück gebracht!“ Fröbel schrie seine Wut auf die Straße hinaus.
Marion Sutter blickte sich unruhig um. Für dieses Gespräch konnte sie keine Zeugen brauchen. Aber an den Fenstern zeigten sich keine Gesichter und auf der Straße war auch niemand zu sehen.
„Ich brauche Ihre Hilfe in der Sache, denn wir können wegen der Lösegeldzahlung nicht zur Polizei gehen“, sagte sie mit leiser verschwörerischer Stimme zu Fröbel.
Fröbel senkte nun ebenfalls die Stimme. „Ich brauche nur eine Adresse und eine Personenbeschreibung. Den Rest erledige ich mit meinen Kameraden. Sie wissen ja, was Altmann für uns bedeutet hat.“
„Er hat Sie unterstützt“, riet sie ins Blaue hinein.
„So ist es. Das Geld für unsere große Aktion. Für die Freie Kameradschaft Lichtenberg. Aber dafür werden die Russen bluten.“
Frau Sutter lächelte und das Lächeln wurde immer entspannter. „Die Russen haben das Lösegeld ja noch. Solche Ganoven tragen das Geld sicher nicht zur Bank, das haben sie bestimmt in ihrem Hauptquartier versteckt.“
„Wie viel war es denn?“ Fröbel leckte sich gierig die Lippen.
„Insgesamt eine halbe Million Euro.“
„Eine halbe Million?“ echote der freie Kamerad.
„Ja. Zweihundertfünfzigtausend Euro sind in dem Koffer, den die Russen haben. Die zweite Hälfte sollte es nach erfolgreicher Übergabe von Herrn Altmann geben.“
„Zweihundertfünfzigtausend?“
„Ja“, sagte Frau Sutter. „Wenn Sie den Koffer haben, öffnen Sie ihn nicht. Er ist präpariert und bei unbefugtem Öffnen wird das Geld mit Farbe besprüht und unbrauchbar gemacht.“
Das war zwar unlogisch, denn das hätten die Russen ja sicher gleich bemerkt, aber der Neonazi war inzwischen so gierig geworden, dass er nicht mehr nachdachte. Vielleicht war er aber auch wirklich so blöd, das konnte sie nicht genau einschätzen.
„Gut. Wo finde ich den Koffer.“
„Der Mann heißt Wladimir Gruschenko, er betreibt ein Bordell am Solonplatz, Ecke Meyerbeerstraße. Auf dem Dach des Gebäudes besitzt er eine Penthousewohnung, dort wohnt er. Wenn Sie den Koffer haben, rufen Sie mich an. Sagen Sie nichts am Telefon, wir treffen uns wieder hier. Verstanden?“
„Verstanden.“
„Wir teilen das Geld: eine Hälfte für Sie, eine für mich.“
„Jawollja, Frau Sutter!“
Nirvana - Heart-Shaped Box. https://www.youtube.com/watch?v=n6P0SitRwy8