Samstag, 17. Oktober 2015

Das Schreckenskabinett des Doktor Bonetti

„Jedes Jahrhundert wird seine Nacht erleben.“ (Lupo Laminetti)
Bevor die mechanisierte Geisterbahn den Besuchern der Jahrmärkte das Fürchten und Gruseln beibrachten, gab es die Einrichtung des Schreckens- oder Kuriositätenkabinetts. Hier wurden angebliche Drachenknochen, Alraunenwurzeln oder präparierte Missgeburten ausgestellt, bevor das erste Naturkundemuseum erfunden war. Bonetti hatte auf seinen zahlreichen Reisen etliche Exponate sichern können, darunter ein Hirschgeweih, das nach Auskunft des Vorbesitzers an Karfreitag Blut schwitzte, wenn es an einem Judenhaus angebracht wurde.
Ganz besonders stolz war er auf seine Wachsfiguren, die der Öffentlichkeit seit dem Spätmittelalter gezeigt werden. Ihr ursprünglicher Name ist „Mannequin“ und sie wurden ab dem 14. Jahrhundert zunächst bei feierlichen Beerdigungszeremonien des Hochadels eingesetzt, wo sie aus ästhetischen und gesundheitlichen Gründen die verwesenden Leichname der Verstorbenen ersetzten. Später wurden Wachsporträts von Königen oder anderen Berühmtheiten wie Martin Luther auf Wanderschauen im ganzen Land gezeigt. Noch später benutzten Maler lebensechte Modellpuppen, ab dem 19. Jahrhundert folgten die Schaufensterdekorateure. Im vergangenen Jahrhundert wurden Menschen, die Mode vorführten, als Mannequins bezeichnet.
Noch heute irritiert die Wachsfigur – umso mehr, je ähnlicher sie einem Menschen ist. „Darum erregt das Wachsbild Grauen, indem es wirkt, wie ein starrer Leichnam“ (Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena). Vor allem erregt uns die Nachbildung von Schwerverbrechen und Hinrichtungen. „Das Ohr glaubte abgebrochene Schreie zu hören, der Geist unvollendete Dramen zu schauen (…) Es war eine geheimnisvolle Walpurgisnacht, würdig der phantastischen Gestalten, die Doktor Faust auf dem Brocken sah“ (Honoré de Baltac: Das Chagrinleder).
So hatte Bonetti nicht nur eine originalgetreue Elvis-Figur mit Paillettenanzug, sondern auch einen grausam blickenden Germanen, der einen abgeschnittenen Römerkopf hochhielt. In Großbritannien gab es um 1900 etwa 150 Panoptiken, von denen viele eine spezielle „Chamber of Horror“ hatten. Oft ist die Beleuchtung dieser Räume recht spärlich, so dass man sich in seiner Phantasie der Bestie Mensch völlig ausliefern kann. Letztlich boten die realistischen Darstellungen des gekreuzigten Christus in den Kirchen den gleichen Effekt.
Ein wenig beneidete Bonetti den begnadeten Plastinator Gunther von Hagen, der in seinen „Körperwelten“, einer Wanderschau, die gerade in Mainz gastierte, zu den Ursprüngen des Mannequins und des Schreckens zurückgekehrt ist: das Präparat eines echten Leichnams. Wie die einbalsamierten Leichname der alten Herrscher bieten sie uns den Kontakt zum echten Tod. Der Andrang zu dieser Ausstellung ist ungeheuerlich, Millionen Besucher sind begeistert. Bonetti hatte das Thema in seinem Roman „Tote leben ewig“ bereits vor einigen Jahren bearbeitet: Ein Tierpräparator verwandelt seine Mordopfer in Exponate, die er sich in die eigene Wohnung setzt.
Average White Band - Pick Up The Pieces. https://www.youtube.com/watch?v=3aGBXrJ6e34