Dienstag, 1. September 2015

Sprache und Sprachlosigkeit

Wenn ich in Ruhe darüber nachdenke, habe ich den Eindruck, dass wir in einer merkwürdigen Welt leben. Niemals zuvor wurde so viel „kommuniziert“ und so wenig miteinander gesprochen. Wo redet denn die gender-orientierte Antifa-Frau mit dem konservativen Xenophobiker? Sitzen sie irgendwo zusammen und tauschen Argumente aus? Nein. Sie kläffen sich aus der Finsternis der digitalen Anonymität an, beleidigen sich und sprechen sich gegenseitig die Fähigkeit zur Artikulation ihrer Weltanschauung ab. „Hate Speech“ statt Dialog. Günstigstenfalls wird der Andersdenkende ungeduldig belehrt und über die „richtigen“ Vokabeln aufgeklärt. Wer redet tatsächlich miteinander? Fremdenfreund mit Fremdenfreund und Fremdenfeind mit Fremdenfeind. Man bleibt unter sich und schaukelt sich im Eifer der gegenseitigen Bestätigung immer weiter hoch. Der radikalste Humanist ist im Wettlauf der Distinktion der beste und der radikalste Hassprediger ebenso – in ihrer eigenen Welt.
Die Eliten sind sich in ihrer Weltanschauung und ihren Meinungen in der Zwischenzeit so nahe gekommen, dass wir sie mit bloßem Auge gar nicht mehr unterscheiden können. Hat das jetzt jemand von der CDU oder von der SPD gesagt, kam es von einem Industriellenverband oder den Gewerkschaften? Wir würden bei einer Blindverkostung von Statements jämmerlich versagen. Die Eliten haben die Fähigkeit zur geschmeidigen Kommunikation bis an die Grenzen der Perfektion entwickelt, während die Bevölkerung das Diskutieren, den Austausch von Sachargumenten und das geduldige Zuhören längst verlernt hat. Und wer die Sprache verloren hat, verliert auch die Fähigkeit, die Welt zu gestalten. So wurden wir alle zu Passagieren, zum passiven Publikum, das den Mächtigen und ihren Medien ergeben lauscht, wenn sie uns mit ihren glatten und schönen Worten die Welt erklären. Garniert mit ein wenig „Bürgerdialog“, wo die US-Kavallerie die Sorgen der Indianer sanft ins Leere laufen lässt.
Wann hat man eigentlich zuletzt den Satz gehört: „Ich habe mir noch keine Meinung gebildet, ich möchte erstmal beide Seiten anhören.“
Randy Crawford - Street Life. https://www.youtube.com/watch?v=cnNyxy7XPfs

Kommentare:

  1. Vielleicht liegt das daran, daß alle Argumente, auch die aller Gegenseiten, schon längst allen bekannt sind. So bringt Argumentieren nichts Neues auf den Tisch. Es bleibt nur, sich für oder gegen ein bestimmtes Argument zu entscheiden, und wofür sich jemand entscheidet, ist letztlich nur eine soziologische Frage, keine Frage des besseren Arguments.

    Und: Was nützt ein Argument, wenn man sich über Ziele schon nicht einig werden kann?

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    1. Das gilt sicherlich für die alten Fragen, aber was ist mit den neuen? Da habe ich den Eindruck, dass die neuen Probleme mit den alten Argumenten diskutiert werden. Eigentlich schade.

      Und es würde sich schon lohnen, über Ziele zu diskutieren. Wenn an diesem Punkt die Fähigkeit fehlt, zu einem Kompromiss zu kommen, übernehmen die Eliten weiterhin die Zielsetzung.

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  2. Vielleicht liegt es ja daran, dass wir halt doch in einem System leben, wo die Zahl der möglichen Optionen durch dieses Unaussprechliche unwidersprochen festgeklopft ist, und nicht in einem Intentionalismus.

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