Freitag, 25. September 2015

Life of P – die Fortsetzung

Die folgenden Notizen habe ich auf dem Briefpapier des Hotels gemacht. Einige Auszüge:
24.-27. April 1987: Touren nach Delphi, Korinth, Mykene und Epidauros. Schiffstour nach Ägina, Poros und Hydra: „Drei malerische Inseln mit alten Fischerdörfern, deren Bewohner jedes Mal mit stoischer Ruhe und dem nötigen Sinn fürs Geld den Einfall von ca. 600 Bilderbuchtouristen über sich ergehen ließen. Und ich mittendrin. Ein herrliches Bild, wenn man vom Oberdeck beobachtet, wie sich diese multinationale Ungezieferplage (jede Schiffsdurchsage in sechs Sprachen) über den Landungssteg in die Souvenirläden und Cafés ergießt. Nach ca. einer Stunde kommen sie dann zufrieden grunzend aufs Schiff zurück und preisen ihre Beute. Invasion vom Planeten Geld.“ (…)
„27. April: Mit dem Taxi fahren wir am Abend nach Vouliagmeni südlich von Athen, wo das Ehepaar P. ein Strandhaus besitzt. Zum Straßenverkehr: eine rote Ampel kann, muss aber kein Hindernis sein, ein genügend breiter Bürgersteig wird auch mal als Überholspur genutzt und es wird andauernd völlig sinnentleert gehupt. Unser Taxifahrer konnte keine zehn Sekunden die Finger von der Hupe lassen. Die Leute hupen aus Langeweile, aus Ungeduld, wenn einer keinen Kavalierstart hinlegt, aus Gewohnheit – ich weiß es nicht. Es erklingt manchmal eine richtige kleine Melodie, wenn sich verschiedene Autos in verschiedenen Straßen scheinbar wie verabredet zu einer Hup-Orgie hinreißen lassen.
Am Treffpunkt vor einem Café kommt P. auf uns zu. Schon von weitem beginnt er, ausdauernd mit den Armen zu rudern. Er trägt heute Jeans und ein kariertes Hemd, was seine unförmigen Proportionen noch gnadenloser zum Vorschein bringt. Wir marschieren zu seinem Haus, bewundern es angemessen und begrüßen auch die werte Gattin, die auch hier durch zahllose, wie hingeschmiert wirkende Bilder zu bestechen weiß. Madame, dürfte ich Ihnen dieses Knoblauch-Stillleben um die Ohren hauen? Lassen Sie es dann sein? Wir fahren zu einem Fischrestaurant. P. sitzt heute selbst am Steuer und fährt mit dem Glück des Gerechten. Erst jetzt wird mir seine Unbeweglichkeit bestürzend klar: er kann den Kopf nicht drehen. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass er sich immer mit dem ganzen Körper umwandte, wenn er links oder rechts oder gar hinter sich etwas sehen wollte. Durch die kraftlos schlenkernden Arme wirkt er dabei wie ein beklagenswert verrostetes Karussell. Er blickt abwechselnd über und durch den Lenkrad, zum Glück hat der Benz ein Automatik-Getriebe, sonst wäre er völlig überfordert. Trotz allem kommen wir an. Natürlich kennt er den Restaurantbesitzer und selbstverständlich hängt in einer Ecke auch ein Gemälde seiner Frau.
Flugs hat er Fisch und Wein bestellt. Ich harre ängstlich der Speisen, die auf mich zu kommen. Unser Tisch steht an einer der Türen, die auf die Terrasse führen. Durch hinaus- und hereineilende Kellner entsteht natürlich etwas Zugluft, was P. dazu veranlasst, die Tür zu schließen, den Schlüssel im Schloss zu drehen und ihn anschließend in seine Hosentasche zu stecken. Noch einige Male ein stummes, ratloses Drücken der Klinke durch einen Kellner, das überlegene Lächeln des Dr. P, das kurze Heranwinken des Geschäftsführers und einige erklärende Worte – die Tür bleibt für die Dauer unseres Besuchs geschlossen. Anschließend Besichtigung des Yachthafens und das gegenseitige Fotografieren aller möglichen Personenkonstellationen. Fahrt zum teuersten Hotel Griechenlands, der Mercedes wird von einem livrierten Diener fortgefahren, der Barkeeper begrüßt P. Beim Verlassen des Hotels begrüßt P. einen Staatssekretär, die rechte Hand von Ministerpräsident Andreas Papandreou. In welchem Film bin ich?“
„29. April 1987: Vormittags Besichtigung der Fabrik, die P. leitet. Auf seinem fast völlig leeren Schreibtisch steht ein Schild: „Silence! Thinking boss“. Zum Abschiedsessen fahren wir zu einem Restaurant und P. winkt den Oberkellner an seine Limousine. Durch das geöffnete Fenster gibt er die Menüfolge durch. Eine Stunde später ist alles vorbereitet. Ein acht Kilo schweres Lamm wurde für das Festmahl geschlachtet. Nach Moussaka und griechischem Salat kommen die Innereien auf den Tisch: Herz, Lunge, Leber. P. selbst nimmt allerdings den aufgebrochenen Kopf des Tieres und fragt, ob jemand vom Gehirn probieren möchte. Wir lehnen dankend ab und er verspeist es höchstselbst. Dann kommt das eigentliche Lammfleisch. Auf dem Tisch sieht es mittlerweile wüst aus, der Retsina fließt in Strömen und unser kleiner Onassis ist voll in seinem Element. Wie ein Sultan klatscht er in die Hände, wenn ein neuer Gang oder eine neue Flasche Wein gebracht werden sollen.
Als am Ende frischer Joghurt mit Honig auf den Tisch kommt, den der Patriarch aus der großen Schüssel auf die Teller der Anwesenden verteilt, sind alle abgefüllt und müde. Kein Wunder, das Essen hat zweieinhalb Stunden gedauert. Wie könnte ich dieses Bild je vergessen: der kleine, lachende, ständig schmatzende Fürst, umgeben von seinen drei griechischen Angestellten, die ihn unverhohlen unterwürfig umschwärmen, und denen er zur Belohnung ab und zu ein paar Worte zuwirft oder – der Gipfel – über den Kopf streichelt. Nebenbei erwähnt er, dass er zum Empfangskomitee der deutschen Botschaft gehört, wenn Bundespräsident Richard von Weizsäcker demnächst zum Staatsbesuch nach Athen kommt. Und am Abend des gleichen Tages sitze ich bei meinen Freunden in der Kneipe am Ingelheimer Bahnhof und habe viel zu erzählen.“
P.S.: Dr. P. ist vor zwei Jahren nach langer Krankheit verstorben. Wir sind froh, dass er den Niedergang seiner griechischen Heimat, dessen Regierungsprogramm inzwischen von Reichsprotektor Schäuble vorgegeben wird, nicht mehr erleben musste. Ich erinnere mich an eine unserer letzten Begegnungen, als er mir im Kreise der Familie gut gelaunt die delikate Frage stellte, ob ich inzwischen verheiratet wäre oder immer noch „à la carte“ leben würde. Seine drei Kinder haben Griechenland längst verlassen, sie leben in Deutschland, Großbritannien und der Schweiz.
Ultravox – Astradyne. https://www.youtube.com/watch?v=m5-YeyOZmXo

Kommentare:

  1. Ja genau !!!
    Die malende Gattin.
    Kenn ich.
    Von meinem Chef.
    Könnte mich beölen.

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    1. Und jeder aus dem Freundeskreis muss natürlich ein Exemplar kaufen und es vor dem Besuch der Malergattin schnell irgendwo hinhängen. Niemand wagt es, so einem "Vollamateur" (Polt) zu sagen, was von den Bildern zu halten ist. Noch schlimmer ist es eigentlich nur, wenn die Leute töpfern ...

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  2. Keine Angst, mein Chef besucht mich nicht.

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  3. Schab 3 WC. Kein Problem.

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