Freitag, 18. September 2015

Die falsche Tür

„Wenn du nicht willst, dass jemand davon erfährt, dann lass es sein.“ (chinesisches Sprichwort)
Eines habe ich an diesem Tag gelernt: Du gehst einmal durch die falsche Tür und du bist rettungslos verloren. Du bist ein Fremder in deiner eigenen Welt. Fremder als auf einem anderen Planeten. Du triffst die falsche Entscheidung und du sitzt in der Falle. Du kannst es nicht mehr rückgängig machen. Und noch etwas habe ich an diesem Tag gelernt: Frauen gehen nicht zu zweit auf die Toilette. Nein, sie gehen im Rudel. Sie kommen als Herde. Es ist eine Stampede, die sich in den Raum ergießt. Da musst du ganz tapfer sein. „The Damned Don't Cry“. Aber der Reihe nach.
Ich bin zwölf Jahre alt. Unschuldig. Voller Hoffnung. Und vollkommen ahnungslos, als ich mit meiner Mutter und ihrem damaligen Freund in einem Restaurant sitze. Wir haben gerade gegessen. Ich weiß nicht mehr, was ich hatte, denn ich bin noch heute traumatisiert. Ich habe den schönen Teil dieser Geschichte verdrängt. Vermutlich bin ich deswegen Single. Wir dürfen aber aufgrund meiner Gewohnheiten annehmen, dass es ein Jägerschnitzel mit Pommes frites war. Und dazu habe ich eine Spezi getrunken. Menschen wie ich brauchen keine Speisekarte.
Nach dem Essen muss ich auf die Toilette. Kein Problem. Ich bin schließlich schon zwölf. Also gehe ich aus dem Gastraum ins Treppenhaus. Dort ist ein Schild mit einem Pfeil, der mich zu den Toiletten lotsen soll. Ich folge dem Pfeil und ein Stockwerk höher ist die Damentoilette. Aber wo ist das Männerklo? Ich laufe die Treppen hinauf und hinab. Der Harndrang ist inzwischen überwältigend. Da habe ich eine Idee. Ich drehe mich um. Niemand zu sehen. Auf Zehenspitzen schleiche ich zur Damentoilette. Vorsichtig öffne ich die Tür. Keiner da. Ich überlege noch kurz – und dann tue ich es.
Schließlich muss ich nur pinkeln. Das geht schnell. Eine Sache von Sekunden. Und da es hier kein Pissoir gibt, muss man sich hinterher auch nicht die Hände waschen. Ich öffne eine der beiden Türen, lasse die Hosen runter und setze mich. Es läuft. Kein großes Ding. In einer Minute bin ich wieder bei meiner Mutter. Und dann höre ich das Quietschen der Tür. Hitchcock nix dagegen! Jemand betritt den Raum. Neben mir wird die Tür geöffnet und geschlossen. Ich höre Knistern und Rascheln. Strumpfhosen? Rock? Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich muss hier raus! Und zwar ganz schnell, solange die Frau noch mit sich selbst beschäftigt ist.
Ich ziehe die Hose hoch und betätige die Spülung. Da höre ich es wieder. Das Quietschen der Tür. Und diesmal sind es zwei Frauen. Sie unterhalten sich. Mucksmäuschenstill setze ich mich wieder auf das Klo und warte. Hier hilft nur Warten. Aussitzen. Die Minuten vergehen. Immer mehr Frauen drängen sich in die Toilette. Ich schaue unter der Tür durch. Ein Wald von Beinen in hohen Schuhen. Sie beginnen zu lästern. „Ist die da drin eingeschlafen oder was“. Was soll ich machen? Meine Mutter sucht mich sicher schon. Ich sehe sie vor meinem geistigen Auge, wie sie das Gebäude und den Parkplatz absucht, meinen Namen schreiend. Immer verzweifelter.
Ich warte. Aber es wird nicht besser. Der Raum ist inzwischen zum Bersten mit wartenden Frauen gefüllt. Es hat keinen Zweck. Ich muss hier raus. Ich öffne die Tür und gehe durch ein Spalier staunender Frauen hinaus. Mein Kopf ist feuerrot. Es ist mein Ende. Das Wort Scham ist nicht ausreichend, um meine Gefühle zu beschreiben. Schande reicht auch nicht. Waterloo? Armageddon? Zu schwach. Todessehnsucht? Wenn mich eine dieser Frauen auch noch angehalten oder nur angesprochen hätte, wäre ich im Erdboden versunken. Es fällt mir noch heute schwer, darüber zu sprechen. Meiner Mutter habe ich es nie erzählt.
P.S.: Dieser Text ist Teil der Blogparade "Ich war fremd" der fabelhaften Friederike.
http://landlebenblog.org/2015/09/01/blogparade-ich-war-fremd/
The Police - So Lonely. https://www.youtube.com/watch?v=fQ1sTL_TYUM

Kommentare:

  1. Hehe. Ich hätte ja noch ein wenig länger zugehört. Aber gut, mit zwölf Jahren hat man sicher andere Dinge im Kopf als typische Klischees (Frauen lästern aufm Klo) knallhart bestätigt zu bekommen ;-)

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    1. Leider kann ich mich nicht an mehr Details erinnern. Und ähnlich wie bei Drogenerfahrungen kann ich dir gar nicht genau sagen, wie lange ich da drin gesessen habe. Ich hätte gerne die komplette Tonspur der Session ;o)))

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