Samstag, 26. September 2015

Das Imperium der Moral

„Die Armen sind eine Nation. Die Reichen sind eine Nation. Der Rest ist Nationalismus.“ (Lupo Laminetti)
Der ungarische Staatschef Orban hat bei seinem Staatsbesuch im Freistaat Bayern der Bundesregierung in Berlin “moralischen Imperialismus” vorgeworfen. Ach wäre das schön, denke ich, wenn es so etwas gäbe. Moral als handlungsleitendes Motiv und ein ganzes Imperium, das diesem Leitmotiv Kraft und Wirkung verliehe. Wir neigen dazu, die Welt durch die Brille von Moral oder Vernunft zu betrachten, und wundern uns, dass wir aus diesem Blickwinkel kein geschlossenes Bild vom Menschen und seiner Geschichte erhalten. Die Absurdität, die Tragik und die Zufälligkeit unserer Existenz verdrängen wir systematisch oder verklären sie mit Begriffen wie Schicksal oder gar Vorsehung.
Da wird zur Erklärung einer kurzzeitigen Grenzöffnung der Bundesrepublik für einen überschaubaren Teil des weltweiten Flüchtlingsstroms dann auch gleich der Charakter der Nation („der Deutsche“ ist ja wahlweise Schlächter oder Schwärmer, wie wir angeblich wissen) oder die deutsche Geschichte bemüht (insbesondere der Zweite Weltkrieg und seine Folgen, vielen Dank an dieser Stelle an die britische Presse – so etwas nennt man übrigens Obsession und kann behandelt werden). Die Wahrheit ist wesentlich schlichter, das ist zumindest meine Wahrnehmung. So wie Willy Brandt seinen Kniefall in Warschau 1970 nicht geplant hatte, so hat Angela Merkel die temporäre Maueröffnung für die Flüchtlinge nicht kühl kalkuliert. Es war eine spontane Entscheidung unter dem Eindruck des aktuellen Geschehens – so wie ihr überraschender Ausstieg aus der Atomenergie 2011 wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima.
Was war der konkrete Auslöser? Eine Fotographie, die um die Welt ging. Ein kleiner Junge liegt tot an einem Urlaubsstrand in der Türkei. Bald wissen wir auch seinen Namen: Alan Kurdi. Er scheint friedlich zu schlafen, die flachen Wellen umfließen spielerisch seinen Kopf. Wir können das Gesicht des Dreijährigen nicht sehen. Hätten wir das Gesicht der Wasserleiche gesehen, wäre die Wirkung verflogen. Die Medien hätten es auch nicht gebracht. Aber an diesem Morgen im Spätsommer trifft uns sein Anblick wie ein Fausthieb in den Magen. Es bricht uns das Herz. Wer an diesem Tag nicht mit den Tränen kämpft, hat nie gelebt. Er ist einer von uns. Er hat nichts Fremdes an sich. Rotes T-Shirt, kurze blaue Hose – genauso ist Bart Simpson angezogen. Dieses zerbrechliche, kleine, zarte Leben ist ausgelöscht, zermalmt zwischen den Mühlsteinen der Politik. Eine Ikone dieses Jahrhunderts, so wie die Bilder der rauchenden Trümmer des World Trade Centers. Dazu kommt, dass die Bilder von den Flüchtlingen vor dem Stacheldraht an der ungarischen Grenze 2015 die Kanzlerin an die Bilder flüchtender DDR-Bürger an der ungarischen Grenze 1989 erinnert haben mögen.
Wer ist schuld am Tod eines unschuldigen Kindes, das nie etwas von der Politik, die sein Leben bestimmt hat, begreifen konnte? Die Politiker seiner Heimat Syrien, die Warlords des Bürgerkriegs, die vielen Helfer dieser Verbrecher. Ganz klar. Aber wir spüren in diesem Augenblick auch die eigene Schuld: Wir haben ihn nicht zu uns gelassen. Im Augenblick seiner größten Not haben wir ihn im Stich gelassen. Politiker, Waffenhändler und Rassisten aller westlichen Staaten. Aber auch die schweigende Mehrheit der Satten und Zufriedenen. Für einen kurzen Moment blitzt der Wahnsinn der Geschichte auf, der die beiden Fotos von New York und Bodrum miteinander verbindet. Und was tun wir? Für ein paar Wochen werden die gusseisernen Tore der Festung Europa geöffnet und das geschundene Volk darf hinein.
Machen wir uns nichts vor: Mitleid und Barmherzigkeit werden nicht von Dauer sein. Noch zeigen uns die Medien als Nachhall des Fotos von Alan Kurdi jeden Tag kleine Kinder mit ihren Familien, die glücklich unser Land erreichen. Bald werden wir satt sein von der Herzenswärme dieser Bilder und die Medien werden unseren Blick auf neue Skandale und Probleme lenken. Achten Sie auf die Bilder! Demnächst werden wir andere Fotos und Filmaufnahmen von den Flüchtlingen sehen. Die Mehrzahl der Flüchtlinge sind junge Männer, die verzweifelt und sicher nicht immer friedlich um ihre Zukunft kämpfen werden. Und spätestens am ersten Advent wollen wir unsere Ruhe haben, denn dann beginnt die gruselige Zeit der deutschen Innerlichkeit, des Glühweins und der familiären Selbstbespiegelung. Moslems feiern ja sowieso nicht Weihnachten, wird es dann heißen. Nicht nur Deutschland hat Grenzen, sondern auch seine Menschlichkeit.
Fatboy Slim - Rockafeller Skank. https://www.youtube.com/watch?v=FMrIy9zm7QY