Donnerstag, 6. August 2015

Der Bote

Bote – das war einmal ein ehrenwerter Beruf. In stolzer Uniform ritt er durch Wälder und Dörfer, trotzte den Gefahren in Gestalt wilder Tiere und arglistiger Räuber, unaufhaltsam flog er seinem Ziel entgegen. Eine ehrenvolle Aufgabe erfüllte sein Herz mit Pflichtgefühl, und er ruhte nicht eher, als bis die Botschaft endlich ihren Empfänger erreicht hatte.
Müde stieg er am Abend vom Pferd und nahm die kostbare Schriftrolle aus der Satteltasche. Dann rannte er mit letzter Kraft die Stufen des Palastes hinauf, eilte zum Fürsten und überbrachte ihm mit einer tiefen Verbeugung die wichtige Nachricht. Alsdann brachten ihm die Hofdiener Brot und Wein.
Noch in meiner Kindheit war der Postbote ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Und heute? Was ist geblieben? Schauen Sie sich dieses gehetzte Wesen namens "Zusteller" an: Die Ideologie totaler Effizienzmaximierung und die unstillbare Gier nach Profit haben diesen Beruf zerstört.
Thievery Corporation - No More Disguise. https://www.youtube.com/watch?v=lggbXcxGmrc

Kommentare:

  1. Unser Briefträger Axel hat in den Sechzigern/Siebzigern in der Dieffenbachstraße noch zwei mal am Tag die Post ausgetragen und die Stütze, AloG, Alhi wurden noch 14-tägig in bar an die Tür gebracht. Genau wie Rente oder sowas ...

    Wenn es zwischen den Tagen mal eng wurde mit der Penunse , konnte man ihn anpumpen.

    Meine Eltern und Großeltern erzählten, daß bis in die Fünfziger der Postbote mehrmals bis ca. 18 Uhr kam, sofern auf der Verteilerstelle noch was rumlag.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. In Berlin wurde damals - habe ich in einem Roman gelesen - fünfmal am Tag die Post gebracht. Und es gab für eilige Fälle noch den Telegrammboten. Wer kennt noch das schöne Wort Depesche?

      Löschen
  2. Ach ja, einmal im Jahr gab es den "Lohnsteuer-Jahresausgleich". Der kam - verflucht noch mal! - immer erst auf der postalischen Nachmittags-Runde von Axel. Wir haben immer und immer wieder schon Vormittags an der Haustür gewartet.

    Also haben wir "Bei Rudi" in der Eckkneipe an der Grimmstraße gewartet, bis Axel gegen 14 oder 15 Uhr dort auftauchte und die Kohle auf den Tresen legte, wovon sich Rudis Olle erst mal ihren Teil für den Deckel abgriff, der im Laufe der Stunden oft genug nicht gerade mickrig gewesen war ...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ein Freund von mir, der inzwischen als Buchhändler im Saarland (mit drei Kindern!) lebt, war zu dieser Zeit Briefträger in Kreuzberg. Lebte selbst in der Manteuffel ... Damals in den Neunzigern. Als man den älteren Damen die Rente noch bar an der Haustür ausgezahlt hat. Ich sage nur: Respektsperson! Damals hätte es sich noch gelohnt, den Briefträger zu überfallen. Das wissen die jungen Kriminellen heutzutage gar nicht mehr ...

      Löschen