Freitag, 31. Juli 2015

Die Zeit hat Fangzähne

Franky. Alter Schulfreund. Wann habe ich dich das letzte Mal gesehen? Das muss in der Mittelstufe gewesen sein. Damals waren wir dicke Kumpels. Ich war in deinem Kinderzimmer, du warst in meinem Kinderzimmer. Deine Mutter hat uns Brote geschmiert, meine Mutter hat uns Brote geschmiert. Dann bist du sitzengeblieben. Achte oder neunte Klasse. Ich bin weitergezogen, du bist neben mir gefallen. Wir haben uns aus den Augen verloren. Es ist wie im Krieg, nur ohne Tote.
Jetzt treffe ich dich wieder auf Facebook. Wir sehen uns immer noch nicht, aber wir tauschen kleine Nachrichten aus, machen Witze. Du arbeitest jetzt bei einem „Fahrgeschäft“ und ziehst von Kirmes zu Kirmes, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Fahrendes Volk sozusagen. Das ganze Jahr bist du unterwegs und siehst die Heimat nur, wenn in Mainz oder Bad Kreuznach ein großes Volksfest stattfindet. Bist du einer von den Jungs geworden, die beim Auto-Scooter die Wagen einparken? Von diesem Job habe ich als Kind geträumt. Oder ist es der „Twister“ und du sitzt an der Kasse und machst gleichzeitig die Ansagen: „Die nächste Fahrt geht rückwärts“ und solche Sprüche? Ich wage es gar nicht zu fragen, wie du lebst.
Ich sitze hier bequem am Notebook, lebe fürstlich ganz allein in einem Zehn-Zimmer-Haus mit einem Bilderbuchgarten. Wissenschaftler, Journalist, Schriftsteller. Was man so macht, wenn man das verdammte Abitur geschafft hat. Fahre gelegentlich nach Berlin, wo ich in einer noblen Altbauwohnung residiere und Aperçus zu Papier bringe. Du hast vielleicht noch nicht mal einen festen Wohnsitz und kennst das Leben nur im Wohnwagen. Ich habe, bis auf ein Jahr in einer Studenten-WG, nie Miete gezahlt. Der Schriftsteller und der Schausteller.
Jetzt ist deine Mutter gestorben. Ich habe ihr Gesicht längst vergessen. Bei Facebook hast du nur das Bild einer Kerze eingestellt. Ich spreche dir mein Beileid aus, Franky. Du kommst wieder nach Hause, um deine Mutter zu beerdigen. Und ich bin ehrlich traurig. In Gedanken bin ich bei dir. Du marschierst immer noch neben mir. Wir können gar nicht anders.
Franz Schubert - Ave Maria. http://www.youtube.com/watch?v=2bosouX_d8Y

Kommentare:

  1. Du kannst doch in so ein großes Haus locker eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen.

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    1. Ich bin hier nur Housekeeper und froh, in dieser Umgebung wieder gesund geworden zu sein. Ich kann das Haus nicht einfach für andere Menschen öffnen. Hatte auch schon eine WG-Anfrage.

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