Sonntag, 19. Juli 2015

Berlin-Extrakt

„Das Unglück ist, dass jeder denkt, der andere ist wie er, und dabei übersieht, dass es auch anständige Menschen gibt.“ (Heinrich Zille)
Ich steige am Bahnhof Zoo aus der S-Bahn und gehe mit schlafwandlerischer Sicherheit die Treppenstufen hinunter, die mich direkt zu Ullrich führen. Sonntagnachmittag, der Supermarkt ist voll. Vor mir an der Kasse bezahlt ein älterer Herr mit verwaschenen Tätowierungen auf beiden Handrücken und braun gebranntem Bauerngesicht, Schiebermütze und Joppe (ich tippe auf Balkan) sein Mittagessen, bestehend aus zwei Rex-Pils, einem 5cl-Wodkafläschchen und einer Packung Salzstangen, mit Kleingeld, Messing- und Kupfermünzen, bis die geduldige Kassiererin „Stop“ ruft.
Ich packe meine Weizenbierflaschen in den Rucksack und gehe zur U-Bahn. Im Zug eine dicke junge Frau mit dem Das-Leben-ist-beschissen-Blick und ein alter Mann in einem kurzärmeligen, zweifarbigen „Freizeithemd“ mit einem Knopf (geschlossen) und linker Brusttasche (leer).
Prager Platz. Aus einem Hofdurchgang weht der süße Geruch verwesender Kotze. Auf der Straße ein schreiender Verrückter, der wild mit den Armen fuchtelt. Dann der erste Pfandflaschensammler. Durch eine bunte Blumenmauer von ihnen getrennt sitzen adrette Ehepaare mit ihren Kindern und genießen die mediterrane Küche und das schöne Wetter. Ich bin wieder da.
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Kreuzberg. Die U 1 heißt jetzt U 12. Neben mir sitzt Frau Nguyen aus Vietnam und füllt in Großbuchstaben eine “Verpflichtungserklärung” aus. Deutsche Mysterien, Teil 71: das Formular.
Junge Amerikaner mit riesigen Vollbärten. Ich würde sie gerne fragen, ob man bei dieser Hitze nicht unter der Wolle schwitzt. Die Frauen spielen das alte Spiel: Lost in Handtasche (Format DIN A 2).
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Rückblende („Wow! Tolle Dramaturgie”)
Der Morgen nach der Party. Um sieben Uhr wache ich auf, nach vier Stunden Schlaf. Wir haben in einem Garten in Poppenbüttel gefeiert, etwa sechzig Leute, von denen ich einige seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen habe. Aus Kindern, die ich als Baby auf dem Arm gehalten habe, sind baumlange Studenten geworden.
Mein Hotelzimmer hat die Größe einer Schiffskajüte, etwa 5 qm, und ins „Bad“ kann ich mich nur seitwärts hineinschlängeln. Ein düsterer Hinterhof wie in Brooklyn. Im Frühstücksraum sitzen rechts von mir Ostasiaten, vor mir Afrikaner. Das komplette Hotelpersonal ist arabischer oder persischer Herkunft. Auf den Straßen von Wandsbek die gleiche Metropolenmischung. Es fühlt sich alles nach Urlaub, nach großer weiter Welt an.
Gut gelaunt fahre ich mit der S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig ein paar Punker. Keiner sieht aus wie der andere, aber alle erfüllen die optischen Klischees der Achtziger (Bahnhof Zoo-Version): einer mit kurzen grünen Haaren, abgewetzter Lederjacke, Shorts und Springerstiefeln, einer mit bunten Haarstacheln (halber Meter), schwarzer Hose und schwarzem Shirt, Punker-Freundin im Minirock mit Strapsen über den dicken Beinen, Haare blau und wasserstoffblond, ein großer Hund ohne Leine und als Exot ein Typ mit Rastafrisur und zitronengelbem Sommerhütchen. Sie sind laut, weil es dazu gehört. Ghettoblaster. Gespräche erschreckend normal. Im Zug wollen sie alle erstmal kacken gehen. Sie haben Fahrkarten und kaufen sich beim Bäcker süße Teilchen. Dann steigen sie in den Regionalexpress Richtung Rostock.
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Tian Fu heißt übersetzt: brennender Schlund der Hölle. Jede Wette. Es gehört zu meinen kulinarischen Berlin-Ritualen: Gulasch und Bier in den „Prager Hopfenstuben“, der erste Döner und die Sichuan-Küche des „Tian Fu“ in der Uhlandstraße, wo ein maliziös lächelnder Teufel mit roten Hörnern am Kochtopf steht. Jeder Schluck Schwarzbier verteilt die Schärfe weiter in Mund und Rachen, erhöht den Schmerz und verhöhnt die Bitte um Linderung der lukullischen Qualen. Aber hinterher, wenn man sein ganzes Inneres mit dem Napalm der Chili-Schote ausgebrannt hat, fühlt man sich unglaublich gut.
Ich sitze an einer Bushaltestelle und sehe mir in Ruhe den knallroten Sechziger-Jahre-Sportwagen an, dessen Motor wie ein Schiffsdiesel brummt. Am Steuer sitzt ein cooler Typ mit Sonnenbrille und Zopf, neben ihm die unvermeidliche Blondine. Wenn sie nicht im Stau an einer Baustelle stehen würden, wäre ich beeindruckt.
Immer wieder lustig: das Outdoor-Outfit in der Innenstadt, vorzugsweise von Touristen präsentiert. In einer Stadt, in der gefühlt alle zehn Meter ein Bäcker, Metzger, Kiosk, Supermarkt oder Restaurant genügend Lebensmittel bereithält, wirken sie mit ihren Rucksäcken, Wasserflaschen und Jack-Wulfskin-Klamotten so, als müssten sie heute nach dem Kaffee noch auf den Nanga Parbat.
Durch das Fenster der S-Bahn sehe ich eine Baubrache. Am Zaun hängt ein Schild: „Event-Fläche zu vermieten“. Wer mal eine Nacht an den S-Bahn-Gleisen feiern will …
Die S-Bahn bringt mich zum Wannsee. Der beruhigende weite Blick über das Wasser. Dann die schönen alten Villen in Nikolassee, die Stille atmen wie hundertjährige Bäume. Frühstück bei „Uncle Sam“ in Zehlendorf, daunenzarte Pancakes mit Ahornsirup. Es ist nichts los, ich komme mit dem Wirt ins Gespräch. Ich erfahre eine Bemerkung zu spät, dass die hübsche Bedienung seine Tochter ist. No problem, er grinst.
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36 Grad im Schatten. Ein Tag wie geschaffen für die deftige polnische Küche. Ich sitze im Filafood in der Grünberger Straße auf einem bequemen Sofa mit Blick auf die Straße und schwitze in ein Gulasch mit köstlichen schlesischen Klößen. Warum gibt es in dieser Stadt – nur sechzig Kilometer von der Grenze entfernt und mit zehntausenden polnischen Mitbürgern – eigentlich kein größeres Angebot an polnischen Restaurants? Im Internet habe ich nur zwei gefunden und das Filafood ist ein winziger Imbiss, in dem der Koch selbst serviert und kassiert. Da hat Berlin noch erheblichen Nachholbedarf.
Staropramen: Der Schaum sahnig glatt wie eine Wolke, das satte Honiggelb des Biers, ungestört durch lästige Aktivitäten der Kohlensäure. In drei tiefen Zügen ist das Glas geleert, kein Völlegefühl, kein Aufstoßen. Der nächste halbe Liter wird angefordert. So läuft es in den „Prager Hopfenstuben“.
U 2, Alex. Mir gegenüber sitzt ein alter Mann mit schlohweißem Haarkranz um die Glatze. Die gesammelten Pfandflaschen klappern in seinen Plastiktüten. Auf seinen Unterarmen sind grobe Tätowierungen, wie mit einem dicken schwarzen Edding gezeichnet. Rechts eine Frau mit einer hohen Sechziger-Jahre-Frisur, links eine Asiatin mit Strohhut, darunter steht „Shanghai“. Ich würde ihn gerne nach seiner Geschichte fragen, aber trotz dreier Staropramen und einem Becherovka wage ich es nicht. Ein ungeschriebenes Gesetz der Stadt: Quatsch niemanden an.
Ein Restaurant mit dem Namen „Führerbunker“ würde bei britischen Touristen einschlagen wie eine Bombe, um nicht zu sagen: wie eine V 2.
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Sonntagsausflug nach Lichterfelde. Schöne Villen, Ruhe und Grün. In der beschaulichen Ferdinandstraße sitze ich in einem österreichischen Gartenlokal und genieße Wiener Schnitzel, Erdbeertiramisu und das Bier der Alpen (Danke für den Tipp, Tano!).
Der Himmel über Berlin ist blind. Die Sterne sind nur gemalt – auf Häuserwände.
Alberne Tätowierungen: Ein Wolf, über ihm ein Vollmond, vor dem ein Raubvogel schwebt, Marke Groschenheft-Cover, gesehen auf dem Unterarm eines etwa achtzehnjährigen adipösen Vollhorsts; zwei Theatermasken (Komödie, Tragödie), umgeben von botanischem Geschörkel, gesehen auf dem Oberarm einer etwa zwanzigjährigen Trulla.
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Am letzten Tag spaziere ich die Hermannstraße entlang, eine meiner Berliner Lieblingsstraßen. Abstecher in den Schillerkiez, in dem mein letzter Berlin-Krimi angesiedelt ist. Ein junger Mann mit dunkelblonden Rastazöpfen bis zu den Knöcheln trägt eine Kiste mit leeren Saftflaschen vorüber. Ich trage ein ausgeblichenes Borussia-Mönchengladbach-Retro-Shirt, das meinen Bauch besonders zur Geltung bringt, und werfe den jungen, gutaussehenden, schlanken Mittelschicht-Hipstern (Typ Tourist/Gentrifizierer), die auf dem Bürgersteig an mir vorübergehen, vernichtende Blicke zu („Ick heiße Harald, bin langzeitarbeitsloser Lackierer uff Umschulung zum Bewährungshelfer und fordere Milljöhschutz“). Merke: Zugereiste erkennt man an der Mateflasche, Einheimische an der Bierflasche. Der weite Blick über das Tempelhofer Feld. Kleine nette Gärten, dazwischen hässliche EIGENTUM-Schilder.
Letzte Molle in den Prager Hopfenstuben, nochmal Prager Gulasch. Ein Rentner mit Rollator spricht mich über den Gartenzaun der Terrasse auf Berlinerisch an, ob ick nen Jroschen hätte. Dann zieht er die Mütze und hält sie mir hin. Er bekommt den einzigen Euro, den ich in drei Wochen verschenke.
The Pogues - Poor Paddy On The Railway. http://www.youtube.com/watch?v=yGL4ZtvDN0o

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Ein sympathischer Riese ;o)

      Und zu einem deiner Restaurant-Tipps gibt es in den nächsten Tagen ein Special. Da bekommst du güldene Kränze geflochten!

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