Freitag, 12. Juni 2015

Wolfgang Herrndorf

„Das Weltall ist unendlich groß. Das entspricht der Größe von unendlich vielen Fußballfeldern.“ (Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels)
Was schreibst du, wenn deine Zeit abläuft? Wenn die Worte kostbar werden? Wenn es kein nächstes Jahr mehr für dich geben wird? Keinen nächsten Monat – und irgendwann auch keinen nächsten Tag? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich versuche, mich in die Lage von Wolfgang Herrndorf hineinzudenken. Ich lese sein Blog „Arbeit und Struktur“. Ich schaffe es nicht. Wie ist es, wenn dir nicht mehr viel Zeit bleibt, deine Geschichte zu erzählen? Und plötzlich fällt dir so viel ein, was du noch sagen wolltest. Jeder von uns hat eine begrenzte Zahl von Jahren, das wissen wir, aber dieses Wissen bleibt abstrakt. Es wird erst konkret, wenn du eine tödliche Krankheit hast. Wenn dir die Ärzte sagen, es geht zu Ende. Und wenn das Ende in deinem Kopf beginnt. Erinnerungen verlöschen, Wörter verschwinden, der Tumor frisst Löcher in dein Bewusstsein wie Säure. Du kannst nicht mehr am Text arbeiten. Deine eigenen Gedanken werden dir fremd. Du bist hilflos. Du hast Angst. Es gibt keine Hoffnung. Morgen ist es schlimmer als heute. Genug. Ich kann es mir nicht vorstellen.
Als er den Krebs in seinem Inneren trägt, und das Wissen über den Krebs, kauft er sich sein erstes Notizbuch. Jetzt darf nichts mehr verloren gehen, kein Gedanke, keine Formulierung. Von Augenblick zu Augenblick wird seine Zeit kostbarer. Er notiert, was er noch einmal machen will. Die Kapitelanfänge von Manns Zauberberg lesen, die von der Zeit handeln. Lesen und betrachten, was ihm Spaß macht. Von dem er genau weiß, dass es ihm Spaß macht. Es bleibt keine Zeit mehr für Neues. Die Zeit des beliebigen Ausprobierens ist vorbei, es ist die Zeit der Gewissheiten. Er schläft nicht mehr. Er schreibt den ganzen Tag. Immer wieder von Todesangst unterbrochen. Wenn er vor Panik nicht mehr denken kann, liest er bestimmte Notizen und betrachtet Bilder, die er für diese Augenblicke gesammelt hat. Er entwickelt Strategien gegen die Todesangst, um weiter leben, um weiter arbeiten zu können. Die Angst gibt seinem Leben eine Struktur. Wieviel Zeit hat man als Schriftsteller vergeudet und verträumt? Wie viele Ideen und Sätze nicht notiert? Wir haben doch alle Zeit der Welt, oder? Der Tod diszipliniert Wolfgang Herrndorf. Er macht aus dem Spaßvogel einen ernsten Künstler.
Seine Freunde zeigen ihm ihr Mitgefühl. Sie sind jetzt anders. Sie sind auch ernst geworden. Das Wissen um den Tod hat auch sie verändert. Und diese Veränderung löst neue Panikattacken aus. Wenn es ihm gelingt, eine halbe Stunde nicht an seinen Tod zu denken, wird er durch einen Anruf, durch eine Mail wieder an ihn erinnert. Er spürt den neuen Tonfall in den Stimmen und in den Sätzen mit geradezu schmerzhafter Präzision. Was gut gemeint ist, wird ihm zur Qual, zur Folter. Normalität – früher verachtet, nun ein Traum. Unerreichbar geworden für einen Menschen, der in Zeitlupe stirbt. Wie hält man das aus? Ablenkung. Arbeit. Struktur. Sich in einer Erzählung verlieren. Sich an einer gelungenen Formulierung erfreuen. Das kleine Glück des Kunsthandwerkers über einen vollendeten Absatz. Eine Seite Text, wo vorher nichts war. Ein leeres Blatt mit Worten gefüllt, die einen Sinn ergeben. Es ist so wenig und in diesem Augenblick so viel. Es gibt eine Form des Arbeitens, die uns glücklich macht, die uns tröstet. Davon berichtet Wolfgang Herrndorf in seinem Blog. Er kann den bevorstehenden Tod plötzlich als Befreiung erleben. Er hat nichts mehr zu verlieren. Man kann ihn zu nichts mehr zwingen. Keine Kompromisse, keine Lügen.
Aber die Zeit verrinnt unerbittlich. Ihr Wert steigt, der Wert der Worte steigt. Wie viele Worte wird er noch schreiben können? Wie viele Worte wird er nicht mehr schreiben können? Anfangs hat er auf der ersten Seite seines Notizbuchs neben seinem Namen und seiner Adresse einen Finderlohn von 50 Euro eingetragen. Er darf das Buch nicht verlieren! Dann schreibt er eine 1 davor: 150 Euro. Später dann noch eine 1: 1150 Euro. Eine absurde Summe, aber das ganze Geld, das er mit seinem kurzen Ruhm als Schriftsteller verdient hat, ist ohnehin längst wertlos geworden. Die Zeit macht aus den Scheinen Inflationsgeld. Es könnten Milliarden sein, das Geld ist völlig bedeutungslos. Er schreibt Kindheitserinnerungen auf, verfasst Reden und zugleich arbeitet er an seinem letzten Manuskript. Er vernichtet Texte, die er gerade geschrieben hat. Er wird zum Richter über sein Vermächtnis.
Träume vom Literaturnobelpreis und der Weltformel, der er gefunden zu haben glaubt. Dann wieder Zusammenbrüche. Wird er verrückt? Ist er längst verrückt geworden? Alles ist voller Bedeutung und doch zugleich bedeutungslos. Er wird sterben. Verrückt vor Angst. Verrückt vor Erkenntnis. Mit einem Taxifahrer unterhält er sich über Literatur. Er empfiehlt dem jungen, belesenen Ausländer Dostojewski, der Fahrer empfiehlt ihm Pessoa. Hat er noch Zeit für neue Bücher? Oder sollte er die verbleibende Zeit mit der Lektüre seiner Lieblingsromane verbringen? Was für eine grausame Frage. Die Grausamkeit der ablaufenden Zeit. Diese Grausamkeit muss er aushalten können. Das Leben schrumpft zu einem kläglichen, unerträglichen Rest zusammen. Ein Alptraum, den man nur für Augenblicke verdrängen kann. Jede Sekunde kommt er seinem Tod wieder einen Schritt näher. Er kämpft gegen die lähmende Vorstellung, seine Kräfte schwinden. Er trifft andere Menschen, aber er spürt: Ich gehöre nicht mehr dazu. Ich sterbe - und ihr lebt einfach weiter. Schließlich hält er es nicht mehr aus. Er verlässt seine Wohnung am Nordufer im Wedding, geht zum Kanal hinunter und erschießt sich.
„Selbstmord, solange ich noch einen Rest von Kontrolle habe über das Gemüse, das einmal meinen Namen trug. Ich sehe die Walther PPK in meiner Hand, ich sehe sie in meinem Mund.“
Heute wäre Wolfgang Herrndorf fünfzig Jahre alt geworden. Heute wird er fünfzig Jahre alt. Näher als in diesem Text werde ich ihm nicht mehr kommen.
„23.7.2013 21:00
Die Libelle, die ich gestern am Terrassenfenster sah und der ich den Weg ins Freie mehrfach gewiesene hatte, bis sie für mich nicht mehr zu finden war.
Jetzt liegt sie auf den Fliesen. Ich beobachte das Wunderwerk auf dem Boden. Es liegt in den letzten Zügen. Nur ein Beinchen zuckt noch. Oder auch nicht. Ich trage das Insekt vorsichtig in eine windgeschützte Ecke der Terrasse. Ich plaziere einen winzigen Wassertropfen nah an seinen Mund und beobachte lange die vielleicht nur noch vom Wind bewegten Arme.
Sie ist tot.
Ich schiebe den Leichnam in eine Streichholzschachtel. Mit C. bestatte ich die Libelle am Ufer.“
Das ist einer der letzten Blog-Einträge.
Johnny Cash – Hurt. https://www.youtube.com/watch?v=vt1Pwfnh5pc

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