Mittwoch, 24. Juni 2015

Psychose

„ Wie fühlt es sich an, wenn man eine Psychose hat?“ hast du mich gefragt. Dann habe ich nachgedacht. Und ich bin froh, dass du Kunst studierst hast. Denn dir kann ich es leicht erklären.
Stell dir vor, du betrachtest ein Gemälde in einer Ausstellung. Auf der Leinwand hat alles eine Bedeutung, der Künstler hat nichts zufällig in dieses Bild gemalt. Es ist kein Schnappschuss mit dem Handy. Wenn auf einem See vier Enten schwimmen, haben die Enten eine bestimmte Bedeutung und die Zahl vier auch. Vielleicht hat der Künstler die Enten immer als Symbol für die Lächerlichkeit des Lebens verwendet und die Vier ist in der chinesischen Zahlenmystik bekanntlich das Symbol für den Tod. Alles, was du auf dem Bild des Künstlers siehst, ist also mit Bedeutung aufgeladen und schreit nach Interpretation.
Und so ist es auch, wenn du eine Psychose hast – oder Paranoia. Du gehst eine Straße entlang und alles ist mit Bedeutung aufgeladen. Jemand kommt aus einem Haus und spricht in ein Handy. Er ist nur wegen dir aus dem Haus gekommen, perfekt choreographiert mit deinem Erscheinen auf diesem Bürgersteig. Obwohl du seine Worte nicht verstehst, weißt du, dass es in dem Telefongespräch nur um dich gehen kann. Ein Polizeiauto rollt langsam die Straße entlang. Natürlich: Sie kontrollieren dich. Du gehst um eine Ecke und ein Mann mit einem Buch in der Hand steht vor einem Caféhaus von seinem Stuhl auf, und du glaubst, ihm jetzt folgen zu müssen, weil es ein geheimnisvolles Zeichen ist. Hörst du die Kirchenglocken? Sie schlagen acht Mal. Die Glückszahl, die sich aus deinem Namen ergibt. Wirklich nur Zufall? Am Ende bist du von Geheimagenten umstellt. Alles um dich herum ist eine Theatervorstellung, die nur für dich aufgeführt wird. Und du kannst als einziger die Stimmen aus dem Off hören. Es gibt keinen Zufall mehr, kein Chaos – nur noch die absolute Ordnung deines Wahnsinns.
Charles Trenet - La Mer. https://www.youtube.com/watch?v=ilH_7w1naJ0

Kommentare:

  1. Danke, das macht manche Dinge für Außenstehende verständlicher. Was können Freunde dagegen tun?

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  2. Man selbst merkt es nicht und daher müssen Freunde und Familie helfen. Mein alter Freund L. hielt sich für die Reinkarnation von Bob Marley (kein Witz) und musste von seinen Eltern und seiner Freundin in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden. Nach vier Wochen mit den richtigen Medikamenten konnte er entlassen werden. Ich kenne Fälle, da sind die Leute auf einem Trip hängen geblieben oder haben die falsche Pille genommen (wie Paul Kalkbrenner in "Berlin Calling"), sind aber nicht in Behandlung gegangen. Der Bruder eines Freundes hat immer wieder psychotische Schübe und ist bis heute berufsunfähig (pfeift sich aber nach wie vor alles mögliche rein). Ärztliche Behandlung, weg von Drogen- und Alkoholmissbrauch, viel Zeit mit Vertrauenspersonen verbringen - das wäre mein Vorschlag.

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    1. Ich bin nur der Freund, ich darf ihn nicht einliefern lassen. Und die Familie besteht aus Schlümpfen, die alles laufen lassen. Und als ich ihm eine Therapie einreden wollte, hat er den Kontakt abgebrochen. Scheiß Spiel...

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    2. Es ist unglaublich schwer, an einen Psychotiker ranzukommen, weil sie jede Hilfe von außen als Teil der Verschwörung bzw. als Teil der Truman Show interpretieren. Der Abbruch von Kontakten gehört zur letzten Stufe, kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Hoffentlich dreht er an seinem "letzten Tag" nicht durch, denn am Ende hast du üble Hallus ganz ohne Drogen (hatte ich noch nicht mal auf LSD). Ich kann mich noch sehr genau an den 27.5.13 erinnern, inklusive Boxkampf mit einem Polizisten ...

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    3. Ich warte inzwischen drauf, dass er durchdreht. Dann kriegt er wenigstens die Medi, die er braucht. Ich kann nichts mehr tun. Ich habe jetzt ein ganzes Jahr an ihm gearbeitet und dabei wohl zuletzt das Blatt überreizt. Ich bin raus. :(

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    4. Ich hoffe nur, dass niemand in seinem Umfeld leiden muss, wenn er zusammenbricht. Frauen, Kinder, Nachbarn, Haustiere etc.

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  3. P.S.: Für Berliner Kleinfamilienernährer, Borgwürfelbewohner, Honk-Soziologen, Mülltrennungsverweigerer, Jogger, Jacky-Ginger-Aficionados (mehr sag ich nicht), die meine "Holzprodukte" nicht kaufen wollen, gibt's übermorgen einen kompletten Bonetti-Roman als Sommerlektüre in diesem Blog ;o)

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