Sonntag, 21. Juni 2015

Ich bete an die Macht der Daten

So kommt sie denn im Herbst: die Vorratsdatenspeicherung. Der Staat bunkert sämtliche Kommunikationsdaten seiner Bürger, lässt die Jagdmeute seiner Algorithmen los und hofft auf diese Weise, Terroristen und Schwerverbrecher zu fangen. Es ist der kindische Wunderglaube an die Allmacht der Technik, der uns hier in Form staatlichen Handelns begegnet. „Der Computer“ soll die Terrorismusbekämpfung besser machen als der Mensch. Die Beispiele aus jüngster Vergangenheit zeigen jedoch, dass es klassische Menschenarbeit war, die zu Fahndungserfolgen geführt hat. Das Terrorpärchen aus dem Rhein-Main-Gebiet ist durch eine aufmerksame Baumarktkassiererin aufgeflogen, die Sauerland-Gruppe durch klassische Ermittlungsarbeit der zuständigen Behörden. Die Vorratsdatenspeicherung wird weder Terrorismus noch Drogenhandel, weder Banküberfälle noch Morde verhindern, weil sich das Leben nun einmal nicht komplett in Kommunikationsnetzen abspielt und mit den primitiven Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung der Komplexität unseres Daseins nicht beizukommen ist. Das Resultat ist: Politikverdrossenheit, Staatsfeindlichkeit – und nicht mehr Sicherheit.
Dieses Phänomen erleben wir täglich im Internet. Marketing ist – wenn es auf Algorithmen beruht und nicht auf menschlicher Arbeit – so primitiv, dass wir oft lachen oder den Kopf schütteln müssen. Ich kaufe einen Rasenmäher oder ich spreche in den sozialen Medien vom Kauf eines Rasenmähers, und schon bekomme ich wochenlang Rasenmäherwerbung. Das ist nicht Marketing, das ist Stalking. Hey, mein kleines Marketing-Programm von Google, Facebook oder Haumichblau United: Ich habe gerade einen funkelnagelneuen Rasenmäher gekauft. Das heißt: Ich brauche nicht schon wieder einen. Ich brauche keine zwei Rasenmäher. Ich sammle die Dinger nicht wie Briefmarken. Intelligentes Marketing läuft so: Ein Mann kauft einen Rasenmäher. Offensichtlich hat er einen Rasen. Also hat er einen Garten. Was braucht man noch in einem Garten? Bieten wir ihm doch einen Grill an. Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach. Wenn ich einen Ibiza-Reiseführer kaufe, will ich nicht einen zweiten Ibiza-Reiseführer, weil ich keine Bibliothek eröffnen will. Aber vielleicht Sonnenmilch oder eine schicke Badehose. Die Staaten und Konzerne haben noch gar nicht gelernt, mit den Datenmassen richtig umzugehen und sie vernünftig zu nutzen.
P.S.: Man darf nicht vergessen, welchen langen Weg die Bundestagsabgeordneten hinter sich haben, bis sie von der Mutterzelle Ortsgruppe im Berliner Reichstag angekommen sind. Da wird man sich doch wegen ein paar Sachargumenten oder lästiger Grundrechte bei irgendeiner Abstimmung nicht die Karriere versauen, oder?
Queen - Don't Stop Me Now. https://www.youtube.com/watch?v=HgzGwKwLmgM
Quelle: Die Zeit.

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