Sonntag, 17. Mai 2015

Ein Mann, eine Frau

„Glück und Unglück nehmen den Menschen die Maske ab.“ (indisches Sprichwort)
Da saß er in seiner ganzen speckigen Pracht, mit seinem rotglänzenden Gesicht und den fettigen grauen Haaren, und man fragte sich, wie viele Hektoliter Bier schon durch diese Sickergrube auf zwei Beinen geflossen sein mochten: ein deutscher Gewerkschaftsfunktionär. Ich arbeitete damals als Wissenschaftler in einem Forschungsinstitut und hatte den Auftrag, gemeinsam mit diesem Mann Vorschläge für die Selbstdarstellung des DGB bei der EXPO 2000 in Hannover zu machen. Zur Vorbereitung hatte man ihm und einigen anderen Funktionären eine Dienstreise nach Amerika genehmigt. In Disneyland und Disney World sollten sie sich anschauen, wie man die Besucher mit den Mittel des Entertainments Informationen unterjubeln kann. Im Epcot, das zur Disney World gehört, wurde die Welt der Technik und der Zukunft präsentiert. Da wollte man sich für die EXPO ein paar Anregungen holen. Sie waren zwei Wochen in Florida und Kalifornien, in tollen Hotels mit riesigen Swimmingpools, und haben das Geld der Gewerkschaft versoffen. Seine Erzählungen waren ungefähr so interessant wie die Wahl zur Miss Schweinehälfte in Ostrumänien.
Sie war schon sehr alt. Selbst ihr Kleid musste sehr alt gewesen sein. Es war in Krakau vor zehn Jahren. Ich war gemeinsam mit einer schönen und klugen Kunsthistorikerin übers Wochenende mit Easyjet nach Polen geflogen, um die Kulturhauptstadt des Landes kennenzulernen. Unsere Welt bestand aus Kirchen und Palästen, Restaurants und Boutiquen. Zufällig schlenderten wir über einen Flohmarkt und dort habe ich die alte Frau gesehen. Sie stand hinter einem zusammenklappbaren Tapeziertisch. Der Tisch war fast leer. Nur drei Rollen billiges graues Toilettenpapier lagen vor ihr. Ich habe es gar nicht begriffen. Habe mit meiner Begleiterin über dieses erbärmliche Angebot getuschelt. Damals lebte ich noch in Berlin und war die opulente Pracht deutscher Flohmärkte gewohnt: Antiquitäten, Schallplatten, Öko-Strümpfe und selbstgezogene Kerzen. Die Erkenntnis durchfuhr mich wie ein Blitz. Die alte Frau war arm und verzweifelt. Sie hatte nichts anderes zu verkaufen und brauchte dringend Geld. Also gab ich ihr zwanzig Euro und nahm eine Rolle des schäbigen Toilettenpapiers, von dem ich wusste, dass ich es nie an meinen Luxuskörper lassen würde. Egal, die Geste zählt. Sie schüttelte mir die Hand und wollte sie gar nicht mehr loslassen. In ihren Augen sah ich Tränen der Dankbarkeit.
Aber ich will ehrlich sein. Das Ende dieser Geschichte habe ich mir nur ausgedacht. So war es wirklich: Etwa hundert Meter vom Flohmarkt entfernt fiel endlich der Groschen. Die Frau brauchte Hilfe, ein wenig Geld aus meiner prall gefüllten Brieftasche. Aber ich war zu feige und zu bequem, um noch einmal zurück zu gehen. Noch heute sehe ich diese Frau vor mir. Ich kann sie nicht vergessen. Es hätte eine schöne Geschichte werden können. Aber ich habe versagt. Die Erinnerung an sie ist meine Strafe.
Agnostic Front - Us Against The World. https://www.youtube.com/watch?v=ZAcEBlQi840