Samstag, 28. März 2015

Abenddämmerung, Fragmente

„Where the stumblers gonna go / To watch the lights turn blue?“ (Frank Zappa: Village of the Sun)
Gelächter brandet in mächtigen Wellen aus den offenen Wirtshausfenstern, als ich gegen Abend das Bräustüberl betrete. Zur Begrüßung wird mir von Toni Stöpsel ein „Alles senkrecht?!“ entgegengeschmettert, was ich mit einem lässigen „Einwandfrei“ souverän quittiere. Toni Stöpsel ist ziemlich klein und man kann in seine Nasenlöcher hineinschauen wie bei einem Totenkopf. Er sitzt mit ein paar anderen jungen Leuten am Tisch neben dem Eingang: Fred Zaunmelker, Werner Buchwitz, Lothar Schattenmacher und, den Glanz der Runde vervollkommnend, der dicke Metzgersohn Heinrich Nübel. Die Würfel kreisen, es geht um Schnäpse und die Jungs tragen alle ein rotes T-Shirt, auf dem „Elwetritsche“ steht. Dieses pfälzische Fabelwesen hat ihrem Stammtisch seinen Namen gegeben.
Am Tresen stehen Alfred Kästrommler, Herbert Stranzl, Ferdinand Zierschüssel und der Schlangenpeter, der seinen Namen einer Schlange verdankt, die er vor vielen Jahren in seiner Wohnung gehalten hat. Vor den bewährten Tresenkräften, der Hautevolee der örtlichen Trinkerschaft, stehen vier Schoppen und neben den Gläsern liegen Zigarettenschachteln und Feuerzeuge.
„Wie geht’s?“ fragt Alfred. Das lange schmale rote, um nicht zu sagen backsteinartige Gesicht leuchtet kurz auf.
„Schlechten Leuten geht es immer gut“, antworte ich und hieve mich auf den letzten freien Barhocker.
„Hey, Turtle“, begrüßt mich die Wirtin lachend. „Schoppen?“
„Wie immer.“
„Und sonst?“
„Stabil“.
Seit ich einmal vor Lachen vom Barhocker gefallen bin und hilflos mit den Gliedmaßen rudernd wie eine Schildkröte auf dem Boden lag, bis zwei kräftige Burschen mich wieder aufgerichtet hatten, nennt mich die Wirtin „Turtle“. Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass ich latent adipös bin.
Erika Betz, die Wirtin, verströmt den gleichen welken Zauber und verblichenen Glanz wie das ganze Lokal. Ihre Raucherstimme schnarrt knarrend, sie lacht keuchend und ein lächerlich kleiner Brillant funkelt am rechten Nasenflügel der violett schillernden Runkelrübe. Als sie mir mein Schoppenglas reicht, sehe ich das rot geschwollene Fleisch ihrer Spülhände, an denen – tief eingesunken, ja eingewachsen – billige Ringe blinken.
Das Gebäude ist stilistisch eine Promenadenmischung aus Fachwerk, Aluminiumtür, Glasbausteinen und einem unverputzten Anbau aus grauen Hochblocksteinen. An den Wänden sind nur Kleiderhaken, eine Dartscheibe und die satanisch glimmende Neonfackel einer Bierwerbung befestigt. Die ganze Inneneinrichtung strahlt eine geradezu malerische Trostlosigkeit aus. Vor dem Gasthaus steht ein kümmerliches und zerbrechlich wirkendes Bäumchen – sinnbildhaft und doch dem zechenden Volk gleichgültig.
Mit athletischem Schwung hebe ich das Glas an die Lippen und nehme einen großen Schluck. Astrein. Spitze. Es geht nichts über den ersten Schluck Wein.
Franz Kleinholz kommt von der Toilette, ein ausgewiesener Experte für Verdauungsprobleme. Er schlingert in den Gastraum hinein und hebt seinen didaktisch geschulten Zeigefinger, um einen weiteren Schoppen zu bestellen. Er ist ein Philanthrop reinsten Wassers und verbringt den Abend fast ausschließlich am Glücksspielautomat im hinteren Teil des Lokals, wo dieser scham- und würdelose Greis schwurbeligen Stumpfsinn vor sich hinmurmelt. Sein Lieblingsschimpfwort ist „Nuttenpreller“.
„Alles klar, Franz?“ rufe ich ihm entgegen, aber er hört wie immer nichts.
Die tiefschwarzen Falten in seinem Gesicht verbiegen sich, als er mir antwortet: „Was?“
Ich kann einen Blick auf die absurd gleichförmigen Zähne seines künstlichen Gebisses werfen.
„Schwerhörig und verheiratet – die perfekte Kombination“, ruft Herbert dazwischen.
Auflodernde Heiterkeit im ganzen Bräustüberl. Derlei mattschimmernde Thekenweisheiten gibt es hier jeden Abend dutzendfach zu hören.
Neben dem Tisch mit den jungen Männern gibt es noch den Tisch mit den Witwen: Maria Schnee, Petra Brunzhorst und Luise Rothermund. Gelegentlich spielen sie Skat. In einer Ecke läuft der Fernseher, der FCK spielt, der Lieblingsfußballclub des halben Dorfes, inzwischen in der zweiten Liga gelandet, um dort gegen traditionslose Mannschaften wie Sandhausen oder Aue antreten zu müssen.
Ein paar ältere Männer mit zerknitterten Cordhüten sehen sich das Spiel an und kommentieren es mehr oder weniger elaboriert mit Stöhnen, Schreien und kurzen Anweisungen an die Spieler. Dumpfes Murren wechselt mit Momenten geradezu gleißender Hellsichtigkeit („Es ist immer das gleiche“). Ernst Hundsbacher, Walter Silberblick, Erich Windfänger und der ehemalige Altkommunist Karl-Heinz Metzinger, ein Mann mit einem kuppelartigen Glatzkopf und kleinen listigen Augen. Es sind allesamt Weinbauern, was an den Weizenbiergläsern auf dem Tisch unschwer zu erkennen ist. Sie haben selbst die Keller voller Wein und würden im Gasthaus nie einen Schoppen bestellen. Und nach FCK-Toren gibt es grundsätzlich eine Runde Obstschnaps.
Rein soziologisch setzt sich das Wirtshausvolk aus Landwirten, Handwerkern, Früh- und Spätrentnern, Witwen und allerlei Jungvolk zusammen. Ruhelose Hamsterexistenzen der ubiquitären Angestelltenwelt meiden das Lokal, dessen Qualm- und Fettwolken die feinen Anzüge ruinieren und dessen Stammgäste zu Lärm und gelegentlichen Gewaltausbrüchen neigen und überhaupt.
„Wo ist denn Paul?“ frage ich in die Thekenrunde.
„Der ist schon gegangen“, sagt Alfred mit einem milden Lächeln.
„Warum ist er denn schon wieder weg?“
„Wegen nichts“, sagt Herbert, der mit dem unruhigen Eifer eines Eichhörnchens Erdnüsse in sich hinein frisst.
„Das ist doch keine Antwort“, sage ich.
„Wegen Gabi“, sagt Ferdinand.
„Wegen Gabi. Verstehe“, sage ich und wir trinken synchron einen Schluck. Natürlich habe ich nichts verstanden.
„Gabi war hier?“ versuche ich es wieder.
„Nein“, sagt der Schlangenpeter.
„Die kommt aber noch“, sagt Alfred.
„Mit Dieter“, sagt Herbert.
„Verstehe“, sage ich und jetzt habe ich es auch kapiert.
So sprechen sich die Dinge im Dorf herum.
Und so vergeht die Zeit.
Aus, aus, das Spiel ist aus! Die Bauern erheben sich und zahlen an der Theke. Allmählich leert sich die Gaststube. Der ewige Grantler Franz Kleinholz geht, dann der Schlangenpeter. Auch der Vogelschwarm der jungen Männer verlässt nach den fidelen Witwen mit den rotgemalten Mündern und den panierten Gesichtern das Bräustüberl.
Schließlich gehe ich auch, der Vollbluttrinker Alfred Kästrommler ist wie immer der letzte Gast. Finis operis. Tutto è passate. Fin de Siècle. This is the end my friend, Ultimo und am Arsch hängt der Hammer.
P.S.: Angesichts der „abortschüsselartigen Weltverhältnisse“ (Ror Wolf) bleiben mir nur „Parodien, des Scharfsinns letzte Zuflucht“ (Wladimir Nabokov).
P.P.S.: „Das Bewusstsein, dass du nichts bist als Fragmente, dass kurze und längere und längste Zeiten nichts als Fragmente sind … dass die Dauer von Städten und Ländern nichts als Fragmente sind … und die Erde Fragment …“ (Thomas Bernhard: Amras, S. 78)
P.P.S.: Ursprünglich trug der Text den Titel „Die Tücken der Eifel“. Nach Abschluss der Niederschrift stellte ich jedoch fest, dass weder Tücken noch Eifel darin vorkommen.
Thunderclap Newman - Something In The Air. https://www.youtube.com/watch?v=RTZoJ01FpD8

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