Donnerstag, 19. Februar 2015

Zur Qualität des Rohstoffs Information

Ich werde das Gefühl nicht los, die Berichterstattung in den Medien werde immer schlechter und eindimensionaler. Geht es nur mir so? Ist es der Glaube, früher sei es besser gewesen? Ist es also nur eine Alterserscheinung? Ich gehe davon aus, dass es anderen Menschen auch so geht. Ich höre es in Gesprächen, ich lese es im Internet. Es ist keine Frage des Alters, wenn man sich um die Qualität der Berichterstattung in Presse, Funk und Fernsehen seine Gedanken macht.
Wie funktioniert Journalismus? Wie werden die Berichte hergestellt, die wir täglich konsumieren? Der Rohstoff für die Produktion von Berichten, Kommentaren, Reportagen, Features, Leitartikeln, Dokumentationen, Glossen usw. ist die Information. Es ist etwas passiert. Irgendwo auf der Welt. Die Redaktion wählt aus, ob für den Zuschauer, Zuhörer oder Leser diese Information relevant ist. Dann werden für uns die W-Fragen beantwortet: Was? Wer? Wann? Wo? Wie? Warum? Soweit ist alles klar.
Wie wird dieser Rohstoff hergestellt? Man kann ihn selbst herstellen. Dazu braucht man ein Netzwerk von Korrespondenten, die wiederum ein Netzwerk von Zuträgern und Kontaktleuten in der Politik, der Wirtschaft, der Kultur, in Verbänden und Religionsgemeinschaften usw. unterhalten. So bekommt man den puren Stoff. Information im Eigenanbau. Oder man kann sich den Rohstoff liefern lassen. Von Nachrichtenagenturen, von amtlichen Stellen, von anderen Medien. Informations-Catering. Das spart Kosten.
Nehmen wir als kleines Beispiel das Inferno in der arabischen Welt: Syrien, Irak, Jemen. Wie kommen die Medien, die uns zu Hause mit dem täglichen Informationsmenü beliefern, eigentlich an den Rohstoff, aus dem die „Tagesschau“ oder das „heute-journal“ gemacht sind? Die beiden großen deutschen Sendeanstalten, die mit vielen Milliarden Euro von den Privathaushalten alimentiert werden, haben in ganz Asien jeweils vier Korrespondenten. Lustigerweise sind die vier ARD-Korrespondenten in denselben Städten wie die vier ZDF-Korrespondenten. Die Auslandsstudios sind in Tel Aviv am Mittelmeer, dann kommt gaaanz lange nichts und die anderen drei finden wir in Ostasien (Tokyo, Singapur, Peking).
In Asien leben vier Milliarden Menschen. In den arabischen Ländern herrscht Krieg. Woher kommt beispielsweise der Rohstoff Information für ARD und ZDF? Und von den Privatsendern möchte ich gar nicht reden. Viele haben noch nicht einmal Korrespondenten vor Ort. RTL hat acht Korrespondenten weltweit, aus Asien berichtet man von den Standorten Jerusalem und Peking, Pro7/SAT1/N24 deckt den gesamten asiatischen Raum mit einem einzelnen Korrespondenten in Jerusalem ab. Die Korrespondenten sind die Augen und die Ohren der Nachrichtenredaktionen. Unsere Nachrichten werden so gemacht: In den Redaktionen auf dem Mainzer Lerchenberg und anderswo sitzen die Journalisten im Bunker, taub und blind, und werden von Reuters und anderen Nachrichtenverkäufern mit dem Rohstoff gefüttert. Außerdem ergießt sich eine uferlose Flut von Pressemitteilungen aus amtlichen Stellen, Parteien, Unternehmen und Interessenverbänden 24 Stunden am Tag in diesen Bunker.
Wir sollten uns über die Qualität der Medienerzeugnisse also nicht wundern. Es ist wie mit Fertiggerichten aus dem Supermarkt. Man kann es essen, niemand stirbt nach dem ersten Bissen, aber man sollte es vermeiden. Pferdefleisch in der Tiefkühllasagne, CIA in der Falschmeldung über russische Panzerkolonnen in der Ukraine. Die Menschen haben Recht, wenn sie ein tiefes Misstrauen gegen die Berichterstattung in den Mainstream-Medien entwickeln. Es hat vermutlich niemals unabhängigen Journalismus für die breite Masse der Medienkonsumenten gegeben, aber in diesen Tagen sind wir weiter davon entfernt als jemals zuvor. Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen selbst nachdenken und uns eine eigene Meinung bilden. Die Medien sind in dieser Hinsicht keine große Hilfe.
Fleetwood Mac - Go Your Own Way. https://www.youtube.com/watch?v=6ul-cZyuYq4

Kommentare:

  1. Die Medien wären gerne eine Hilfe, aber sie sind es tatsächlich nur noch selten, und niemand beklagt diesen Mangel mehr als wir Medienleute. Deswegen: danke, daß das (mal) kein journalisten-bashing-Post ist. Der Korrespondent in Südafrika ist für alle afrikanischen Staaten bis zum Äquator (!) zuständig, und die Kollegen in China warten mangels Informationen auf e-mails aus dem Deutschen Funkhaus daheim, die ihnen sagen, was Sache ist. Und und und. Es ist zum Weinen. Aber Journalisten sind auch im Lokalen und im Regionalen unterwegs, gerne mal belächelt, aber zumindest da können (und müssen) sie noch so arbeiten, wie es mal gedacht war. Und wenn sie gut sind und ihren Job ernst nehmen, sind sie da unschlagbar.

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    1. Nichts gegen die redlichen Lokalredakteure, aber im Odenwald geht es gerade nicht um Krieg und Frieden, um Terrorismus als Krieg der Armen gegen die Reichen, um Krieg als Terrorismus der Reichen gegen die Armen usw.

      Ich habe selbst 1985 als freier Mitarbeiter der Ingelheimer Lokalredaktion der Mainzer Allgemeinen Zeitung mein erstes Geld als Schreiber verdient (25 Pfennig pro Zeile). Öffnungszeiten der Nachtapotheke statt investigativer Journalismus ;o)

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  2. Natürlich nicht, aber es geht auch nicht nur um die Öffnungszeiten der Nachtapotheken. Wenn ich meinen Job ernst nehme, geht es hier, vor Ort, aber immerhin (und fast immer) um die großen Zusammenhänge und die Folgen, im Kleinen dargestellt und sichtbar gemacht. Ich halte das für sinn-voll und nützlich, Du weißt, was ich meine. Es ist etwas, was die Auslandsjournalisten in der Regel gar nicht leisten können.

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    1. Selbstverständlich ist das nützlich - man kann schließlich nicht alles am Tresen oder am Gartenzaun erfahren, was in der Region los ist. Da bist du als SWR-Mitarbeiterin noch in einer guten Position, denn eure Redaktion wird es auch in Zukunft noch geben. Aber den Lokalzeitungen bricht in den nächsten Jahren aus demographischen Gründen die Leserschaft weg. Mein Vater hat die AZ noch abonniert, ich nicht mehr und mein Neffe liest nur noch auf dem Display seines Smartphones, der hat gar keinen Kontakt mehr zu Printmedien (inkl. Büchern! Selbst die von seinem Onkel liest er nicht ...). Da geht ein Bereich des Journalismus komplett verloren.

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  3. Noch ein »W»: Werte.
    Der kategorische Imperativ eines Hans-Joachim Friedrichs »Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache - auch nicht mit einer guten Sache; daß er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.«. Dieser bis zur Selbstkasteiung benutzte Ausdruck, sich jederzeit hinter einer Scheinneutralität verstecken zu können. Es führt in mehrere Sackgassen gleichzeitig. Da ist zum einen die Überzeugung, daß Weglassen eines Aspektes der Wahrheitsfindung dient. Einerseits geschuldet der Überzeugung, daß der Leser an sich dumm und ungebildet ist – man verschone ihn mit einem Überangebot an Komplexität! Zum anderen natürlich auch dem zunehmenden Zeitdruck, unter der diese Branche steht und die für gründliche Recherche weder Zeit noch Geld aufwenden kann oder will.

    Eine andere Einbahnstraße ist das Fehlen äußerer Einflüsse, einer Bluttransfusion. Kaum noch ein Wissenschaftler – sei es ein arrivierter Historiker, Philosoph oder Mediziner – läßt sich heute noch auf eine öffentliche Debatte ein. So etwas wie ein Historikerstreit 86/87 ist vollkommen undenkbar geworden. Der fast vollständige Rückzug der Philosophie aus der Öffentlichkeit hat eine Bresche gerissen, die sofort und vollständig durch das Mittelmaß gefüllt wurde; eine Lücke, die auch durch das sogenannte Internet eher größer als kleiner geworden ist. Eine Scheindemokratisierung der Meinung: Jeder hat eine und alle Stimmen haben den selben Wert.
    Damit wird das Ganze schnell rekursiv. Welcher Fachmann mag sich da noch ernsthaft engagieren? Siehe Beispiel Wikipedia.

    Gute Reportagen – und letztlich ist das nichts anderes als das, was wir unter Information verstehen; ein Bild, eine Meinung – läßt so ein Umfeld immer weniger zu. Theodor Fontane, Ossietzky, Friedrich Engels, Tucholsky haben sich gemein gemacht. Die Qualität ihrer Arbeit hat darunter nicht gelitten. Und ihr Publikum konnte sich mit ihnen identifizieren. Es ist ja nicht die Menge der Entitäten, die eine Information ausmacht, sondern die Möglichkeit des Verständnisses. Das ist die Aufgabe des Journalismus und der kommt sie nicht mehr nach.

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    1. Richtig. Einen guten Journalisten zeichnet die Unbestechlichkeit seines Urteils, seine Unabhängigkeit in der Berichterstattung aus. Die Basis für Qualität ist Sachkenntnis und die Basis der Sachkenntnis ist eine gute Ausbildung. Die meisten Journalisten haben heute Journalistik oder Publizistik studiert bzw. waren auf einer Journalistenschule. Was lernt man dort über Syrien oder die Ukraine? Ein politischer Journalist sollte Politikwissenschaft studiert haben, ein Wirtschaftsredakteur VWL. Ein Freund von mir war jahrelang in der Wirtschaftsredaktion der FAZ tätig. Als promovierter Volkswirt traf er dort auf studierte Theologen und Germanisten ...
      Nimm nur mal die Berichterstattung zu den Verhandlungen letzte Woche in Minsk als Beispiel. Da werden nur noch Ergebnisse aus Pressemitteilungen wiedergegeben, man erzählt uns, wer mit wem in welchem Zimmer wie lange geredet hat. Die Journalisten vor Ort stehen vor der Kamera, als wäre das ganze Spektakel eine Parodie aus der Muppet Show. Niemand stellt die wesentlichen Fragen: Warum trifft man sich ausgerechnet bei einem Diktator in Weißrussland? Warum nicht im neutralen Genf wie in früheren Zeiten? Warum ist Putin dabei, obwohl er offiziell nicht Kriegspartei ist? Wo sind die Amerikaner? Wieso sieht man keinen Vertreter der Separatisten, um deren Forderungen es doch schließlich im Kern geht? Warum verhandeln Merkel und Hollande für Europa, warum kein Vertreter der EU? Wieso wird die Krim nicht erwähnt? Von Antworten ganz zu schweigen. Es ist Kompetenz vorhanden, aber sie findet - wie du richtig schreibst - nicht mehr den Weg in die Medien.

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    2. Gerade drüber gestolpert und ein guter Beitrag zum Thema

      http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/aerger-mit-der-luegenpresse-1.18484768

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    3. Sehr guter Text. Es ist ja schon traurig genug, dass sich CDU und SPD so unterscheiden wie Ariel und Persil. Aber das wir bei Bild und Spiegel genauso weit sind, ist erbärmlich. Ein Beispiel für die eingeschränkte Sichtweise auf die Welt. In den deutschen Medien ist ja bekanntlich die Ukraine gut und Russland schlecht. Daher findet man auch Poroschenkos Besuch bei der Waffenmesse IDEX in Abu Dhabi nirgends in der Berichterstattung. Er kauft dort Waffen für den Krieg. Wird einfach totgeschwiegen. Wenigstens die Schweizer Presse bringt es: http://bazonline.ch/ausland/europa/Poroschenko-auf-Shoppingtour/story/23736965

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