Dienstag, 3. Februar 2015

Das stille Sterben

Gerd ist tot. Der Wirt meiner Stammkneipe. Gestern ist er in der Mainzer Uni-Klinik gestorben. Offiziell an multiplem Organversagen. Wir alle wussten, dass er Leberzirrhose hatte. Ich habe mir gerade mit einem Freund „Out of the Furnace“ auf DVD reingezogen, als der Anruf kam. Wir stoßen mit unseren Schoppengläsern auf ihn an. Er hat zu unserem Dorf gehört wie die Kirche, deren Glocken am Abend für ihn läuten. Ein feiner Kerl, der dich nie rausschmeißen würde – egal wie besoffen du bist. Wo du anschreiben lassen kannst, wenn du pleite bist. Am Freitagabend war ich noch in seiner Kneipe und habe sogar meinen Deckel bezahlt. Die „Bierpumpe“ bei mir um die Ecke ist der letzte Ort, an dem sich die Menschen noch treffen können. Weder seine Frau noch seine Kinder wollen die Kneipe – eigentlich die umgebaute Garage in ihrem Haus – noch weiterführen. Es lohnt sich nicht.
Hier ist alles eingegangen. Früher gab es in Schweppenhausen drei Gasthäuser, in denen man essen konnte. 2013 wurde als letztes das Gasthaus „Zur Pfalz“ geschlossen, die traditionelle Dorfkneipe, die es immer gegeben hat. Am Ende wurde es von einem Pakistani bewirtet, der bei Nacht und Nebel abgehauen ist und eine Menge unbezahlte Schulden (Pacht, Lohn, Privatkredit) hinterlassen hat. Im November 2013 eröffnete Giovanni dann seine Pizzeria im Sportheim am Fußballplatz. Er hat Ende letzten Jahres die Segel gestrichen und ist nach Mainz zurückgegangen. Das Sportheim wird nicht mehr eröffnen. Auch die Fußballmannschaft unseres Dorfs wird am Ende dieser Saison den Spielbetrieb einstellen und abgemeldet werden. In meiner Kindheit hat es nicht nur den Fußballverein gegeben, für den ich selbst gespielt habe, sondern auch einen kleinen Supermarkt, einen Bäcker, diverse Kneipen und sogar einen Puff außerhalb des Dorfes. Alles ist weg, alles stirbt. Es vergeht lautlos wie der Sommer. Wir werden alle auf Gerds Beerdigung gehen. Und wir werden uns von mehr verabschieden als nur von einem alten Kumpel.
Samuel Barber - Adagio for Strings. http://www.youtube.com/watch?v=izQsgE0L450

Kommentare:

  1. Das ist ja gräßlich, alles. Aber leider auch irgendwie vertraut. Was das Kneipensterben in der Provinz angeht, macht man bei uns um die Ecke aus der Not eine Tugend, der Gemeinderat bewirtschaftet ehrenamtlich das "Hirschbräu Hirschlanden", der Laden brummt dermaßen, daß man ohne Reservierung keinen Platz bekommt. Bei Bedarf und Interesse hätte ich da einen link, ähem.

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    1. Das wäre nett. Wir haben auch schon überlegt, wie es weitergehen soll. Räume gibt es genug. Dann stellt man halt ein paar Kästen Bier hin und jede Flasche kostet einen Euro. Hauptsache, man trifft sich. Das Trinken wird hier auch in kleinen Vereinen organisiert, früher war das der OWC ("Obstler- und Weizenbierclub"), heute ist es die SSK ("Saufsportkompanie"), die im vergangenen Jahr von jungen Männern gegründet wurde. In den beiden Nachbarorten Windesheim und Stromberg gibt es eine funktionierende Gastronomie und Supermärkte.

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  2. Da isser, ich habe über die mal was gemacht, im Text ist wiederum ein Link zu deren Homepage. Die sind inzwischen auch mehrfach ausgezeichnet, und ich frage mich immer wieder, warum nicht viel mehr kleine Dörfer sowas machen. Die Gastronomen drumherum sehen das natürlich nicht gerne, aber da, wos eh keine mehr gibt... warum nicht? http://landlebenblog.org/2013/11/21/allesschoenundgut-6/

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