Donnerstag, 15. Januar 2015

Das Foto

Die Tage nach dem Blutbad von Paris mit 17 Toten waren sehr aufschlussreich. Wie reagieren Menschen in einer solchen Ausnahmesituation? Zunächst fallen mir die Heldentaten der unmittelbar Betroffenen ein. Der Supermarktangestellte, der das Leben vieler Menschen rettet, indem er sie in einem Kühlraum versteckt. Der Kunde im Supermarkt, der sich eine Waffe des Geiselnehmers schnappt und auf ihn zielt. Bevor er abdrücken kann, wird er selbst erschossen. Der Mann, der in der Druckerei acht Stunden lang in einem Schränkchen unter der Spüle ausharrt, nur wenige Meter von den beiden Mördern entfernt. Wer von uns kann solche Geschichten aus dem eigenen Leben erzählen? Wer von uns hat diese Größe?
Dann fallen mir die Menschen in Paris und in anderen Städten Frankreichs ein. Millionen von ihnen gehen auf die Straße. Was machen sie? Sie demonstrieren friedlich. Vor hundert oder zweihundert Jahren haben die Menschen in solchen Situationen noch Pogrome veranstaltet. 2015 ist ihre Reaktion von Trauer geprägt, nicht von Zorn. Es wurden Christen, Muslime und Juden getötet und jetzt demonstrieren Christen, Muslime und Juden gemeinsam für ein friedliches Zusammenleben. Respekt! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es 2001 in den USA nach den Terroranschlägen eine derart kraftvolle und mutige Reaktion der Bevölkerung gegeben hätte.
Nebenbei bemerkt: Ich finde es interessant, dass die Terroristen bei ihrem Anschlag auf die Wirtschafts- und Militärmacht USA das Welthandelszentrum in der Nähe der Wall Street und das Pentagon angegriffen haben, bei ihrem Angriff auf die Kulturnation Frankreich aber die Intellektuellen einer Zeitschriftenredaktion.
Kommen wir zu den Politikern. Sie versuchen, diese bewundernswerte und reife Reaktion der französischen Bevölkerung für ihre egoistischen Zwecke zu instrumentalisieren und inszenieren ein Foto, auf dem sie angeblich den Demonstrationszug anführen. So wird es uns auch auf allen Kanälen von den Medien propagiert. Das Volk und seine Führung geeint in friedlicher Trauer, lautet die pathetisch vorgetragene Botschaft. O-Ton der ARD: “Solidarisch und geschlossen unter den Millionen: Vierzig Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Auch sie wurden zu Demonstranten. Diese Bilder aus Paris sprechen für sich.” O-Ton des ZDF: “Die politische Weltelite auf der Straße – Seite an Seite mit dem Volk.”
Das blutige Event kann man schließlich für die eigene Publicity nutzen, denkt man in den Schaltzentralen der Macht, ständig muss man um das eigene Ranking in Meinungsumfragen kämpfen, gelegentlich sogar in Wahlen! Und wenn die Wölfe heulen, suchen die Schafe immer gerne die Nähe des Schäfers, lautet die schlichte Psychologie der Mächtigen. Wie war es wirklich? In einer Seitenstraße treffen sich die Regierungschefs eine Viertelstunde lang für ein Foto-Shooting, hermetisch abgeschirmt von ihrer Palastwache. Die Toten der Anschläge sind noch nicht beerdigt, da wird ihr Andenken schamlos für eine Propagandalüge ausgenutzt, die selbst Kim Jong-un nicht schöner inszenieren könnte.
Ich verstehe ja, dass man aus Sicherheitsgründen nicht so viele Staatschefs in einer unüberschaubaren Menschenmenge mitmarschieren lassen kann. Aber man sollte dann auch so ehrlich sein, diesen Sachverhalt offen zu kommunizieren. Es gab keinen Grund für die Lüge – es war die reine Eitelkeit. Und es kommt ja noch besser: Da demonstrieren plötzlich politische Vertreter von Saudi-Arabien und anderen Diktaturen, wo man öffentlich ausgepeitscht wird, wenn man seine Meinung sagt, für die Pressefreiheit. Und in orthodoxen jüdischen Zeitschriften werden Angela Merkel und andere Frauen wegretuschiert. Verteidiger der Menschenrechte, der Demokratie und der Meinungsfreiheit unter sich …
Vollends absurd wird es, wenn man sich die Kämpfe um die besten Plätze auf dem Propagandafoto anschaut. Sarkozy, der überhaupt kein Staatschef ist, boxt sich wie ein durchgeknallter Robbie Williams-Fan in die erste Reihe. Netanjahu schüttelt plötzlich dem vor ihm stehenden Präsidenten von Mali die Hand – obwohl beide Länder keinerlei diplomatische Beziehungen unterhalten – und drängelt sich neben ihn in die erste Reihe. Mahmud Abbas will als Präsident Palästinas seinem israelischen Gegenspieler nicht nachstehen und so kämpft sich der kleine Mann, der in zwei Monaten seinen achtzigsten Geburtstag feiert, auch ganz nach vorne und steht am Ende neben Angela Merkel.
Keiner der über drei Millionen Demonstranten an diesem Tag hat sich so schäbig und erbärmlich benommen wie die Politiker. Und für diese aufschlussreichen Beobachtungen möchte ich mich bei allen Beteiligten ganz herzlich bedanken.
P.S.: Ein kleiner Tipp noch an die Politiker: Bleiben Sie doch beim nächsten Mal gleich zu Hause und basteln Sie sich Ihre persönliche Variante eines Heldenbildes zur Selbstbeweihräucherung mit Photoshop.
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