Donnerstag, 29. Januar 2015

Berliner Scheißdreck

„Unter den Wolken, die keine Straßen kennen, bahnte sich Schlomo einen Weg durch den Schmutz des Bürgersteigs. Geschickt umschiffte er einen ockerfarbenen spiralförmigen Kothaufen, der von grün und blau schillernden Fliegen umkreist wurde. Er sah beim Gehen meist nach unten. Dadurch hatte er zwar noch nie eine Sternschnuppe gesehen, aber er war vielen Hundehäufchen erfolgreich ausgewichen.“ So steht es in meinem ersten Berlin-Krimi „Ich träume deinen Tod“ von 2009.
„Als erstes lernst du, den Dreck in Berlin zu akzeptieren. Noch besser: Du lernst den Dreck zu schätzen. Er gehört zur Hauptstadt wie der Sand zur Sahara oder das Eis zur Arktis. Dreck ist der Gründungsmythos von Berlin: Nur wo etwas Unfertiges existiert, dort lohnt es sich, etwas Neues entstehen zu lassen.“ Das schreibt die Huffington Post über das Leben in der Hauptstadt, das man lernen muss. (http://www.huffingtonpost.de/2015/01/27/phasen-berlin_n_6554064.html)
Mein Damaskuserlebnis hatte ich in einem meiner ersten Winter in Berlin. Es war kurz vor meiner Haustür, als ich volle Kanüle in einen Haufen getreten bin, den ein Bernhardiner, eine Dänische Dogge oder ein Brontosaurus hinterlassen haben musste. Tückischerweise war er mit einer dünnen Schicht Schnee bedeckt wie mit Puderzucker. Aber unter dem Schnee war es warm und weich. Ich sank bis zum Knöchel hinein …
Es war nicht der erste Hundehaufen, den ich in Berlin sauber mittig getroffen habe, aber der größte. Die gröbsten Brocken streifte ich am an der Bürgersteigkante ab (die in Berlin nur zu diesem Zweck erfunden wurde), dann hickelte ich ins Haus. Schon vor der Wohnungstür zog ich die Schuhe aus und trug das zugeschissene Teil ins Bad, wo ich es mühselig gereinigt habe. Ein Winterstiefel mit daumentiefem Rillenprofil an der Sohle. Es wollte kein Ende nehmen. Es stank. Hinterher habe ich das gesamte Bad geputzt, alle verwendeten Putzmittel weggeschmissen – und fühlte mich trotzdem noch bis in die Seele von dieser Stadt beschmutzt.
Seitdem sehe ich in Berlin immer nur auf den Boden, wenn ich mich durch die Stadt bewege. Ich nehme keine Häuser war, die Sehenswürdigkeiten bleiben mir verborgen, den Himmel über Berlin kenne ich nur aus dem Kino. Ich sehe den Menschen nicht ins Gesicht, die neben mir gehen und mit mir reden. Ich grüße meine Nachbarn nicht, weil ich sie nicht anschaue. Aber ich bin danach nie wieder in einen Hundehaufen getreten. Nie! Wieder! Seit dieser Mutter aller Kackburgen habe ich viel gelernt. Ich konnte Menschen beobachten, die den Haufen defloriert haben und denen unter lautem Fluchen der ganze Tag versaut war. Ich habe beobachtet, wie sich nach dem Urtritt in die Scheiße der ganze Haufen über zwanzig Meter Bürgersteig und Bürgersteigkante verteilt hat. Denn der erste Pechvogel hinterlässt braune Fußspuren, in die dann der zweite und dritte hineintritt, bis nach ein paar Tagen der vormals kompakte Haufen großflächig verteilt ist. Kinder, das Entropieprinzip! Wurde von Albert Einstein entdeckt, als er noch in Schöneberg gewohnt hat. Ohne Hunde gäbe es die moderne Physik nicht.
Zwanzig Jahre Berlin haben aus mir einen buckligen Gollum gemacht, dem jeglicher Weitblick abhandengekommen ist. Wozu soll ich hinauf zu den Sternen schauen? Dann kriege ich doch die Vogelscheiße direkt ins Auge.
Sex Pistols - Holidays In The Sun. https://www.youtube.com/watch?v=227m9lw5CcI (da sind die Jungs auch an der Berliner Mauer)

Kommentare:

  1. Man könnte Berlin den Titel 'größte bewohte Müllkippe Deuschlands' verleihen. Aber ich fürchte daß es einfach nur an der Konzentrazion der Egomanen liegt. Alle Wannabies sind ja seit den 90-ern nach Berlin abgehauen. So hat z.B. Stuttgart erheblich an Lebensqualität gewonnen ;-)
    Wirklich fasziniert in Bezug auf 'Dreck' war ich in Bulgarien (im Innenland). Das Land ist ja eigentlich bitterarm. Aber sie putzen es wirklich raus. Sowas ist wirklich beeindruckend.

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  2. Wer in geschlossenen Ortschaften Köter hält, ist ein asoziales Arschloch. Selbst, wenn er die Scheiße seiner Köter wegmacht, denn der Köter wird a) nicht artgerecht gehalten und geht b) anderen Menschen, die nicht auf Koprophagen stehen, mächtig auf den Sack.

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