Samstag, 24. Januar 2015

2007, Teil 1

Auszüge aus dem Notizbuch:
18. Januar, Berlin. Ein „Super-Orkan“ (Bild-Zeitung) soll heute über die Stadt toben. Welchen Lieferjungen hetze ich mit einer Bestellung hinaus in diese Sturmhölle? Ich will die Angst in seinen Augen sehen, die nackte Verzweiflung. Pizza und Rotwein? Mit einem wahrhaft diabolischen Lachen werde ich den Karton und die Flasche entgegen nehmen, der Spaß ist mir einen Zehner wert!
20. Januar. Wenn alles im Leben gut geht, hat man nie eine Chance, etwas zu ändern. Erst die Niederlagen geben dir die Möglichkeit eines Wechsels.
29. Januar. Er hat sich nur scheinbar unterworfen, in Wirklichkeit untergräbt er den Bau.
Idee für ein Gemälde: Rückansicht eines Eisbären und eines Mannes, die sich Arm in Arm das Nordlicht am Himmel anschauen.
31. Januar. Es gibt so viel zu tun – da habe ich schon gar keine Lust mehr anzufangen.
3. Februar. Ich fordere, die Zahl der Himmelsrichtungen auf drei zu reduzieren (Richtungsvereinfachungsgesetz).
7. Februar. Wenn es Vitamine mit Pizzageschmack gäbe, würde ich mich auch gesünder ernähren.
10. Februar. Seine Askese bezog sich nur auf körperliche Arbeit, nicht auf leibliche Genüsse.
21. Februar. Das Meer ist gut. Es verspricht nichts, es hält nichts, es verlangt nichts von dir.
12. März. Journalistische Grundregeln, Teil 162: Versuche ein wenig zu schlafen, während dein Interviewpartner redet.
19. März. Ein Blick ins Fernsehprogramm am Abend: Trocken stehe ich das nicht durch.
20. März. Am Morgen: Ein Bote tritt an mein Bett, übergibt mir mit einer ernsten und feierlichen Verbeugung eine versiegelte Schriftrolle und läuft zurück zu seinem Pferd, das er an meiner Garderobe angebunden hat.
21. März. Die Gräfin prüfte zunächst seinen Blick, dann mit ihren kühlen Fingerspitzen die Festigkeit seiner Wangen und ergriff schließlich seine Hände. „Diesen nehmen wir“, sagte sie, „er wird den alten Schreiber ersetzen. Vorläufig soll er ihm nur Gehilfe sein und alles lernen.“ Er war erleichtert, erschrak aber später im Haus der Grafenfamilie, als er den starken dunklen Blick und das makellose Gebiss des alten Schreibers sah.
5. April. Ich habe gerade Malcolm Lowrys wunderbar melancholische Säuferballade "Unter dem Vulkan" gelesen. Das Vorwort zeigt, wie er um sein wichtigstes Manuskript kämpfen musste, und ist sehr inspirierend. Im Alter würde ich gerne eines meiner Bücher in der Ramschkiste eines mexikanischen Antiquariats wiederfinden. Und wenn es ein wunderschön zerlesenes und mit Anmerkungen versehenes Exemplar ist, werde ich es auch kaufen.
18. April. Die verwahrlosten Industrieruinen von Weißenfels, die ich während der Zugfahrt von Berlin über Leipzig nach Bingen sehe. Dunkelrote Backsteingebäude, eingeworfene Scheiben, Müll und Graffiti, ganze Viertel an kleinen Flüssen stehen leer. Nicht verwunschen wie eine Burgruine, eher traurig und geheimnisleer. Und immer wieder diese hässlichen Häuser auf dem Land mit ihren buckligen Anbauten, denen man die Not, aus der sie geboren sind, ewig ansehen wird.
19. April, Schweppenhausen. Nächtlicher Spaziergang. Es ist, als ob die ruhigen Dorfhäuser den Geruch ihrer Vergangenheit ausströmen, hauptsächlich erloschenes Holzfeuer und Kuhmist.
21. April. Die Indianer hat man an Alkohol gewöhnt, bei uns war es das Fernsehen.
22. April. Das Licht ernährt die Pflanzen, die Pflanzen die Tiere, die Tiere den Menschen – und dann?
23. April. Hunger ist der Urbefehl. Dieser Befehl wird im Laufe des Lebens ausdifferenziert.
24. April. Andere fragt man, wie es ihrer Frau geht, mich fragt man nach dem Zustand meiner Leber.
25. April. Hätten Tische und Stühle, Schränke und Bänke auch vier Beine, wenn wir sieben Gliedmaßen hätten?
26. April. Eigentlich kann ich es immer noch nicht glauben. Ich schreibe davon, obwohl ich noch nicht einmal flüstern dürfte: Ich bin ihnen entkommen. Durchgeschlüpft, unbemerkt geblieben, regungslos im Schatten wartend. Wird dieses unbeschwerte Leben immer so weitergehen? Ohne Verpflichtungen und Verantwortung, ohne Sorgen und Termine. Wann werden sie mich erwischen? Und wohin bringen sie mich dann? Arbeitsdienst, Nervenheilanstalt oder Friedhof? Aber noch lebe ich wie ein alter Ire, singend, saufend und schreibend. Ich stehe auf, wann ich will, und mache, wozu ich Lust habe. Ich bin mit 36 Jahren aus dem regulären Arbeitsleben ausgeschieden – wie ein guter Fußballprofi.
28. April, Berlin. Junger Mensch in der U-Bahn, vollständig ohne Unterkiefer. Aussehen und Sprache wie ein Vogel, dürrer Leib, mit kleinem kugelförmigem Kopf.
30. April. Lob der Tätigkeit: Alles begann damit, dass ich am Abend meine Wohnungstür von innen verschloss. Nein, alles begann mit meiner Angst vor möglichen nächtlichen Überfallen. Im Schlaf ist man ungeschützt, das ist man in wachem Zustand zwar auch, aber dann ist man doch wenigstens wachsam. Eines Morgens brach der Schlüssel im Schloss ab, als ich aufsperren wollte. Nun war ich also eingesperrt. Was tun? Ich besaß kein Telefon und wusste auch nicht, wen ich anrufen sollte. Der Blick aus dem Fenster half nicht weiter, ich wohnte im siebten Stock, in der Ferne sah ich einen Mann mit Hut, der um die Ecke verschwand. Ansonsten nur der graue Dunst über der Stadt, an deren Namen ich mich nicht erinnern wollte. Ich musste aber doch hinaus, die Vorräte würden schwinden, ich musste etwas unternehmen. Mit einer Brechstange löste ich Stücke aus dem Parkettboden meiner Wohnung. Darunter fand ich Holzstreben, die ich mit einer Säge durchtrennte. Bald musste ich in der Wohnung eines anderen Menschen sein, aber zu meiner Überraschung traf ich auf festes dunkles Erdreich. Also holte ich die Schaufel und begann zu graben. Nach einigen Tagen war der Gang schon etliche Meter lang, mit herbei geschleppten Möbeln stützte ich die Decke. Der Gang führte schräg nach unten und sollte im Freien münden, aber ins Freie gelangte ich nie. Trotzdem grabe ich weiter, solange es meine Kräfte erlauben.
1. Mai. Ich wünsche jedem nutzlosen Ding ein langes Leben.
3. Mai. Für „das Böse“ findet man bei Google 1.250.000 Einträge. Was wäre, wenn das Böse sich heute an einem beliebigen Ort des Planeten inkarnieren würde? Wäre es immobil, würden ganze Busgesellschaften den Ort aufsuchen, es gäbe Andenkenstände und Fastfoodbuden mit Teufelsburgern und Todesfritten. Wäre es mobil, würde es von Fernsehteams verfolgt. Die Träne eines Kindes, die schwer an den langen Wimpern hinge, glitzerte in Großaufnahme im Scheinwerferlicht. Die Konsumgesellschaft könnte dem Ereignis nur einen Erlebnis-, einen Unterhaltungswert abgewinnen. Was macht das Böse jetzt? Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Neue Kriege und Seuchen geißeln die Menschheit! Wie wird es weiter gehen? Nach der Werbung erfahren Sie mehr! Sind Sie verzweifelt? Nehmen Sie Prozac, das pharmazeutische Licht der Zuversicht!
4. Mai. B. hat zehn Tage ihre sterbende Mutter gepflegt, die ihre krebszerfressenen Gedärme buchstäblich ausgekotzt hat. Der Versuch, dem Elend mit einer Überdosis Morphium ein Ende zu setzen (Was für eine Entscheidung: Jetzt töte ich meine Mutter), scheiterte qualvoll. Jetzt ist es vorbei, B. ist allein auf der Welt und arbeitslos.
5. Mai. Als Kind war ich ein großer Fan der Sesamstraße. Meine Lieblingsfigur – neben dem fröhlichen Anarchisten Ernie – war Oskar aus der Mülltonne (original: Oscar the Grouch, Oskar der Griesgram). Er lugte nur unter dem Mülltonnendeckel hervor und torpedierte die naive Heiterkeit der anderen Straßenbewohner. Sein erster Satz in Folge 1 war: „Don’t bang on my can! Go away!“ Das war sein Programm, seine Fanpost enthielt oft Müll. Seinem Haustier, einem Wurm namens Slimey, las er Gute-Nacht-Geschichten von Trash Gordon vor. Ein Individualist, ein Anti-Held und mein Vorbild. Werde ich langsam, werde ich endlich wie er? Sein steter Gruß: „Have a rotten day“ und „Go away and LEAVE ME ALONE !!”
9. Mai. Das hermetische Ganze ist vielleicht fragiler, als wir vermuten. Es lebt womöglich nur davon, dass wir es aufgegeben haben, an seine Tür zu klopfen. Resignation als Fundament der Herrschaft: abgestumpfte Politiker, abgestumpfte Massen.
The Clash - I Fought the Law. https://www.youtube.com/watch?v=KsS0cvTxU-8

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen