Samstag, 31. Mai 2014

Die Geschichte der Fußballweltmeisterschaft, Teil 1

Im Fußballsport der jüngeren Geschichte, also seit Beginn der Industrialisierung, ging es schon immer um mehr als Sieg oder Niederlage in einem Spiel. Es ging um viel Geld und die Ehre ganzer Nationen, was den tiefen Ernst, die Humorlosigkeit und die Aggressivität erklärt, mit der sich im nächsten Monat wieder Hunderte von Spielern und Milliarden von Fernsehzuschauern in das größte Sportereignis der Menschheitsgeschichte stürzen werden. Bei den Olympischen Spielen gibt es viele Sieger, bei einer Fußballweltmeisterschaft gewinnt am Ende nur ein Land – alle anderen etwa zweihundert Teilnehmer an der Qualifikation und dem Turnier gehen leer aus.
Alles begann in den Schweizer Bergen, wo sich 1925 zwei Männer trafen, die beide leidenschaftliche Fußballfans waren: der Franzose Jules Rimet, FIFA-Präsident, und der Viehbaron Enrique Buero aus dem winzigen Uruguay, der „Schweiz Südamerikas“, die es durch den Export von Rindfleisch zu großem Wohlstand gebracht hatte. Uruguay war amtierender Olympiasieger und so beschlossen sie, in Uruguay 1930 die erste Fußballweltmeisterschaft zu veranstalten. Auf diese Weise sollte es auch Profispielern möglich sein, an einem großen Turnier der Nationalmannschaften teilzunehmen. 1885 wurde der Profifußball in England, dem „Mutterland des Fußballs“ eingeführt, Österreich folgte als erstes kontinentaleuropäisches Land 1924. England und Schottland (Profifußball seit 1893) weigerten sich jedoch, an der Weltmeisterschaft teilzunehmen.
1923 gelang übrigens der erste Sieg einer Mannschaft vom Festland gegen einen Club von der Insel: Der jüdische SC Hakoah Wien (Hakoah: hebräisch für „die Kraft“) schlug West Ham United in London mit 5:0. Die Wiener Hakoah wurde 1925 erster Profi-Meister außerhalb Englands und ging im folgenden Jahr sogar auf eine große USA-Tournee. In Südamerika (Argentinien, Brasilien und Uruguay) wurde der Profifußball offiziell erst in den frühen 1930er Jahren eingeführt, es floss aber bereits seit Beginn des Jahrhunderts viel Geld in den Vereinen. Und noch ein hübsches Detail, auch wenn es gar nicht hierher gehört: Das einzige deutsche Olympia-Gold im Fußball holte die DDR 1976 in Montreal.
In Montevideo entstand das größte Fußballstadion der Welt (es fasste 93.000 Zuschauer), alles war für die erste Fußball-WM gerichtet – als im Oktober 1929 der New Yorker Börsenkrach die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise stürzte. In der Folge konnten es sich nur vier europäische Nationen leisten, eine Mannschaft auf die dreiwöchige Schiffsreise über den Atlantik zu schicken. Frankreich, Rimets Heimatland, Belgien (Olympiasieger 1920), Jugoslawien und Rumänien, wo ein sportbegeisterter König den Kader persönlich zusammenstellte. Insgesamt nahmen nur 13 Mannschaften an dem Turnier teil, davon acht aus Lateinamerika. Die USA schickten ein Team von emigrierten schottischen Profis nach Uruguay. Im Endspiel standen die beiden Nachbarstaaten Argentinien und Uruguay, die schon im Finale der Olympischen Spiele 1928 aufeinander getroffen waren. Da man sich nicht auf einen gemeinsamen Ball einigen konnte, wurde in der ersten Halbzeit mit einem argentinischen und in der zweiten Halbzeit mit einem uruguayischen Sportgerät gespielt.
150.000 Fans, damals noch zutreffend „Schlachtenbummler“ genannt, wollten das Spiel sehen. Zoll und Militär beschlagnahmten im Vorfeld etwa 1600 Schuss- und Stichwaffen, der argentinische Schlachtruf war „Victoria o muerte“. Um das Stadion herum war die Kavallerie des Gastlandes im Einsatz, innerhalb der Sportarena die Infanterie und die Polizei. Als Argentinien zur Halbzeit führte, pflanzten die Soldaten, die im Abstand von wenigen Metern das Spielfeld umstanden, die Bajonette auf ihre Gewehre und die Polizisten zogen ihre Pistolen, da mit Ausschreitungen gerechnet wurde. Uruguay gewann jedoch das Spiel und im ganzen Land wurde tagelang gefeiert, während auf der anderen Seite des Rio de la Plata Nationaltrauer herrschte.
Propaganda – p.Machinery. http://www.youtube.com/watch?v=-0cFzZt4mc4

Freitag, 30. Mai 2014

Ein Licht in tiefer Finsternis

Sie kennen Helmut Schätzlein nicht? Dann waren Sie auch noch nie in LichtlanD. Herr Schätzlein ist der erste Synarch von LichtlanD und droht dem Bundespräsidenten sowie allen anderen Politikern mit „mindestens lebenslanger Haft“. LichtlanD ist ein Freistaat und praktischerweise auch eine freistaatliche Religionsgemeinschaft. Vermutlich ist Helmut S. auch ein Gott, dessen Medium das Internet ist: www.lichtland.org. „Leben in Liebe und Licht“ ist sein, nein: unser Motto, denn ich möchte Sie, liebe Leser, herzlich zu einem Besuch bei Synarch Schätzlein einladen.
Was viele Leser noch nicht wissen: „Am 30. Januar 1933 begann die Entmachtung des Deutschen Volkes durch die Machtergreifung der NSDAP unter ihrem Reichskanzler Adolf Hitler mit nachfolgendem Ermächtigungsgesetz vom 23./24. März 1933 und demzufolge einer Diktatur. Am 30. Januar 2012 begann die weiterführende Entmachtung des Deutschen Volkes und nun auch der EU-Völker durch die Machtergreifung der fremdbestimmten EU-Kommissare mittels eines EU-Fiskalpakts und demzufolge einer EU-Finanzdiktatur.“ Ziel ist die „vollständige Versklavung aller EU-Bürger“, der man sich nur durch Beitritt zum Freistaat LichtlanD entziehen kann. Auch der Begriff „Erlösung“ fällt.
Herr Schätzlein hat seinen Staat auf der Basis des Naturrechts und des universellen Menschenrechts gegründet. Denn jeder von uns hat das Recht, einen eigenen Staat zu gründen. „Diesbezüglich wird auch auf die Konvention von Montevideo von 1933 Art. 1 und 3 verwiesen.“ Ich wette, das haben Sie nicht gewusst. Deswegen sind Sie ja auch kein Synarch, sondern höchstens Sachbearbeiter geworden. „Das Naturrecht beinhaltet die absolute Freiheit und Würde sowie selbstverständlich die Rechte auf Leben und Unversehrtheit jedes Menschen als universellvernünftiges Recht; man spricht von den allgemeinen Menschenrechten. Solange wir jedoch ungeborenes oder geborenes Leben jährlich millionenfach töten, haben wir selbst kein Recht auf unsere Menschenrechte! Wir nehmen uns dadurch selbst unsere Würde und machen uns zu Sklaven des Weltsystems! Jeder Mensch hat daher das Recht sich hieraus zu befreien und notfalls seinen eigenen Staat zu gründen, denn niemand darf gezwungen werden, sich an Mord und Totschlag zu beteiligen, sei es in indirekter oder direkter Form.“ Da hat Helmut Schätzlein zweifelsohne Recht. Kämpft gegen das Weltsystem! Benutzt mehr Ausrufezeichen!!
„Es steht wohl außer Frage, dass die Friedfertigkeit der Deutschen besonders ausgeprägt ist“, weiß unser gütiger Herrscher zu berichten. „Nur das Deutsche Volk hat die außerordentliche Möglichkeit, aufgrund des eindeutigen Nichtvorhandenseins einer Verfassung und ebenso eines Grundgesetzes, in freier Selbstbestimmung und Selbstverwaltung zu handeln. Es bedarf nur einer eindeutigen Freiheitserklärung unter dem Schutz des Freistaates LichtlanD und als Bürger des Deutschen Reiches, welche an den Freistaat LichtlanD zu senden ist. Diese Erklärung wird dann gemeinsam der UN, der EU und der BRD-Verwaltungseinheit vorgelegt.“ Handeln Sie jetzt! Bevor es zu spät ist. Geben Sie Helmut dem Ersten grünes Licht …
P.S.: Sicherheitshalber hat Herr Schätzlein schon mal ein neues Grundgesetz formuliert. Da heißt es unter anderem: „Die Gesundheit der Menschen darf nicht durch unnatürliche Nahrung, Behandlungen und Medizin gefährdet werden“. Sagen Sie bitte ihre Termine bei McDonald’s und bei Ihrem Zahnarzt sofort ab! Handeln Sie einfach nach den „Gesetzen des Universums“. Was tun? „Jedem Deutschen wird auf Wunsch ein lebenslanges Recht an 500 qm Ackerland zur Nahrungserzeugung gewährt“. Rückfragen bitte an „Freistaatliche Religionsgemeinschaft LichtlanD, Lindelbacher Str. 14/Am Sonnenberg, 97246 Eibelstadt/LichtlanD. Es soll inzwischen 400.000 mutige Deutsche geben, die sich entweder in Selbstverwaltung erklärt haben oder ähnlich wie der Freistaat LichtlanD einen eigenen Staat gegründet haben.“ Eine beeindruckende Zahl, die sich Herr Schätzlein da ausgedacht hat! Und falls Sie jetzt auf die Idee kommen, das „Deutsche Reich in den Grenzen vom 31.8.1939“ als Völkerrechtssubjekt zu annektieren – Der Synarch ist Ihnen mit einem Brief an den UN-Generalsekretär Bank-Immun schon zuvorgekommen.
David Bowie - Sound and Vision. http://www.youtube.com/watch?v=bLxnAlZ63o8

Donnerstag, 29. Mai 2014

Biographische Informationen zur „Iron Billard Ball Band“

John Kowalski, Gesang. Er wurde mit einer Panflöte und einem Poncho in der Mainzer Fußgängerzone aufgegriffen. Mit seinen Eltern und sieben Geschwistern vegetierte er als lebende Altkleidersammlung auf einem Hausboot, das vor dem Campingplatz in Heidenfahrt auf Grund lag. Vorsicht! Geben Sie diesem Mann keinen Alkohol. Er ist schon als Kind in ein Schnapsfass gefallen und wurde erst drei Tage später wieder herausgefischt. John sollte wegen zahlreicher Straftaten (Drogenhandel, Menschenhandel, Gebrauchtwagenhandel) bereits im zarten Alter von 13 Jahren in sein Heimatland abgeschoben werden. Man stellte jedoch fest, dass er gebürtiger Rheinhesse ist. Mit seinem Lebenswandel diente er Ozzy Osbourne als Vorbild und inspirierte ihn, der bis dahin als Messdiener und Pfadfinder sein Dasein fristete, Musiker zu werden. Seine Solo-Single „Der Junge mit dem Hund von Monika“ erreichte 2005 Platz 7 der albanischen Charts.
Jack Mitchell, Gitarre, wurde in der Berliner U-Bahn zwischen Kreuzberg und Neukölln entdeckt, wo er ahnungslose Touristen mit seinem Instrument bedrohte und um ihr Geld erleichterte. Er wurde als Findelkind an einer Autobahnraststätte in der Nähe von Bottrop gefunden. Er hatte nur einen Schnuller und eine Ukulele dabei – von beidem ist er bis heute nicht entwöhnt worden. Das grässliche Ergebnis eines fehlgeschlagenen gentechnischen Experiments hat Innenarchitektur in Pjöngjang studiert und als Surflehrer an der Mosel gearbeitet. Sein Adoptiv-Vater war der Pate der bulgarischen Organhandelsmafia und seine Adoptiv-Mutter nannte man einfach nur „die Geißel der Karpaten“. Er organisierte die legendäre Welttournee 2012 (Ingelheim – Wackernheim – Heidesheim).
Jerry Stringer, Schlagzeug, war mit seinen Eltern weltweit auf Jahrmärkten unterwegs, wo sie einen Autoscooter betrieben. Er kann heute noch alles in jedem Zustand und mit verbundenen Augen rückwärts einparken. Seine Jugend verbrachte er als Hartgeldstricher in der Hunsrücker Gummistiefelszene. Er arbeitete als Roadie bei den Wildecker Herzbuben und in der Lederabteilung eines Erotikshops. Jerry gilt als Erfinder der Zeckenzüchterfrisur aus Filz und Fett, von seinem Epigonen Joseph Beuys später zu großer Ausstellungskunst weiterentwickelt. Er lernte sein Handwerk als Trommler und Einpeitscher auf einer Weight-Watchers-Galeere in der Ägäis. „Das Tier“ aus der Muppet-Show wurde nach seinem Vorbild geschaffen. Nach ihm wird bundesweit gefahndet - wegen intimem Kontakt zu einem Shetland-Pony.
Jim Burner, Bass, lebte dreihundert Jahre als einer von 126.000 Drohnen in einem Borgwürfel, wo er den Hochenergiephaser gewartet hat, und wurde von der Besatzung der U.S.S. Enterprise gerettet (Sternzeit 42761). Er spielte als Mitglied der Schiffskapelle in der Schlacht bei Wolf 359 den Warp-Dudelsack und motivierte die Crew im Kampf mit den Borg bei deren Angriff auf die Erde (Sternzeit 44001). Jim trägt gerne Chucks, Blümchen-Leggins und einen Aluminium-Hut wegen der gefährlichen Strahlung und allgemeinem Abhör-Dingsbums. Bei Vollmond verwandelt er sich in einen Hundefriseur und verlässt irre lachend mit einer Schere das Haus. Bitte nicht füttern!
Bandmotto: „Money can’t buy happiness but it can buy beer which is a good start.”
Grace Jones - Pull Up To The Bumper https://www.youtube.com/watch?v=o_PNL3djy54

Mittwoch, 28. Mai 2014

Regierung und Volk

Ich habe viele Jahre Politikwissenschaft studiert und noch länger als Politikwissenschaftler gearbeitet. Im Rückblick erscheint mir aber die Zeit meiner Jugend als eigentliche Lehrstunde. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es eine Disco. Alle nannten sie nur „Club“, obwohl sie offiziell „Strange Machine“ hieß. Am Wochenende ging man in den Club und natürlich ging ich irgendwann auch dorthin. Ich habe es zwar nicht zum DJ geschafft, aber ich kannte einige DJs sehr gut und hatte daher das Privileg, oben an den Turntables den Abend zu verbringen, kostenlose Longdrinks zu genießen und bei der Musikauswahl beratend tätig zu werden (die Nennung anderer Aktivitäten verbietet mir das Strafgesetzbuch). Regelmäßig kamen irgendwelche Tänzerinnen und Tänzer zu uns, um eine Musiknummer zu empfehlen. Ganz verwegene Geister schrieben den Titel ihres favorisierten Stücks auch auf einen Zettel und reichten ihn zu uns herauf. Wir haben es nie gespielt. Netter Vorschlag – aber wir haben selbst genügend Phantasie für das nächste Stück. Manchmal spürst du die Erschöpfung und spielst ein ruhiges Stück, damit die Menge Energie nachtanken kann. Manchmal kocht die Tanzfläche und du schaufelst wie verrückt Kohlen in den Ofen. Wir am Mischpult sind die Regierung, ihr da unten seit das Tanzvolk. Und so ist es auch in der Politik: Die Bevölkerung kann so intelligent sein wie sie will, die Regierung entscheidet letzten Endes alles. Auch wenn du manchmal mit einer Fehlentscheidung den kompletten Laden leergeräumt hast.
Pixies – Gigantic: http://www.youtube.com/watch?v=2B6qerZlczw

Dienstag, 27. Mai 2014

Gespräch zur Lage der Nation

Frage: „Guten Morgen. Sie hören BenFM und wir unterhalten uns heute mit Kevin Jägersoße von der Partei ‚The Party – Alternative zu den Piraten‘. Hallo Kevin. Wie lief die Europawahl?“
Antwort: „Moinsen. Die Wahl lief super. Wir werden einen Abgeordneten nach Brügge schicken. Möglicherweise bin ich das sogar selbst.“
F: „Heißt die Stadt nicht Brüssel?“
A: „Das finde ich ziemlich kleinkariert. Entscheidend ist: Wir fahren nach Belgien! Land der Pommes und der Pralinen.“
F: „Was waren ihre zentralen Forderungen im Wahlkampf?“
A: „Wir hatten die lustigsten Wahlplakate. ‚Mutti in den Zoo‘, ‚Wir machen es besser‘ und ‚Freibier für Kevin‘.“
F: „Welche Agenda möchten Sie im Europaparlament einbringen?“
A: „Meine Freundin heißt Magenta, okay? Und die nehme ich höchstens als Mitarbeiterin mit. Aber wenn sie so rumzickt wie gestern auf der After-Wahl-Party, dann kommt mein Kumpel Paule mit. Paule!! Hörst du mich? Ich bin im Radio!“
F: „Nochmal zurück zu den Inhalten. Sie haben Freibier im Falle eines Wahlsiegs versprochen?“
A: „Jo. Ein Tag Freibier für alle. Als Einstieg ins bedingungslose Grundeinkommen. Außerdem fordern wir Steuerfreiheit für Pinguine und wir wollen bei McDonald’s Strohhalme mit so einem Knick drin, verstehen Sie?“
F: „Was halten Sie von Europa?“
A: „Da fahre ich nicht hin. Wir machen Urlaub am Baggersee. Schön zelten, Kasten Bier und ein Ghettoblaster, der die Tiere fernhält.“
F: „Machen Sie sich Sorgen wegen der Wahlerfolge der Rechtsextremisten in Frankreich und Großbritannien?“
A: „Die sollten sich lieber Sorgen um uns machen. Wir wollen in Brüssel alle Namensschilder in den Büros vertauschen, nachts das Licht brennen lassen und die Luft aus den Fahrradreifen lassen. Autofahren macht sowieso mehr Laune.“
F: „Machen Sie sich keine Sorgen um die hohe Konzentration von Kohlendioxid in der Luft und den Klimawandel?“
A: „Meine Leberwerte sind auch erhöht und ich mache mir trotzdem keine Sorgen. In ein paar Jahren kommt meine Freundin allerdings in den Klimawandel. Bei Frauen ab Vierzig muss man ja mit allem rechnen.“
F: „Vielen Dank für dieses Gespräch.“
A: „Da nich für.“
Heroes del Silencio – Entre dos tierras. http://www.youtube.com/watch?v=DMMj1FrRFH4

Montag, 26. Mai 2014

Alles in Butter

Die letzte Politiker-Dissertation, die noch nicht von Plagiatsjägern einkassiert wurde, heißt „Die Margarineindustrie am unteren Niederrhein im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert“ und wurde von der fabelhaften Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (nicht verwandt oder verschwägert mit Jimmy Hendricks) 1980 in Bonn eingereicht. Angeblich haben Rama und Lätta ihre besten Leute im Einsatz, weil aus ihren Sammelbildalben ohne Quellenangabe zitiert wurde. Der Bundesverband tabuloser transsexueller Milchbauern (BUTTER e.V.m.b.H.) ruft zu einem Sternmarsch nach Berlin auf. Die Geschichte des Brotaufstrichs wird neu geschrieben werden müssen. Die weitere Entwicklung verfolgen Sie bitte auf dem entsprechenden Newsticker bei Spiegel Online. Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen am Donnerstag über das Thema „Die Doktorarbeit als Gleitmittel der Karriere – ein Auslaufmodell?“, Günter Jauch fragt am Sonntag in seiner Talkshow: „Mit Streichfett ins Ministerium – Der Weg nach ganz oben?“.
P.S.: Die Musik kommt heute von Deichkind – „Limit“. http://www.youtube.com/watch?v=uUbOqPpzo7Q

Sonntag, 25. Mai 2014

Multikulti in Schweppenhausen – historisch betrachtet

Es soll keiner sagen, in meinem Weindorf ginge es nicht multikulturell zu. Heute haben wir Polen, Türken (einer ist sogar als Matrose zur See gefahren und kann von den Puffs in Rio und Yokohama erzählen), Franzosen, Italiener und Jugoslawen aller Art – aber in der Vergangenheit ging es noch viel bunter zu. Denn nach den unvermeidlichen Steinzeit-Freaks und den Kelten kamen die Römer. Bekanntlich stammen sie aus Italien, haben uns die Weinrebe mitgebracht und in der Erde verbuddelt, auf das der Stoff, aus dem die Träume sind, auch überall wachse und gedeihe. Als die alten Römer völlig blau waren, wurden sie von den Franken aus dem Spiel gekegelt und ihr späterer Chef, Karl der Große, wird in diesem Jahr zu Ehren seines zwölfhundertsten Todestags mit Ausstellungen in Ingelheim und Aachen gewürdigt.
Schweppenhausen gehörte im „Alten Reich“, das erst Anfang des 19. Jahrhunderts von Napoleon aufgelöst wurde, zur Kurpfalz. Das drei Kilometer entfernte Nachbarstädtchen Stromberg war eines der zweiundzwanzig Oberämter der rheinischen Pfalzgrafschaft, die durch Zolleinnahmen am Rhein, einem der Haupttransportwege der damaligen Zeit, zu Reichtum und Macht gekommen war. Der Pfalzgraf war Kurfürst und gehörte damit zu den sieben Menschen, die tausend Jahre lang den deutschen Kaiser wählen durften. Er führte den Titel des Erztruchsess und war für Speis und Trank an der Tafel des Monarchen zuständig. Im Dreißigjährigen Krieg eroberten Spanier die Gegend, bevor sie von schwedischen Truppen vertrieben wurden. Die Schweden waren in dieser Gegend keineswegs unbekannt, da sie schon im Mittelalter plündernd den Rhein bis zur Nahemündung in Bingen hinauf gefahren waren. Aus Stromberg stammt übrigens auch der „deutsche Michel“, dessen Name noch heute satirische Verwendung findet.
Nachdem die Schweden abgezogen waren, kamen – ebenfalls noch im siebzehnten Jahrhundert – die Franzosen und zerstörten im Pfälzischen Erbfolgekrieg alles, was zufällig im vorherigen Krieg ganz geblieben war. Ende des achtzehnten Jahrhunderts besetzten die Franzosen wieder die Gegend und machten eine französische Provinz aus ihr. Kurze Zeit später zog Napoleon durch das Land, der bekanntlich seinen Krieg nach der Schlacht von Waterloo verlor. Die Preußen aus Berlin wurden die neuen Eigentümer und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren es erneut die Franzosen, die als Besatzungsmacht die Herrschaft über diesen Landstrich übernahmen. Gegenwärtig ist ganz Rheinland-Pfalz von den Amerikanern besetzt. Von Ramstein aus wird der weltweite US-Drohnenkrieg geführt und auf der anderen Rheinseite in Wiesbaden entsteht gerade eine NSA-Zentrale.
Die Schweppenhäuser haben alles ertragen, ohne durch leichtfertiges Reden ihren Kopf zu riskieren. Aber noch heute gibt es in den hiesigen Gasthöfen den Brauch, nach dem Anstoßen das Glas noch einmal kurz auf den Tisch zu setzen, als Zeichen, dass man frei sprechen könne. Erst wenn niemand von der Obrigkeit oder den fremden Besatzern zuhört, kann man seine Meinung offen sagen.
Zum Weiterlesen: http://www.tagesschau.de/inland/ramstein-drohnen100.html
P.S.: Hip-Hop meets Kraftwerk. Afrika Bambaataa mit “Planet Rock”. http://www.youtube.com/watch?v=hh1AypBaIEk

Samstag, 24. Mai 2014

Heimkehr

Er hatte den Aufstieg gar nicht so beschwerlich in Erinnerung. Er lief nun schon eine Viertelstunde den Berg hinauf und der Schweiß rann seinen Rücken hinab. Der schmale Pfad war vom Unterholz überwuchert und wand sich um schroffe Felsen. Über ihm bildeten die Äste der Buchen und Eichen ein undurchdringliches Dach. Er bog dornige Ranken beiseite und ging weiter. Bald darauf stand er auf einer Wiese und sah es vor sich: sein Elternhaus. Hier war er aufgewachsen, hier hatte er seine ersten Schritte gemacht, hier hatte er seine ersten Worte gesprochen. Das fahle Mondlicht schien auf eine verlassene Ruine. Lange betrachtete er das Haus, dann ging er auf die Haustür zu. Sie hing schräg in den Angeln und als er sie berührte, fiel sie in den Flur.
Er betrat das Haus und sah in die Zimmer. Auf der linken Seite war die Küche gewesen. Hier hatte die ganze Familie zu den Mahlzeiten beisammen gesessen. Am Küchentisch hatte er gemalt und später mit seiner Schwester gespielt. Jetzt stand nur noch der alte Herd im Raum, der Fußboden war mit Scherben übersäht. Gegenüber war das Arbeitszimmer seines Vaters gewesen. Der mächtige Schreibtisch stand immer noch am Fenster. Die Schubladen waren herausgezogen und leer. Die Bücherregale ausgeräumt, der Boden mit Papierfetzen bedeckt. Er ging weiter. Das Badezimmer. Das Wohnzimmer. Hier hatten sie abends immer zusammen gesessen, hier wurde Besuch empfangen. Am Ende des Flurs waren die Türen zum Elternschlafzimmer und zum Kinderzimmer.
Er betrat sein altes Zimmer und sah sich um. Der Raum war völlig leer. Das Mondlicht beschien ein kleines Viereck. Hier hatte er geschlafen, hier hatte er geträumt, hier hatte er sein erstes Buch gelesen. Es war ganz still. Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Nichts zu sehen, der Wald lag in völliger Finsternis. Dann drehte er sich um. Eine Frau stand vor ihm. Seine Mutter. Er ging auf sie zu, doch sie schüttelte nur lächelnd den Kopf. Einige Zeit später verließ er das Haus. Er ging durch den Wald den Berg hinunter. Als er sich ein letztes Mal umdrehte, sah er die Flammen. Die alte Ruine brannte lichterloh.
P.S.: Tracy Chapman singt “Baby Can I Hold You”. http://www.youtube.com/watch?v=wzIE3mRFypQ

Freitag, 23. Mai 2014

Empfehlungen zur Europawahl 2014

"Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen." (Loriot)
Glenmorangie, Schottland (Whisky)
Franz Kafka, Tschechische Republik (Literatur)
Greyerzer, Schweiz (Käse)
Emil Cioran, Rumänien (Philosophie)
Held-Bräu, Deutschland (Bier)
Jean-Paul Sartre, Frankreich (Literatur/Philosophie)
Pata Negra, Spanien (Schinken)
Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Russland (Literatur)
Barolo, Italien (Rotwein)
Fernando Pessoa, Portugal (Literatur)
Kaiserschmarrn, Österreich (Süßspeise)
Stoa, Griechenland (Philosophie)
Zubrowka, Polen (Wodka)
Ultravox, England (Musik)
Pommes frites, Belgien (Pommes frites)
Astrid Lindgren, Schweden (Pippi Langstrumpf/Anarchie)
Adana Kebap, Türkei (lecker!)
E tutti quanti …
Musiktipp: Ton Steine Scherben – „Keine Macht für Niemand“. https://www.youtube.com/watch?v=97ZiPScS4pk

Donnerstag, 22. Mai 2014

Briefe an Josef K.

Den folgenden Brief hat mir ein gewisser Helmut Marlow geschrieben. Die Assoziation mit dem berühmten Privatdetektiv von Raymond Chandler macht die Sache noch aufregender.
„Sehr geehrter Arbeitssuchender
Mit diesem Brief teilen wir Ihnen mit, dass Ihre Bewerbung von uns angenommen wird. Jedenfalls, sollen wir alle Arbeitsbedingungen sobald wie möglich nennen. Wichtig: keiner Anfangsgebühr wird benötigt um mit der Arbeit zu beginnen. Um ein Bewerbungsformular zu kriegen, bitte, melden Sie sich auf www.yvonne.co.ua/de
Vielen Dank,
Stellvertretender Direktor für Arbeitskräfte
Helmut Marlow“
Ich suche gar keine Arbeit. Ich schreibe auch keine Bewerbungen. Dennoch bin ich von „ihnen“ angenommen. So muss sich Josef K. gefühlt haben, als er eines Morgens verhaftet wurde. Was mache ich jetzt? Wird mich dieses Arbeitsverhältnis endlich reich machen oder endgültig arm? Immerhin erlässt man mir die „Anfangsgebühr“, die ja bekanntermaßen spätestens am ersten Arbeitstag fällig wird. Aber zwischen mir und dem Glück einer Erwerbstätigkeit liegt noch jenes ominöse Formular, das ich von „Yvonne“ bekomme. Yvonne, Inbegriff meiner unerfüllten Träume! „Yvonne“, rufe ich nachts in fiebrigem Halbschlaf, aber die namenlosen Götter der Sehnsucht und ihrer Erfüllung schweigen nur spöttisch. Yvonne! Schwarze Locken auf nackten Schultern über einem trägerlosen Kleid aus blauer Seide, ihre vollen Lippen formen sich zu einem Vokal der Lust, den ich nicht verstehe, ihr Blick ist ein antikes Rätsel, dessen Lösung einer noch ungeborenen Generation in ferner Zukunft vorbehalten sein mag. „Yvonne! Ich brauche das Formular …“ Aber mein Schrei dringt nicht mehr durch den ungeheuren Lärm des Schiffshorns jenes abfahrenden Ozeandampfers, von dessen Heck mir Yvonne mit ihrem Taschentuch zuwinkt.
Bisher habe ich immer nur die Briefe von afrikanischen Generälen und anderen bedeutenden Menschen bekommen, deren Vermögen ich retten sollte. Ich habe sie nie beantwortet, denn ich wollte mich nicht an der Not anderer Menschen bereichern. Aber Helmut Marlow, dem stellvertretenden Direktor für Arbeitskräfte, und seiner bezaubernden Assistentin bin ich rettungslos verfallen.
P.S.: ”The Voice” Frank Sinatra singt “I’ve Got You Under My Skin”. http://www.youtube.com/watch?v=_XCVnV5CGh0

Mittwoch, 21. Mai 2014

Neue Sprachordnung

Ordnung muss sein. Neue Verordnungen sind immer gut. Schließlich sind wir hier in Deutschland, wo es vor Gesetzen, Verordnungen und Regelungen aller Art nur so wimmelt. Da wollte die sympathische Gemeinde der Feministen und Feministinnen nicht abseits stehen und hat uns eine wunderbare Handreichung für zukünftige Gespräche gegeben, die von einer Kommission in jahrelanger Arbeit in der Welthauptstadt der Innovation Berlin zusammengestellt wurde. Achtung! Aufgepasst! Es heißt ab jetzt Computa und Drucka, weil sich die Frauen und möglicherweise auch die Transsexuellen (das Nähere regelt eine Ausführungsbestimmung, die noch den Bundesrat passieren muss) durch die Begriffe Computer und Drucker diskriminiert fühlen. Ich bin ein Deutscha. Der Türke, der Chinese, der Russe, der Franzose und der Pole haben Glück gehabt. Einfach so bleiben. Nicht aber der Italiena und der Spania. Bei Rückfragen bitte die zuständige Botschaft kontaktieren. Ausnahmen: Es heißt weiterhin Mörder und Verbrecher, weil das sowieso immer nur Männer sind.
Ferner heißt es ab jetzt auch Professix statt Professor oder Professorin. Bevor sich jetzt irgendein Hinterwäldla aufregt: Diese geniale Idee haben wir von den Galliern eines tapferen kleinen Dorfes an der Küste der römischen Imperiums. An dieser Stelle grüße ich Asterix und Obelix. Die schriftliche und bildliche Verewigung eurer Abenteuer trägt ungeahnte Früchte. Die Menschen, die uns abends das Bier, falsch: Bia an den Tisch bringen, sind ab heute die Kellnix. Bei einem Wasserrohrbruch bitte den Klempnix anrufen. Angela Merkels Beruf heißt nun Kannix. Und wer das nicht gleich verstanden hat: Machtnix! Die Verordnung sieht eine Übergangsfrist von einem Jahr vor, in der Zuwiderhandlungen nicht mit einem Bußgeld geahndet werden.
P.S.: Die Ortsbezeichnung Darmstadt-Wixhausen bleibt unverändert.
Musik: Yazoo und „Nobody’s Diarrhoe“. http://www.youtube.com/watch?v=QnxZqAiQKMA

Dienstag, 20. Mai 2014

Tee

Ich habe gerade "Der Tod des Teemeisters" von Yasushi Inoue gelesen. Es geht um den Weg des Tees, Teemenschen und die Bedeutung der Teezeremonie in Japan. Zitat: "Ruhig an Ort und Stelle den Tee bereiten und nicht daran denken, seinem Schicksal zu entfliehen." An anderer Stelle heißt es: "Ich bedauere, dass meine alltäglichen Pflichten es mir nicht gestatten, mich ganz dem Weg des Tees hinzugeben: Gerade so leben, dass es nicht ins Haus hineinregnet und man nicht verhungert."
Ich erinnere mich an eine Reise ins Land der Massai. Wir übernachteten in einem landhausartigen Hotel inmitten der Savanne. Zu Ehren der Touristen führten die Massai am nächsten Nachmittag vor dem Hotel einen ihrer traditionellen Stammestänze auf. Mir sind solche Vorstellungen nicht nur peinlich, sondern auch zuwider. Also blieb ich im Hotel, setzte mich an einen Tisch im Foyer und bestellte mir eine Tasse Tee. Alle Gäste waren draußen, ich war ganz allein. Wenig später kam ein junger Massai in den Raum. Er trug seine Stammeskluft, Kopfschmuck und hatte sogar einen Speer dabei. Wie selbstverständlich setzte er sich an meinen Tisch und bestellte ebenfalls einen Tee. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er in Nairobi studierte. Politikwissenschaft, so wie ich in Berlin. Mit diesen Tänzen verdiente er sich in den Semesterferien ein wenig Geld, wenn er in seiner alten Heimat war. Es war eine sehr entspannte Plauderei und mit vollendeter Höflichkeit haben wir uns am Ende voneinander verabschiedet. Eine gute Tasse Tee verwandelt den Augenblick.
P.S.: Depeche Mode und “Enjoy the Silence”. http://www.youtube.com/watch?v=-Zxx3_wOCoU

Montag, 19. Mai 2014

Erwachen

Die Vergangenheit ist ein Rätsel. Die Gegenwart ist wie ein Miss-Marple-Film. Als ich am Sonntagmorgen zur Toilette gehe, um wie jeden Morgen mein Wasser abzuschlagen, sehe ich einen Blutfleck vor der Garderobe. Blut! Was ist passiert? Ich überlege. Habe ich mich am Samstagabend in der Dorfkneipe noch geprügelt? Vielleicht sollte ich jemanden anrufen, mit dem ich gestern unterwegs gewesen bin. Wer könnte das gewesen sein? Scheiße, alles ist weg. Filmriss. Konzentrier dich! Es begann mit einem Gartenfest am Nachmittag. Maibowle, dann ein paar Schoppen. Mit M. und seinem Bruder saß ich am Tisch … C., der Dorftischler, erzählte von seiner Neuseelandreise. Anschließend zogen für wir für das DFB-Pokalfinale ins Wohnzimmer von J. um – Bourbon … Ich betrachte mein Gesicht im Badezimmerspiegel. Nichts zu sehen. Ich taste meinen Körper ab. Keine Verletzungen. Merkwürdig. Ich zucke die Schultern, mein Spiegelbild zuckt mit. Mit Toilettenpapier und Spucke entferne ich den Blutfleck. Vielleicht bin ich gestürzt? Ich kann niemanden fragen, ich lebe allein. Und von der NSA habe ich keine Telefonnummer. Ich gehe wieder ins Bett. Blut auf dem Kopfkissen! Was ist passiert? Hilfe! Ich fasse mir an den Hinterkopf und spüre die Beule. Verkrustetes Blut. Ich schwöre, bis zum Mittagessen keinen Alkohol anzurühren …
Gegen drei Uhr sitze ich mit ein paar Freunden in der Dorfpizzeria und verdrücke gerade eine große Diavolo, als M. zu uns an den Tisch kommt. Ich sei gestern Abend in der Dorfkneipe vom Barhocker gefallen und J. hätte mich nach Hause begleitet. Man muss ja nur den Dorftratsch abwarten, dann erfährt man alles über sich … Trotzdem werde ich nachdenklich. Ein Bekannter aus Ingelheim ist auf diese Weise ums Leben gekommen. Vom Barhocker gefallen, tot. Der Bandkollege eines Freundes fiel rückwärts so unglücklich auf eine Tischkante, dass er starb. Ein anderer wurde wegen Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert und lebte noch drei Tage. Weniger trinken! Sport machen! An diesem Sonntag trinke ich nur vier Weizenbier und spiele in der Halbzeit des Fußballspiels im Fernsehen mit M. und dem Sohn des Pizzabäckers auf dem Sportplatz selbst ein bisschen Fußball. Dann gehe ich brav nach Hause.
Auf dem Heimweg denke ich weiter nach: Die Junkies, die ich kenne, sind inzwischen alle clean und haben überlebt. Bis auf einen aus Ingelheim und der hat mit einer Überdosis Selbstmord begangen. Überhaupt: Selbstmörder. Einer hat sich mit Autoabgasen umgebracht, einer hat sich vor dem Zug geschmissen, einer hat sich erschossen, einer hat sich aufgehängt (ausgerechnet in der Wohnung eines Kumpels hier in Schweppenhausen – kein schöner Anblick, als er nach Hause kam, wie er mir unter Tränen berichtet hat) … Weiter: Kokain, Speed, LSD, E … keine Toten. Okay, der eine junge Bursche, den wir alle nicht kannten und den ein Bekannter nach einer wilden Nacht tot auf seinem Sofa gefunden hat. Aber der hat das Koks auch gefixt. Er selbst starb Jahre später an Leberzirrhose. Und die ganzen Kiffer erfreuen sich ohnehin ihrer guten Gesundheit …
P.S.: Manu Chao – „Welcome to Tijuana”. http://www.youtube.com/watch?v=qw2Pny_N_Tg
Grandmaster Flash & The Furious Five passen aber auch zum Text: “White Lines”. http://www.youtube.com/watch?v=u0u_qxFEysI

Sonntag, 18. Mai 2014

Mein Leben als Anarchist

Mein Leben als Anarchist begann im Herbst 1980, kurz nach meinem vierzehnten Geburtstag. Am Anfang stand die Freundschaft zu einem Jungen namens I., der neu in unsere Klasse gekommen war. I. war Anarchist, was bedeutete, dass er die Lehrer, den Staat und unser Wirtschaftssystem beschissen fand und mit seinem Edding überall ein großes A mit einem Kreis drum herum hinmalte. Ich interessierte mich damals auch für Politik, aber mein Kenntnisstand erschöpfte sich in der täglichen Tagesschau im Fernsehen, in der Ablehnung eines bajuwarischen Brüllaffen namens Franz-Josef Strauß, der für die CDU/CSU in jenem Herbst das Kanzleramt erobern wollte, in einer daraus resultierenden latenten Sympathie für den Amtsinhaber Helmut Schmidt und der Ignoranz der F.D.P., die mein Vater immer wählte. Mehr als diese drei Parteien gab es damals nicht, aber wir hatten ja auch nur drei Fernsehprogramme.
Damals brachte I. regelmäßig Flugblätter (altdeutsch für „Flyer“) in den Unterricht mit, in denen zum Kampf gegen Atomkraftwerke (die ich bis dahin gut gefunden hatte), gegen Rüstungskonzerne und die sogenannten Ausbeuterschweine aufgerufen wurde. Auf den Flugblättern waren oft kleine grinsende Männchen mit langen Haaren und Vollbart zu sehen, die schwarz gekleidet waren und eine kreisrunde Bombe mit brennender Zündschnur in der Hand hielten. Das waren die Anarchisten. Und es wurden dicke Polizisten gezeigt, die sich immer dämlich anstellten oder arme Hippies quälten. Das waren die „Bullenschweine“. Häufig wurden diese Gestalten von einem gewissen „Seyfried“ aus dem sagenumwobenen „Kreuzberg“ gezeichnet. Mir war schnell klar, auf welche Seite ich gehören wollte. Und so wurde ich Anarchist und begann, mit einem Edding überall ein großes A mit einem Kreis drum herum hinzumalen.
Mein anarchistischer Schulfreund durfte mit Erlaubnis seiner Eltern, beide waren Ärzte, im folgenden Jahr von Zuhause ausziehen und in eine sogenannte Wohngemeinschaft einziehen. Er lebte zusammen mit zwei Studentinnen in einer Kellerwohnung in meinem Viertel von Ingelheim und alsbald war ich dort ständiger Gast. Wir kochten zum Beispiel zusammen und so kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Naturreis, Gewürzen aus dem Morgenland und Kaffee aus Nicaragua. Außerdem konnten wir bei ihm die Anlage aufdrehen und die subversive Musik von „Ton, Steine, Scherben“ hören, ohne dass irgendwelche Eltern reinkamen. Einmal kam sogar ein Anarchist aus West-Berlin zu Besuch, der sehr viel trank und rauchte, schwarze Lederklamotten trug und uns erzählte, dass er weder arbeiten noch Steuern zahlen würde. Wahnsinn! Ein waschechter Staatsfeind in unserer kleinen Stadt.
Ingelheim ist zufälligerweise die Partnerstadt von Kreuzberg. Auf unserer Klassenfahrt 1981 besuchten wir Berlin und auch eine Schulklasse aus Kreuzberg. Die Leute waren wie aus „Christiane F.“: Punks, Langhaarige, Ausländer. Gab es in unserer Klasse alles gar nicht. I. war der einzige mit langen Haaren und Palästinensertuch. Echte Punks! Wir haben zwar Samstagabend auch Sex Pistols, Dead Kennedys und The Clash gehört, aber niemand in Ingelheim hätte sich getraut, mit so einem Irokesenhaarschnitt rumzulaufen. Damals hätte es von den Eltern Hausarrest, Taschengeldentzug und Schläge gegeben. Vom Gymnasium vermutlich einen Schulverweis und wieder Schläge. Damals haben die Lehrer noch zugeschlagen, ich selbst habe mal von einer älteren Lehrerin eine Ohrfeige wegen Gotteslästerung bekommen, weil ich im Mainzer Dom die Besucher mit Weihwasser bespritzt habe. Punk bist du aber die ganze Woche, nicht nur samstags für ein paar Stunden. Dazu muss man stehen. Den Mut besaß keiner von uns, auch nicht die Anarchisten. Heute ist ein Irokese banal und so beliebig wie eine Tätowierung. In meiner Jugend waren nur Schwule, Matrosen und Knastbrüder tätowiert.
Wir Ingelheimer Anarchisten haben zwar die Namen von Kropotkin und Bakunin gekannt, aber nie etwas von ihnen gelesen. Aber wir sind sonntags regelmäßig zur Startbahn West an den Frankfurter Flughafen gefahren, um gegen den Staat zu revoltieren. Es bestand Helmpflicht wegen der Bullenknüppel, Zwille und festes Schuhwerk gehörten zur Grundausrüstung. Als dann 1987 zwei Polizisten an der Startbahn erschossen wurden, verdächtigte man I. der Tat. Er wurde von BKA und Interpol gejagt und musste sich bei Freunden im Ausland verstecken. Sein Fahndungsfoto war auf Seite 1 unserer Tageszeitung und er schaffte es sogar in die Sendung „XY … ungelöst“ im Mainzer ZDF. Ich habe ihn erst Jahre später wieder getroffen, sein Spanisch war inzwischen ausgezeichnet.
Währenddessen wurden die wirklichen Täter hinter Gitter gebracht und der Frankfurter Flughafen hatte längst die gewünschte zusätzliche Startbahn. I. machte in den neunziger Jahren in der „militanten Antifa“ weiter, weil es damals in Rheinhessen, vor allem in Mainz-Gonsenheim, zahlreiche Neonazis gegeben hat. Demonstrationen, das war die Erkenntnis der achtziger Jahre, bringen nichts und die Online-Petition war noch nicht erfunden. Auf dem Wege regelmäßiger Hausbesuche, handgreiflicher Auseinandersetzungen und dem gelegentlichen Niederbrennen von einschlägigen Versammlungsorten wurde meine Heimat allmählich nazifrei. I. und ich studierten Politikwissenschaft und lasen Marx, Adorno, Titanic usw. Ich habe dann über „Beschleunigung und Politik“ in Berlin promoviert, I. befasste sich in seiner Dissertation in Frankfurt mit Geschichte und Wirkung des militanten Antifaschismus in Deutschland (es soll demnächst auch unter Pseudonym mit dem Buchtitel „Antifa heißt Angriff“ einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert werden, ich habe es korrekturgelesen).
Heute lebt er mit Frau und Kind in Wiesbaden und macht „was mit Medien“, wie die meisten von uns. Kleine und große Filme für Arte oder 3Sat, aber auch für zahlungskräftige Konzerne wie Red Bull. Ich bin immer noch Anarchist, gehe keiner geregelten Arbeit nach und zahle keine Steuern. Soll ich Sie mal in Ihrer WG besuchen?
P.S.: Weniger schön ist die Geschichte eines V-Manns vom rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz, der in jenen Jahren in unseren Kreisen sein Unwesen getrieben hat. Einfach hier weiterlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Steinmetz

Samstag, 17. Mai 2014

Der Babo sagt YOLO

Dies ist ein Rant.
(Nachtrag: Nein, es ist kein Rant, worüber ich bereits eine halbe Stunde nach Veröffentlichung in der Kommentar-Zone belehrt wurde, aber jetzt habe ich diesen ganzen gottverdammten Mist geschrieben und jetzt wird er auch gefälligst bis zum Ende gelesen, verstanden?!!)
Bis letzte Woche habe ich bei dem Wort „Rant“ ja noch gedacht: ‚Rant? Das war doch dieser slowenische Bogenbiathlet, der 2002 mit der Staffel Silber bei der Weltmeisterschaft in Pokljuka geholt hat‘. Aber seit letzter Woche besuche ich den Volkshochschulkurs „Internet – Deutsch, Deutsch – Internet“. Daher weiß ich: Ein Rant ist ein Text, der länger als 140 Zeichen ist, daher nicht mehr ins Twitter-Korsett passt und jeden ADS-Freak im Netz an den Rand des Wahnsinns treibt. Babo heißt irgendwie Chef und war das Jugendwort des Jahres 2013. Was es nicht alles gibt. Seniorenwort des Jahres war übrigens „Stricknadelentroster“, aber das interessiert ja die Medien offenbar nicht. In die Welt gesetzt wurde „Babo“ von einem gewissen Herrn Haftbefehl aus Hessisch-Kurdistan aka Offenbach. Da würde ich ja auch gerne mal ein Wörtchen mit den Eltern und dem zuständigen Einwohnermeldeamt reden. Ist so ein Name überhaupt erlaubt? YOLO kannte ich auch nicht. Ich dachte immer, dass wäre dieser Joghurt für Kinder mit den lustigen Kuhflecken. „You only live once“. Wer hätte das gedacht? Damit haust du heutzutage höchstens noch einen Hindu vom Hocker bzw. vom Rad der Wiedergeburt. Aber ich lerne täglich dazu. „Aka“ statt „alias“ zum Beispiel. Und LOL sowie ROFL führt umgehend zu Rollatorpflicht und Windelzwang. AFAIK.
Lernziel: BOFH. Bastard Operator From Hell. Dabei sitze ich schon sehr lange vor dem Monitor und penetriere die Tastatur. 1987 ging es mit einem Atari 1040 ST los. Hatte keine Festplatte. Wenn du zu schnell geschrieben hast – und ich habe die beiden schnellsten Zeigefinger diesseits des Mississippi -, erschien immer eine Reihe kleiner Bomben und der ganze Text war weg. Damals warst du in der sogenannten „Szene“ als Computerbesitzer ungefähr so beliebt wie mit einer Hakenkreuztätowierung auf der Stirn. Aber es ermöglichte mir Schreiben ohne Tippex, einer Korrekturflüssigkeit zum Überdecken von Tippfehlern (hat eine Ewigkeit gedauert, bis sie getrocknet war und man weiterschreiben konnte). Außerdem konnte ich am PC endlich in meinem eigenen Zimmer zocken und nicht nur auf der Atari-Konsole im Wohnzimmer, wo immer irgendwelche „Eltern“ rumhingen und den Fernseher blockierten. 1992 war ich in einem der ersten Cyber-Cafés Deutschlands in Kaiserslautern und hatte einen abgefahrenen Datenhelm auf dem Kopf. Wir dachten, das wäre die Zukunft. Zum Internet kam ich über einen Studienfreund, der zu diesem neuen Medium Seminare am Institut für Publizistik der Uni Mainz anbot. Er hat 1996 mit „intern.de“ den ersten Internetnewsletter Deutschlands gegründet, der inzwischen nicht mehr erscheint (anfangs nur als Print-Version – Wahnsinn, oder?). Wolfgang hat mich immer auf dem neuesten Stand gehalten. 2008 wurde ich dann Kiezschreiber im Berliner Brunnenviertel und ein netter Kollege namens Hubert richtete mir dieses Blog ein, in dem Sie gerade einen Rant lesen. Nach Ende des Vertrags 2011 habe ich einfach weiter gemacht.
Die Leserzuschrift, Verzeihung: der/die/das Post eines gewissen „Kiezneurotikers“ brachte mich dazu, dessen Blog zu lesen und über dessen Blogroll andere Blogs zu entdecken. Diese Welt war mir neu. Die Fernseh-, Radio- und Zeitungsredakteure, die ich kenne (und die alle, wie ich, noch die Punischen Kriege erlebt haben – nein, jetzt nicht googeln, Kevin!), lesen grundsätzlich keine Blogs, weil sie ja den ganzen Tag das angeblich relevante Zeug in den Mainstream-Medien lesen müssen. Und vor einiger Zeit ist mir dann auch noch aufgefallen, dass dieser Kiezneurotiker letztes Jahr 606 Posts, also fast zwei am Tag, ins Netz gestellt hat. Angeblich hat er ja Frau, Kind und Beruf, aber wahrscheinlich sind das in der Internetsprache nur Synonyme für Pornosammlung, Playstation und Job-Center. Wie kann man nebenher so viel schreiben? Oder verbirgt sich hinter dem Pseudonym ein mehrköpfiges Team des Springer-Verlags? Jedenfalls probiere ich es inzwischen auch, möglichst jeden Tag etwas zu „posten“. Und sobald ich den VHS-Kurs mit einem Jodeldiplom (jetzt googeln, Kevin!), äh … BOFH-Zertifikat bestanden habe, bin ich endgültig Teil der „Blogosphäre“ und habe meine eigene „Filter-Bubble“. EOBD.
Das heißt übrigens “End of business day”. Was für eine gequirlte Scheiße! Früher hat die Oberschicht Latein gesprochen und der Pöbel deutsch. Dann haben die feinen Pinkel französisch gequasselt und heute reden alle Wichtigtuer englisch. Englisch ist die Sprache der Unterdrücker. Keiner mag Obamas Drohnenkrieg, NSA-Überwachung, Yankee-Gentechnik und andere Sauereien in Lebensmitteln, die wir demnächst per „Freihandelsabkommen“ auf den Frühstückstisch bekommen, aber es wird natürlich fleißig im US-Jargon kommuniziert. Viele dieser Abkürzungen aus der Internetwelt stammen direkt vom amerikanischen Militär. Zum Glück muss ich als alter Mensch nicht mehr „in“ oder „cool“ sein. Ich bin einfach nur froh, dass ich noch lebe. „Halt endlich den Rant, Grandpa Simpson!“ Du hast Recht, Kevin. Aber diese billige Seniorenmasche ist nun mal mein USP im Netz, auf BWL-Deutsch: mein „Alleinstellungsmerkmal“. Feierabend.
P.S.: Und wer als erstes im Kommentarbereich einen „Godwin droppt“ (habe ich alles im Schweiße meines Angesichts recherchiert, ihr Lausebengel), bekommt von mir eine Dose JC spendiert. Und falls es der KN ist, auch eine Dose JG. OK?
P.P.S.: Rammstein dankt „Amerika“. http://www.youtube.com/watch?v=4NAM3rIBG5k

Freitag, 16. Mai 2014

Energie 1975

„Die Stimme Der Energie“:
Hier spricht die Stimme der Energie
Ich bin ein riesiger elektrischer Generator
Ich liefere Ihnen Licht und Kraft
Und ermögliche es Ihnen Sprache, Musik und Bild
Durch den Äther auszusenden und zu empfangen
Ich bin Ihr Diener und Ihr Herr zugleich
Deshalb hütet mich gut
Mich, den Genius der Energie
Als Kraftwerk diesen Text 1975 auf „Radioaktivität“ veröffentlicht haben, stand die Anti-Atomkraft-Bewegung noch ganz am Anfang. In diesem Jahr gab es die ersten großen Proteste gegen den Bau eines Atomkraftwerks. Es waren anfangs weder Studenten noch Linke (und schon gar nicht die „Grünen“, die es damals noch gar nicht gab), sondern Weinbauern vom Rheinufer, die befürchtet haben, die Böden ihrer Weinberge würden verseucht und die Qualität des Weins könnte sinken. Diese tapferen Winzer legten sich als erstes mit der Polizei und der Obrigkeit an. Ihnen schlossen sich dann die Jugend und die Regimekritiker an und machten den Widerstand gegen Atomkraft zu einer Massenbewegung. Im Februar 1975 wurde die Baustelle des geplanten Atomkraftwerks in Whyl von 28.000 Menschen besetzt und gegen massive Polizeikräfte gehalten. Der Bau galt als „politisch nicht durchsetzbar“, das Gelände ist heute ein Naturschutzgebiet. Von hier aus breitete sich der Protest aus: 1976, drei Jahre vor dem Reaktorunglück von Harrisburg (USA) und zehn Jahre vor dem GAU in Tschernobyl (damals: UdSSR, heute: Ukraine), kam es in Brokdorf zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerung und Polizei. 1981 demonstrierten 100.000 Menschen gegen den Bau des Kraftwerks, das im Tschernobyl-Jahr 1986 dennoch ans Netz ging. Die damalige Bürgerbewegung ging in den frühen achtziger Jahren in der Partei der „Grünen“ auf, die ab 1998 als Regierungspartei Deutschland wieder in internationale Kriegseinsätze geführt hat (Kosovo 1999, Afghanistan 2002 – beide Einsätze dauern bis heute an), den Spitzensteuersatz gesenkt und die Hartz-Gesetzgebung eingeführt hat.
We are standing here / Exposing ourselves / We are showroom dummies
We're being watched / and we feel our pulse / We are showroom dummies
We go into a club / And there we start to dance / We are showroom dummies
[Repeat to fade:] We are showroom dummies
(Kraftwerk: Showroom Dummies, 1977)
Klangprobe: “Neonlicht”. http://www.youtube.com/watch?v=hNNZz3zhnFM

Donnerstag, 15. Mai 2014

Überwachung 1981

Interpol und Deutsche Bank, FBI und Scotland Yard
Finanzamt und das BKA, haben unsere Daten da
Automat und Telespiel
Leiten heute die Zukunft ein
Computer für den Kleinbetrieb
Computer für das eigene Heim
Computerwelt
Denn Zeit ist Geld
Die meisten Sachen werden einfach nur alt und nutzlos. Sie sind dann eben verbraucht und das war es dann. Müll. Aber einige Sachen bekommen Patina. Sie werden Antiquitäten, sie reifen, sie werden wertvoller. Sie sind heute noch besser als sie es bei ihrer Schöpfung waren. Dazu gehört die visionäre Musik von Kraftwerk. Vor 33 Jahren waren sie schon klüger als das Werbemaskottchen von SPD und Vodafone mit dem roten Hahnenkamm, das uns in seinen erbärmlichen Predigten hilflos um Geld für eine angebliche „Netzpolitik“ anbettelt. Ein Politiker, der Bargeld dafür verlangt, politisch die Interessen seiner Wähler zu vertreten – alle Achtung! So dummdreist ist ja noch nicht mal sein Chef Käpt’n Schweinebacke aka Sigmar Gabriel. SPD und Vodafone … die einen sind als Regierungspartei unmittelbar verantwortlich für die Überwachung, die anderen liefern ihnen unsere Daten (und lassen mit Genehmigung des Berliner SPD-Bürgermeisters einen Teil der East Side Gallery für ihre O2-Wörld abreißen). Und solchen kompetenzfreien Rattenfängern wie Sascha „Internet-kaputt“ Lobo, die rhetorisch noch nicht einmal das Niveau amerikanischer Fernsehprediger erreichen, hört das iPhone-süchtige Jungvolk ergriffen zu. Ihr habt euch den Überwachungsstaat wirklich verdient. Aber leider gibt es bei dieser endlos pubertierenden Generation Leerzeichen (bitte einen Großbuchstaben, ein Konsumprodukt oder einen Kraftausdruck Ihrer Wahl einfügen) nichts, was einen Überwachungsstaat verdient hätte.
Kraftwerk: Computerwelt. http://www.youtube.com/watch?v=zWSkwvvfmco
Ich kann mich noch genau an diese Schallplatte erinnern. Ich war mit einem Freund auf einem Crackers-Konzert in der Schlossgartenhalle in Schweppenhausen. Die Eintrittskarten waren nummeriert und unter den Besuchern wurden Schallplatten verlost. M. stand vor mir in der Warteschlange an der Kasse und bekam die Karte mit der Losnummer für die Kraftwerk-Platte. Ich hatte die nächste Nummer und ging leer aus. Bis heute zieht er mich damit auf, wenn er die Platte auflegt. Hätte ich vor ihm in der Schlange gestanden und nicht umgekehrt, wäre ich stolzer Besitzer der Scheibe geworden. Natürlich habe ich sie inzwischen als CD, aber damals waren Schallplatten etwas Besonderes. Erstmal musste man das Geld haben bzw. auftreiben, dann ist man in die Stadt gefahren, hat die Platte in einem Fachgeschäft gekauft, sie wurde von einem Verkäufer eingepackt und in eine Tüte mit dem Logo vom Plattenladen gesteckt (allein mit so einer coolen Plastiktüte warst du der King, die hast du noch wochenlang benutzt und wenn es nur zum Transport von Katzenfutter war), man ist mit dem kostbaren und zerbrechlichen Tonträger nach Hause gefahren, hat die glänzende schwarze Scheibe mit leichtem Herzklopfen aufgelegt und zum ersten Mal angehört. Dieses Gefühl kann man gar nicht beschreiben. Meine ersten Schallplatten habe ich mit meiner Oma bei „Musik Alexander“ in Mainz gekauft. An- und Abreise per Zug, da ging ein halber Tag drauf und dann stehst du im Laden und darfst dir zwei Schallplatten aussuchen. Was für eine Aufregung, was für ein Stress … alter Finne – der erste Kuss nix dagegen! Es wurden dann die „Wish You Were Here“ von Pink Floyd und die „Highway to Hell“ von AC/DC. Heute ist Musik ein beliebiges Konsumprodukt im Internet geworden: Anklicken, Nörgeln, nächster Reiz.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Eiche rustikal

Letzte Woche habe ich die Deutschen durch den Kakao gezogen, gestern waren die Polen dran. Und jetzt kriegen natürlich die Frauen, Moslems und Behinderten ihr Fett weg. Das ist gerecht – und außerdem bin ich auch im Humorbereich allerschwerstens für die Frauenquote. Fangen wir mit den Moslems an: Ich vermisse Jimmy, unseren Dorfpakistani, der direkt über seiner Kneipe gewohnt hat und bechern konnte wie ein Russe. Manchmal kam er zur täglichen Eröffnung um 17 Uhr völlig verkatert im Schlafanzug die Treppe runter und der Tresen stand noch voller Gläser vom Vortag. Hier ging es in guten Nächten bis zum Sonnenaufgang – Berlin nix dagegen! Sperrstunde? Dann wurde die Tür eben abgeschlossen und es ging im kleinen Kreis weiter. Bis zum völligen Filmriss und Pupillenstillstand. Wenn irgendein Nazi aus dem Nachbardorf rumgepöbelt hat, weil Jimmy Moslem ist (obwohl Mr. Jimmy Beam vermutlich noch nie eine Moschee von innen gesehen hat), haben wir ihn immer lautstark verteidigt. Dorfehre kommt vor Religion.
Wirklich diskriminiert wirst du in Schweppenhausen nur, wenn du Bayern-Fan bist. In einer anderen, inzwischen ebenfalls geschlossenen Dorfkneipe, dem „Hinkelstall“, gab es einen höchst adipösen Wirt aus Nürnberg (nebenbei: Glückwunsch zum achten Bundesliga-Abstieg. Respekt!) namens Manni, der hat mal einen Kumpel von mir beim Eintreten ins Gasthaus mit den Worten begrüßt: “Na, du Bayernsau!“ Das ist FCK-Land. Selbst ich als Mainz-Fan muss vorsichtig sein, obwohl Rheinhessen von meinem Haus nur fünfhundert Meter entfernt beginnt. Bei Manni ging es immer ziemlich rustikal zu. Ich habe mal vom Tresen aus beobachtet, wie eine Maus in der Küche verschwand. Dann rannte eine Katze hinterher – und eine Minute später kam sie mit der Maus im Maul wieder raus. Das wäre ein Fall für Günter Wallraff gewesen. Der war im Nachbarort Stromberg tatsächlich mal undercover unterwegs. Danach konnte die Bäckerei dicht machen und einige Leute im Dorf brauchten einen neuen Job. Aber der Mann hatte seine Publicity. Der Prozess läuft angeblich noch in Bad Kreuznach.
Jimmy ließ sich leider nicht überreden, eine Al-Qaida-Ortsgruppe Schweppenhausen zu gründen. Ich wäre so gerne mit einem Dynamitstäbchen zwischen den Zähnen bei McDonald’s an der Autobahnauffahrt reinmarschiert (nur einen Kilometer vom Dorf entfernt), um ein Zeichen gegen US-Imperialismus und Kapitalismus zu setzen. Aber als Deutscher kriegst du wahrscheinlich nach deinem Tod keine 72 Jungfrauen im Paradies, sondern sitzt mit irgendwelchen ungewaschenen Wikingergöttern in Walhalla. Ach Jimmy, mit dir war es lustig. Jetzt jobbt er in irgendeiner Küche in Wiesbaden. Und ich war gestern mit einem Vegetarier (meine Toleranz gegenüber Andersdenkenden ist nicht in Worte zu fassen) in eben jenem McDonald‘s an der Autobahnraststätte Waldlaubersheim und habe mit gutem Appetit einen Big Tasty Bacon, einen McRib, Pommes und zum Abschluss einen Erdbeermuffin verdrückt. Auf dem Parkplatz gegenüber war früher mal der Hunsrücker Gummistiefelstrich, aber das ist eine andere Geschichte.
Und eine schöne Überleitung, denn jetzt komme ich zu den Frauen und Behinderten. Ich erzähle einen kurzen Witz, der für mich alle drei Kriterien hochwertigen Humors erfüllt: Er ist frauenfeindlich, ausländerfeindlich und behindertenfeindlich. Oder sagt man inzwischen politisch korrekt tussiphob und migrantenfeindlich? Egal. Danach wird sich meine weibliche Leserschaft ohnehin auf den harten Kern reduzieren (an dieser Stelle grüße ich Dagmar in Hamburg, Ina in Köln, Elif in Mainz und Annette in Kreuzberg), weil die deutsche Humorpolizei und alle PolitkommissarINNEN Blut und Galle spucken werden. Here we go: Wie nennt man eine Türkin mit einem Holzbein? Na? Naaa?! Aische rustikal. Der Hammer, oder? Mega-Börner. Schmeissde dich weg unn kannsde nichmehr. Morgen schreibe ich über Homosexuelle, Waldorf-Schüler und Kommunisten. Mein Management hat mir gesagt, auf dieser Sarrazin-Schiene gegen Tugendterror und die Political Correctness des Mainstreams könnte ich wesentlich mehr Geld verdienen. Bin mal gespannt …
P.S.: Musikalisch wie wettertechnisch ist „Rain in May“ von Max Werner angesagt. http://www.youtube.com/watch?v=rukGNCqOBgY

Dienstag, 13. Mai 2014

Ein Lob der kulturellen Vielfalt

Neulich stand ein Streifenwagen der Hunsrücker Mounties vor dem Haus, in dem früher die Familie Schröder gewohnt hat. Jetzt wohnen Polen hier und ich freue mich über die Bereicherung, die das Gemeinschaftsleben und vor allem der für mich als Geschichtenerzähler so eminent wichtige Anekdotenschatz des Dorfes durch den zahlreichen Zuzug aus Osteuropa erfahren. Von den gut achthundert Einwohnern Schweppenhausens sollen etwa fünfzig aus Polen stammen, angeheiratete Damen aus unserem sympathischen Nachbarland nicht eingerechnet. Neulich verließ ein Freund von mir morgens sein Haus, um mit dem Wagen zur Arbeit zu fahren. Da er sein Fahrzeug auf dem eigenen Grundstück hinter dem Haus geparkt hatte, war das Auto nicht abgeschlossen gewesen. Fehler! Auf dem Fahrersitz fand er einen offensichtlich angetrunkenen Polen, der beschlossen hatte, an diesem wetterfesten und bequemen Plätzchen seinen Rausch auszuschlafen. Nachdem er sanft aufgeweckt und zum Verlassen des Fahrzeugs aufgefordert worden war, stieg er auch brav aus und versuchte, durch die Hintertür ins Haus zu gelangen, um dort weiterzuschlafen. Auf diesen Fehler aufmerksam gemacht, wechselte er die Laufrichtung und torkelte schließlich über die Bachbrücke davon.
Vor zwei Jahren, als das alte Dorfgasthaus „Zur Pfalz“ noch unter pakistanischer Bewirtung geöffnet hatte, kam einmal ein ortsansässiger Mitbürger mit polnischem Migrationshintergrund an die Theke, setzte sich auf einen Barhocker und verlangte einen Wodka. Jimmy, der Wirt – inzwischen hat er auf der anderen Rheinseite ein neues Leben begonnen und Pachtschulden für sechs Monate hinterlassen – holte ein Schnapsgläschen und eine Flasche mit feinstem Kartoffelschnaps hervor, um den Wunsch des Gastes zu erfüllen. Dieser verneinte mit geschwenktem Zeigefinger und deutete auf ein Wasserglas auf dem Regal. Jimmy goss also ein 0,2-Liter-Glas voll Wodka und reichte es dem Gast, welcher es mit zurückgeworfenem Kopf in einem Zug leerte. Er knallte es auf den Tresen und deutete mit dem Zeigefinger und einem ergänzenden kurzen Nicken auf das Glas. Jimmy füllte es erneut, der Gast leerte auch dieses Glas wortlos. Es folgte eine kurze Pause. Stille. Schweigen. Dann kippte der Mann vom Barhocker und blieb bewusstlos liegen. Jimmy rief den Sohn des Polen an, der auch unverzüglich kam. Zusammen hoben sie den Betrunkenen in eine Schubkarre und der Sohn fuhr seinen Vater durch das Dorf nach Hause. Andere migrantische Teilpopulationen sind nicht einmal halb so lustig wie unsere polnischen Dorfbewohner.
P.S.: Leider werden die Polen auf dem deutschen Arbeitsmarkt eher stiefmütterlich behandelt. Einer von ihnen hat letzten Monat seine Stelle als Lagerarbeiter bei einer großen Supermarktkette verloren, weil er zwei Äpfel gegessen hat. Fristlose Kündigung wegen Obst, das in der Lagerkantine vierzig Cent gekostet hätte (und den Konzern im Einkauf vielleicht zehn Cent) – wäre das einem Deutschen passiert, wäre dieser Fall wegen „sozialer Ungerechtigkeit“ oder sowas in der Richtung sicher ganz groß in die Medien gekommen.
P.P.S.: In Erinnerung an einen wunderbaren Abend in der Dorfkneipe, den ich mit ein paar schottischen Bauarbeitern verbracht habe, obwohl ihr Dialekt und mein Oxford-Englisch von verschiedenen Planeten zu stammen schienen, spielen The Cure: „Just Like Heaven“. http://www.youtube.com/watch?v=RS_ux2H473I

Montag, 12. Mai 2014

Grandpa Simpson über Politik

Ich war auch mal jung. Das muss so in den Achtzigern gewesen sein. Im vergangenen Jahrhundert. Ich habe an drei Universitäten in drei Bundesländern studiert (Mainz, Heidelberg, FU Berlin), aber eins war überall gleich: Die dümmsten Rübenschweine auf dem Campus waren die Sportstudenten und die BWLer. Okay, die Sportstudenten haben an ihrem Body gearbeitet, da muss man nicht viel im Kopf haben. Geschenkt. Aber die BWLer? Wir haben sie verachtet. Selbst die VWLer haben auf sie hinabgeblickt. Die Omegatierchen auf jeder Party. Haben nur an ihre Karriere gedacht und sich an keiner Demo oder Aktion beteiligt. Und heute? Sitzen genau diese Rübenschweine in der Wirtschaft auf den Chefposten und bestimmen das Schicksal der Welt. Mich würde mal interessieren, ob sich daran in der nächsten Studentengeneration was geändert hat. Aber ich kenne keine Studenten, nur Professoren. Und die erzählen mir, dass selbst die BWLer noch dümmer sind als zu ihrer eigenen Zeit als Student.
Aber ich will nicht lästern, denn auch wir haben versagt, wenn es darum geht, die Welt zu verändern und das Leben zu verbessern. Wir haben bei jeder Unterschriftenaktion von Greenpeace, Amnesty International oder irgendwelcher langhaarigen Öko-Heinis brav unterschrieben und unsere Adresse angegeben. Wir haben uns nächtelang die Köpfe heiß diskutiert, wie wir es denen „da oben“ zeigen werden und überhaupt, Mann! Manche von uns haben die Wände mit Graffiti verziert. Mein alter Kumpel P. hat „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Wiederstand zur Pflicht“ in riesigen Buchstaben an die Schulhofwand unseres Gymnasiums in Ingelheim gepinselt. Widerstand mit „ie“, doch, doch. Die Täter wurden deswegen in der benachbarten Realschule vermutet. Mein alter Kumpel I. hat „Fritz-Teufel-Schule“ über den Eingang geschrieben, weil der frühere Berliner Kommunarde und spätere Terrorist in Ingelheim geboren wurde. Zu meiner Zeit gab es in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn eine Riesen-Demo mit einer halben Million Menschen für den Frieden und gegen die NATO-Aufrüstung (bundesweit waren es 1,3 Millionen). Um ein Haar wäre ich sogar mitgefahren, aber im Auto war kein Platz mehr. Ich war nie auf einer Demo, bis heute nicht.
Was macht die junge Generation heute? Im Internet wird eine politische Position, die man gut findet, per Mausklick „geliket“. Man nimmt online an einer Petition teil, so wie wir früher Unterschriftensammlungen gemacht haben. Was passiert mit den vielen Unterschriften und Petitionen eigentlich? Sie werden zu Altpapier und Datenmüll. Politiker nehmen sie nicht wahr, denn sie haben keinen Einfluss auf die Politik. Petitionen sind Bittgesuche, die Teilnehmer Bittsteller. Und die Bitten werden vom Fürsten eben abgelehnt. Ein höfliches Nicken. „Danke für Ihre Meinungsäußerung“. Und dann fliegt das Zeug in den Abfalleimer. Und die Konzerne und ihr Management nicken noch nicht einmal höflich. Sie nehmen die Unterschriften und Petitionen im Regelfall auch nicht entgegen. Wozu auch? Zeitverschwendung – und Zeit ist bekanntlich Geld. Genauso ist es mit Demonstrationen und Protestcamps. Ich habe es ja bei meinen Spaziergängen durch Berlin oft genug gesehen. Da latschen ein paar hundert oder tausend Studenten durch die Innenstadt, in der einen Hand die Bierflasche und in der anderen das Smartphone, und nach einer Stunde geht’s in die Szenekneipe, wo man sich selbst auf die Schulter klopft und berichtet, man hätte es diesem Scheißstaat und seinen Drecksbullen mal gezeigt, man hätte was gegen Gewalt und Unterdrückung, wahlweise für Frauen und Tiere gemacht, ein Zeichen gesetzt usw. Gar nichts hat man gemacht. Nichts erreicht. So wenig wie die 1.300.000 meiner Generation 1983 in Bonn, Hamburg, Berlin und anderswo. War jemand mal bei Blockupy vor einem Jahr? Ich habe das Frankfurter Camp gesehen. Das war einfach eine Party mit Gitarre und Bierkasten, mehr nicht. Und dann auch noch vor der falschen Bank, vor der EZB, anstatt vor die Deutsche Bank oder zu Goldman Sachs zu gehen. In den Türmen der Finanzindustrie hat man jedenfalls sehr lachen müssen, wie mir ein Frankfurter Journalist erzählt hat. Wahrscheinlich haben im Protest-Camp die BWL-Studenten gefehlt, die hätten das gewusst. Aber die Chefs von morgen waren offenbar anderweitig beschäftigt.
P.S.: Ich höre schon das Gegenargument: „Die Montagsdemonstrationen 1989 haben aber was gebracht. Die Leute haben gemeinsam das Honecker-Regime beendet und sich ihre Rechte erkämpft“. Aber: Erstens fanden diese Demonstrationen nicht in der Bundesrepublik und nicht im Kapitalismus statt, zweitens waren Bundesrepublik und Kapitalismus das Ergebnis dieser Demonstrationen. Spitzenmäßig gelaufen, liebe Ex-DDR-Bürger … Und wenn jetzt wieder Montagsdemonstrationen veranstaltet werden, sollten sie dort stattfinden, wo die Richtlinien der deutschen Politik bestimmt werden: Vor dem Weißen Haus in Washington. Wenn die höchsten deutschen Staatsämter, Bundeskanzler und Bundespräsident, wirklich wichtig wären, hätte man sie wohl kaum mit einer Frau und einem Pfarrer aus dem Osten besetzt, oder? In den Vorstandsetagen der Konzerne sind die Westmänner jedenfalls noch unter sich …(Kleine Info: Die geplante Frauenquote gilt nicht für den Vorstand der Unternehmen, also im eigentlichen Management, sondern nur für den zahnlosen Aufsichtsrat, der sich alle mal Jubeljahre trifft und wo auch das ganze andere Mitbestimmungslametta mit Arbeitnehmervertretern, Betriebsräten usw. untergebracht ist – Frauenverarsche vom allerfeinsten, Glasperlen für das ahnungslose Volk)
P.P.S.: Ich höre schon die Frage: „Grandpa Simspon, was sollen wir denn jetzt machen?“ Das habe ich in meiner Jugend auch mal einen Soziologieprofessor in Heidelberg gefragt, als ich mich ein Semester lang durch die Habermas’sche „Theorie des kommunikativen Handelns“ gearbeitet habe (tausend Seiten Steine fressen, alter Finne!). Er hat mir die Alternative zu einem angepassten Leben in zwei Worten erklärt: „selbstbestimmte Verelendung“. Das kann man machen. Ich lebe als Schriftsteller so. Ich habe zum Beispiel kein Auto. Aber nicht, weil das politisch und ökologisch korrekt wäre, sondern weil ich kein Geld für ein Auto und seinen Unterhalt besitze. Ich habe, um ein weiteres Beispiel zu nennen, nur zwei Hosen. Eine habe ich an, eine liegt im Wäschekorb oder hängt im Schrank. Ich könnte aus diesem Umstand eine Philosophie machen, aber es ist letztlich ganz einfach. Selbstbestimmte Verelendung. Armut ist im Kapitalismus der Preis der Freiheit. Oder man heiratet eine reiche Frau. Oder man gewinnt im Lotto. Oder man überfällt eine Bank. Oder …
P.P.P.S: Joy Division spielen für Grandpa Simspon „Love will tear us apart“. http://www.youtube.com/watch?v=GL9rSAz_oc4

Sonntag, 11. Mai 2014

Im Fernsehen scheint immer die Sonne

Es war eine große Gnade, morgens nicht aufstehen zu müssen. Unter warmen Decken verborgen lauschte er den Geräuschen der Straße und des Hauses: die Müllabfuhr, Autohupen oder das Klappern des alten Aufzugs im Hausflur. Er lugte aus seinem Kissenberg heraus, Licht drang durch den Spalt der Tür und zeichnete erste vage Konturen. Der Kleiderhaufen neben seinem Bett ein Vorgebirge, das in die schroffe Silhouette der Zeitschriftenstapel überging, in der Ferne lockte das majestätische Panorama seines Schreibtisches, wenn er nur die Tür öffnete. Er schloss die Augen und döste ein wenig weiter. Letztlich war die Faulheit die einzige Philosophie, die im Angesicht der Weltkatastrophe und der allgemeinen Beschleunigung des Lebens ihren praktischen Wert bewies. Einem unschuldig Schlafenden, einem bewusst Untätigen fiel die geringste Schuld zu. Untätig erinnerte ihn an untot, die untätigen Untoten, die untoten Untätigen – aber was waren dann die anderen: die Lebenden oder die Toten? Und gab es ein Leben nach dem Tod und wie würde das Reich der Toten wohl aussehen? Wie Hannover? Und würde es dort etwas Anständiges zu trinken geben?
Wenn er sich kurz nach dem Erwachen die erste Pfeife anzündete, gefüllt mit wundersamen Heilkräutern, die von mexikanischen Mönchen hinter dicken Klostermauern angebaut wurden, spürte er den Feuerstein seines Feuerzeugs stärker, seine Fingerspitzen waren viel empfindlicher. Abends waren die Hände dagegen abgestumpft. Es gab also eine Form der Untätigkeit, die ihn nicht abstumpfte, sondern sensibel machte, die die Sinne schärfte und die Aufmerksamkeit zu erhöhen vermochte. Aber warum machte er sich solche Gedanken? Was wollte er begreifen und wozu? Große philosophische Fragen: Wer hat den Käse zum Bahnhof gerollt? Da draußen war eine Welt, in der sich diejenigen, die gerade Lust auf Gewalt hatten oder glaubten, einen bestimmten Grund für Gewalt zu haben, mit den augenblicklich Friedfertigen die Waage hielten; und es war ein Wunder, das dieses Gleichgewicht stand hielt. Aber war die Welt darum schlecht? Vielleicht hat die ganze Entwicklung der Menschheit auch gar keine Richtung und wir deuten nur eine Menge von Wichtigkeiten in den aleatorisch mäandernden Ablauf hinein? Vielleicht ist das Leben einfach nur banal, was – zugegebenermaßen – schwer zu ertragen wäre? Immerzu gibt es gute und schlechte Taten, gute und schlechte Menschen, und ein Jahr folgt dem anderen. Vielleicht ist die Erde nur eine Kugel, die durchs Weltall rauscht und auf deren Oberfläche ein Schimmel wächst, der von einem Bakterienstamm aus lauter Wichtigtuern und Besserwissern bevölkert wird?
Er hätte loslaufen wollen, zur Haustür hinaus, durch Straßen, über Plätze, auf die wieder Straßen folgten, stundenlang, bis ans Ende der Stadt, auf ein weites Feld, das sind hinter den letzten Häusern auftat. Hier wollte er ein Weilchen ausruhen und auf die ferne Stadt schauen, selbst wenn ein solcher Blick dieser Stadt nichts abtrotzen konnte, nichts wirklich aufschloss. Aber der Sommer war vorbei und der Morgen schon kalt. Und so blieb er träumend im Bett liegen. Ewig hätte er so liegen können, aber die Aussicht auf ein Jägerschnitzel mit Pommes frites, einzunehmen im Gasthaus „Ambrosius“, lockte ihn mit imaginären Gerüchen und Geschmäcken. Jägerschnitzel ... – allein das Wort öffnete schon eine Tür in die Vergangenheit. In den siebziger Jahren stellte das auswärtige Essen von panierten Schweineschnitzeln den Höhepunkt gesellschaftlichen Lebens dar. Am öffentlich gegessenen Schnitzel hatte er jeden Sonntag von seinen Eltern die Tischmanieren beigebracht bekommen, die man später als erwachsener Schnitzelesser, vor allem in Gegenwart anderer, vorzugsweise in sogenannten Gasthäusern mit gutbürgerlicher Küche, beherrschen musste.
Der Schweineschnitzelesser löste entwicklungsgeschichtlich den Konsumenten von Schweinehaxen bzw. Eisbein ab. Später folgte auf das Schweineschnitzel in der Genealogie kulinarischer Rituale der Bundesrepublik das Rumpsteak. Damit korrespondiert die Evolution der Beilagen, vom Knödel und der Salzkartoffel ging es zu Pommes frites und Kroketten, die später vielfältig variiert wurden (z.B. „Country Potatoes“). Der obligatorische Salatteller retardierte und diffundierte über ein wenig Grünzeug am Tellerrand zum fakultativen Angebot der Speisekarte – zu Recht, wie er meinte. Wesentlich waren natürlich die unterschiedlichen Phänotypen des Schweineschnitzels. Die vornehmste, edelste Variante war das Jägerschnitzel, d.h. mit brauner Soße und Dosenchampignons. Es folgte das Zigeunerschnitzel, d.h. mit roter Soße und Dosenpaprika. Zu erwähnen sind noch andere Variationen: das Rahmschnitzel, das Schnitzel Wiener Art (ohne Soße und mit einem Zitronenachtel), das Schweizer Schnitzel (mit Käse) und natürlich das Cordon Bleu (Schweineschnitzel mit Schinken und Käse im Innern). In seiner Spätphase hatte das Essen von Schweineschnitzeln seinen dekadenten Höhepunkt bzw. den Wendepunkt in Richtung Niedergang erreicht. Viele Lokale boten sogenannte „Elefantenohren“ an, Riesenschnitzel also, welche die Gier nach überdimensionierten, flachgeklopften und panierten Fleischfetzen befriedigen sollten. Inzwischen ist das Schnitzel fast zum Paria der Speisekarte verkommen, andere Gerichte – vor allem „internationale Küche“ – sind längst beliebter. Es ist auf das Niveau der Würstchenbuden (hier wird das Schnitzel einfach in die Friteuse geworfen) und der Imbissständchen („Schnitzelbrötchen“) abgerutscht. Es ist im Laufe der Zeit einfach untergegangen, hat seinen Zauber verloren, wie so vieles.
Das Bett war ihm inzwischen, da der Herbst sich von seiner unangenehmen Seite zeigte, der liebste Ort geworden. Viele andere Möbel hätte er getrost entbehren können. Wozu besaß er drei Stühle? Und was hätte er an seinem überfüllten Schreibtisch arbeiten sollen? Selbst die Regalwand war überflüssig, Fernseher und Stereoanlage konnte er auf den Boden stellen, die Bücher an den Wänden stapeln oder gleich zum Altpapier werfen. Dazu all der Mist aus diesem merkwürdigen Zwischenreich des Eigentums: Man hat es zwar nicht weggeschmissen, aber man findet es auch nicht mehr; es ist hier irgendwo, doch mehr du weißt nicht. Nur die Kleidertruhe hätte er nicht missen wollen, dazu Kühlschrank und Waschmaschine in der Küche (obwohl sie ja strenggenommen keine Möbel waren, sondern nur ebenso sperrige Gegenstände). Wenn man es sich recht überlegt, ist doch jede Stunde, die man gefaulenzt hat, auf das Sinnvollste verwendet worden. All die Zeitschätze, die er dem Imperium der Vernunft vorenthalten und freudig verschwendet hatte. Keine Minute mochte er missen, die er auf dem Bett liegend oder aus dem Fenster starrend in den Augen anderer vergeudete. All die Traumfetzen der zahllosen Nickerchen, all die zufriedenen Grunzer der Behaglichkeit nach einem guten Essen, all das gedankenverlorene Dösen vor dem Fernseher, all die gemütlichen Zeiten der Müdigkeit und der Melancholie. Der süße Zauber vollkommener Untätigkeit ...
(Schlusskapitel von "Im Fernsehen scheint immer die Sonne", der letzten von fünf Erzählungen in „Die singende Fleischwurst“ von Rondo Delaforce)
Musik: Ultravox. “Reap the wild wind”. http://www.youtube.com/watch?v=xedDbfwGqMA

Samstag, 10. Mai 2014

Drei unappetitliche Geschichten

Als vor einiger Zeit – vor allem in den Medien - die Vogelgrippe grassierte, hat ein Freund im Supermarkt an der Kasse herzhaft geniest und dann ganz laut zu mir gesagt: “Seit ich aus Hongkong zurück bin, geht’s mir total beschissen.” Die Blicke in der Schlange waren waffenscheinpflichtig.
Bei uns im Dorf gab es mal einen Mann, der bei der Fremdenlegion gewesen ist. Als Koch. Er hat jedoch so schlecht gekocht, dass er ständig von seinen Kameraden Prügel bezogen hat und wieder in unser Dorf zurückgekehrt ist. Gelernt hatte er den Beruf in der „Fressbude“, dem übelsten Lokal der Altstadt von Bad Kreuznach. Ich habe ein Jahr in der Nähe am Eiermarkt gelebt. Alles an dem Laden war fettig: Die Tische, die Stühle, das Haar des Wirts und natürlich das Essen. Man hat so nach Fett gestunken, wenn man dieses Lokal verlassen hat, dass man zu Hause sämtliche Klamotten waschen und selbst unter die Dusche musste. Aber ich wollte etwas ganz anderes erzählen. Von seinen vielen Anekdoten ist folgende die schönste: Er habe einmal nachts bei strömendem Regen eine Frau auf der Kühlerhaube seines Wagens geknallt, während seine Frau den Regenschirm über ihn gehalten habe. Auf meine fassungslose Frage, warum seine Frau das getan hätte, antwortete er trocken: „Damit ich nicht nass werde.“ Leider hat er sich vor einigen Jahren die Waffe eines alten SS-Manns aus seiner Nachbarschaft geliehen und sich erschossen.
Als ich noch ein junger Mann war, traf ich mich eines Abends in meiner alten Heimatstadt Ingelheim mit einigen Freunden in einem griechischen Lokal. Nach einem opulenten Mahl artete der Abend alsbald in ein wüstes Zechgelage aus. In unserem jugendlichen Übermut versuchten wir, uns gegenseitig im Verzehr alkoholischer Getränke zu überbieten. Ich schlug einem der Anwesenden ein kurzweiliges Trinkspiel vor: H. solle innerhalb von zehn Minuten zehn Ouzo trinken, dann würde ich seine gesamte Rechnung übernehmen. Er stimmte freudig erregt zu, zehn Ouzo wurden bestellt und in einer Reihe aufgestellt, derweil die anderen Freunde eifrig Wetten abschlossen, da sie sein Talent für Katastrophen aller Art (Frauen, Autos, Klassenarbeiten) zur Genüge kannten. Nach dem neunten Schnaps wurde es uns jedoch langsam unbehaglich. Noch ganze zwei Minuten und H.s zitternde Hand griff bereits bedrohlich zielsicher nach dem letzten Glas. Da kam mir die rettende Idee: Ich stellte dem selbsternannten Mathematikgenie H. eine schwierige Rechenaufgabe. Er warf unwillig den Kopf zurück und begann, Zahlen vor sich hin zu murmeln. Böse mit den Augen rollend dachte er eine Zeitlang nach. Dann senkte sich sein Kopf ganz langsam wieder in Richtung Tisch – und er erbrach sich über das gesamte Arrangement aus Geschirr und Gläsern. Der Wirt eilte herbei, sah das Fiasko und lief lauthals lamentierend in die Küche, um Hilfe zu holen. H. erhob sich, in seiner Besinnungslosigkeit beinahe majestätisch, von seinem Platz und torkelte zu den Toiletten, wo er sich, späteren Berichten zu Folge, noch einmal auf dem Fußboden übergab und daraufhin in eine handgreifliche Auseinandersetzung mit einem gerade urinierenden Gast geriet. Zwei Küchenmägde hatten inzwischen die vier Zipfel der Tischdecke gepackt und aus dem ganzen Durcheinander ein tragbares Bündel gemacht. H. kam zurück an den Tisch und verlangte energisch das Öffnen des Bündels, da sich zum Zeitpunkt des Unglücks seine Brille und seine Brieftasche auf dem Tisch befunden hätten. Als die Frauen das Tuch wieder auseinander falteten, wurde es einer von ihnen schlecht und sie erbrach sich – so unbewusst den Höhepunkt des Abends bildend – in das Chaos. Am Tag darauf trafen wir uns beim Italiener.
Ein musikalischer Dank von Alanis Morissette an alle Beteiligten: „Thank You“. http://www.youtube.com/watch?v=OOgpT5rEKIU

Freitag, 9. Mai 2014

Ein rheinhessischer Abend

Seht den Trinker an der Theke/Er braut nicht, er keltert nicht/Und der Herrgott macht ihn doch besoffen.
An einem düsteren Winterabend des Jahres 1988 saß K. in seinem Sessel und dachte über die Gestaltung der nächsten Stunden nach. Sein Fenster zeigte ihm einen glimmenden Horizont, unter dem sich schwarze Eisenbahnschienen endlos streckten. Es lockte das Gasthaus, ein Ort der Ausschweifungen und Vergnügungen, wo das Volk sich traf und wo Hitze und Lärm den Durst zur Gnade werden ließen. Es drohten andererseits jedoch unerwartete Gespräche, ungewohnte Musik und die ungeklärte Frage der Finanzierung. Nachdem er sich aus den Beständen im Kühlschrank einen oralen Motivationsimpuls verschafft hatte, nahm er die Wagenschlüssel vom Tisch und ging zu seinem Alfa Romeo.
Einige Zeit später blickte er aus dem Wagenfenster nachdenklich in das hell erleuchtete Etablissement am Bahnhof. Es war voller Menschen, fröhlicher Lärm drang zu ihm hinaus. Zu spät – das Geschehen hatte ihn bereits magisch in seinen Bann gezogen. Er stellte den Wagen ab und betrat das Gasthaus. Mächtig erschollen die Stimmen, ein Rauschen umfing ihn, die Worte der Einzelnen verloren sich im schwermütigen Chor der Verdammten. Die Luft war rauchgeschwängert, die Tische waren voller Gläser und Krüge, man zog K. an einen Tisch. Am anderen Ende saßen geheimnisvolle Kartenspieler und neben ihm ein Hesse-besessener blonder Nachwuchsalkoholiker namens B., der in ein Glas Weizenbier starrte. Nun spürte auch K. ein hartnäckiges Kratzen in der Kehle, dem er auch nach einem trockenen Schlucken widerstandslos nachgab. Bald hatte er einen Rotwein mit Cola, in diesen Kreisen auch einfach „Schoppen“ genannt, vor sich stehen, ein höchst bemerkenswertes Getränk, dessen beständiger Gebrauch in jene Sphären der Erleuchtung führte, denen man Beinamen wie „Schoppengesicht“ oder „Trinkmaschine“ verdankte.
B. begann, offensichtlich schon länger anwesend, mir von seinem aktuellen Erkenntnisstand zu berichten: “Die Dinge werden in jenem Augenblick geboren, in dem ich sie in meinen Händen halte.“ Der Satz erhielt seine komische Fallhöhe durch die erklärende Armbewegung von B., mit der er in einem eleganten parabolischen Schwung sein Bierglas umriss, das seinen gesamten Inhalt als gelbliche Flutwelle in K.s Richtung ergoss. K. sah die ganze Szene wie in Zeitlupe: sein entsetztes Zurückrutschen, sein gleichzeitiges Aufspringen und das Auseinanderreißen der Beine. Dazu lief AC/DC.
Jene Tage erhielten ihren Ereignisreichtum durch das permanente Auftreten von M., einem notorisch lustlosen Menschen aus einem weit entfernten Dorf. Auch an diesem Abend glänzte er durch sein plötzliches Erscheinen. Missmutig an der Nase kratzend setzte er sich an den Tisch und begann, nach Abtausch der üblichen Eingangsfloskeln, die noch zu klärende Frage einer eventuellen Getränkebestellung in aller Länge und Breite zu erörtern. Alsbald wurde eine dralle Studentin der Sozialpädagogik namens Susi hinzugezogen, die allerdings erst einmal ermahnende Worte zu B.s Desaster äußerte. M. konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und winkte kollegial zu B. hinüber.
M. begann seine Geschichte. Immer wieder von B.s grunzenden Einwürfen, den inhaltlichen Wert des Gesagten in philosophischer Hinsicht betreffend, unterbrochen und gestört, entspann er das Geflecht einer zarten Liebesgeschichte, in der er, so entnahm ich seinen Worten, eine bisher nicht unkomische, jedoch grundsätzlich tragische Rolle spielte. Er hatte die T. anlässlich eines mittwochabendlichen Volleyballtrainings in der Dorfturnhalle kennengelernt und vertiefte nun diese Bekanntschaft bei den anschließenden Umtrünken der Sportlerinnen im Gasthaus „Zur Pfalz“. Ihr Verhalten ihm gegenüber war durchaus aufgeschlossen, nahm aber nach einem für M. typischen Fauxpas merklich kühlere Züge an. M. war zu einem Training, das gewöhnlich gegen zwanzig Uhr begann, völlig betrunken erschienen, hatte Unverständliches geschrien, eine Weile mitgespielt und war dabei mehrmals kläglich auf dem Parkettboden gelandet. Danach war er ins Gasthaus „Zur Pfalz“ gewankt und lag bei Ankunft der Volleyballerinnen bereits halb schlafend über dem Tresen. X., der Dorfschwule, saß neben ihm auf einem Barhocker und redete unaufhörlich auf ihn ein. M. brummte gelegentlich und schien verstört, vor allem nachdem ihn X. auf das rechte Ohr geküsst hatte. T. saß am Tisch und beobachtete die Szene mit misstrauischen Blicken, später mit Gelächter. Am folgenden Mittwoch musste M. wegen diverser Wirtshaus- und Spielschulden zu Hause bleiben, doch „gestern“, wie M. drohend hervorhob, hatte er mit ihr ein längeres Gespräch vor der Umkleidekabine. Es ging vornehmlich um Belangloses, doch glaubte er einen verspielten, ja zärtlichen Unterton aus ihren Monologen über Mode und Musik herausgehört zu haben. Er hatte sich fast ein Herz gefasst und wollte sie gerade um einen gemeinsamen Abend bitten, da trat eine Mitspielerin dazwischen und zog die T. mit einigen Scherzworten, auch M. betreffend, in die Damenkabine. Nun war M. unschlüssig, was im Weiteren zu tun sei.
Bedächtig trank K. sein Glas aus und versuchte, M. durch Anbieten einer Zigarette innere Stärke und Selbstvertrauen zurückzugeben. Dieser nahm an, rauchte langsam und starrte kopfschüttelnd in den Aschenbecher. Bevor B. mit einem philosophischen Exkurs dazwischen fahren konnte, sagte K.: „Bedenket eines, werter Herr! Noch ist nichts verloren. Euer Minnefräulein, jenes holde Mägdelein aus S., liebt wohl das feine Spiel der Worte. Angelegentlich eines jener ominösen Mittwochabende solltet Ihr in der Runde mutig das Wort ergreifen und durch kluge Rede ihr Wohlwollen erlangen.“ M. schwieg und hob der Kellnerin mit einem vorwurfsvollen Blick sein leeres Glas entgegen. Wenig später saß er alleine vor einem Geldspielautomaten und war von den rotierenden Scheiben wie betäubt.
Am Ende des Abends standen K. und M. auf einem Turm hoch über der Stadt. Sie rauchten gemeinsam eine selbstgedrehte Zigarette mit unbekanntem Inhalt. „Was soll ich denn jetzt machen?“ fragte M. „Glaubst du, mir ginge es besser?“ antwortete K. Sie blickten hinunter und schätzten die Höhe des Turms sowie die voraussichtliche Fallgeschwindigkeit. Ein gleichzeitiges Aufseufzen, dann fuhren sie zurück in die Stadt. So ging es in jenen Tagen in den rheinhessischen Gasthäusern zu.
P.S.: In Erinnerung an die vielen schönen Abende im „Pony Express“, der Mutter aller Gasthäuser. Musik: „Good Times“ von Chic. http://www.youtube.com/watch?v=8g6bUe5MDRo

Donnerstag, 8. Mai 2014

Al-Qaida Hochhaus Bombe - AL-QAIDA HOCHHAUS BOMBE !!!

Dies ist eine Botschaft an die amerikanischen Ungläubigen: Obama muss sterben!
Warum schreibe ich das? Weil ich keine Angst habe. Natürlich bin ich kein Anhänger von Gewalt – und dazu muss man nicht erst meine Gandhi-Biographie gelesen haben. Aber ich bin ein großer Freund von zivilem Ungehorsam. Wieso haben wir plötzlich alle Angst vor Überwachung? Den Überwachungsstaat gab es schon vor unserer Geburt. Wieso haben wir Angst vor dem Staat? Vor allem: Warum haben wir Angst vor der NSA und anderen Geheimdiensten? Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass in einer Stunde ein paar Witzblattfiguren mit dunklen Sonnenbrillen und amerikanischem Akzent vor meinem Haus in Schweppenhausen auftauchen, weil ich hier „Al-Qaida Hochhaus Bombe“ schreibe? Oder unsere deutschen Rohrkrepierer vom Verfassungsschutz? Wenn wir alle diese Stichwörter in unseren Telefonaten, Mails und Blogs unterbringen, kann keiner von uns Ärger kriegen – weil die Karo-Luschen vom Geheimdienst gar nicht auf massenhaften Widerstand eingestellt sind. Steht alle auf! Zeigt euer Gesicht! Sagt euren Namen! AL-QAIDA HOCHHAUS BOMBE !!! Küss mich, Putin! Teheran und Pjöngjang – ich komme!
Das habe ich nicht nur von Gandhi, sondern von einer Ingelheimer Freundin gelernt, die in Istanbul geboren wurde und als Journalistin arbeitet. Und von einem alten Freund, der mehr zu verlieren hat, als viele meiner Leser: eine Professur, den Beamtenstatus, seine Kolumne in einer großen deutschen Tageszeitung und diverse Buchpreise. Sie machen es genauso: Am Telefon oder in Mails streuen wir „verbotene“ Wörter ein, um den Arschmaden, die mithören, mitschreiben usw., klarzumachen: Ihr könnt uns mal! Ihr macht uns keine Angst! Wir bezahlen diesen Staat mit unseren Steuern, wir sind die Herren, nicht die Knechte! Bück dich, Angela, wenn ich dir meinen Steuergroschen vor die Füße werfe! Sehr sympathisch finde ich das Wahlversprechen der PARTEI: Wenn sie gewählt werden, stellen sie die hundert reichsten Deutschen an die Wand und lassen sie erschießen. Wohl gesprochen! Wo bleiben die pro-demokratischen Separatisten, die Rathäuser besetzen und Ursula von der Leyen als Geisel nehmen?
P.S.: Musikalisch passt eigentlich nur „Anarchy In The UK“ von den Sex Pistols. http://www.youtube.com/watch?v=pOe9PJrbo0s

Die deutsche Stahlbiene

Die Frau eines pfälzischen Freundes erzählte einmal beim Abendessen von ihren Forschungsprojekten aus dem Bereich Organisationspsychologie. Diese Projekte waren überwiegend mit EU-Geldern gefördert, so dass es also internationaler Kooperationspartner bedurfte, um an die Kohle aus Brüssel zu kommen – so waren und sind die Voraussetzungen einer Förderung. Das bedeutete nicht nur, viele schöne Dienstreisen ins Ausland machen zu dürfen, sondern auch, mit Iren und Letten, Finnen und „-Innen“ an einem Tisch zu sitzen. Die Griechen, so erzählte sie lächelnd, hätten sich bei diesen Projekttreffen grundsätzlich geweigert, nachmittags zu arbeiten. Vormittags Besprechungen, dann ein gutes Essen und anschließend Freizeit. So waren es die Griechen seit uralter Zeit gewohnt. Sie fand das anfangs doof, gewöhnte sich aber wie der Rest der Gruppe an diese Form des Arbeitens und fand es bald darauf sogar sehr sympathisch. So blieb Zeit, sich im Gastland umzusehen oder als Gastgeberin anderen Kollegen die eigene Heimat zu präsentieren.
Deutsche sind immer so korrekt, so ernst und erfolgsorientiert. Immer mit Bienenfleiß bei der Sache. Noch schlimmer als US-Amerikaner. Kurze Mittagspause, kleiner Snack, ein Schluck Wasser und dann gleich weitermachen – wenn die Spanier ihre Siesta einklagen möchten. Heute etwas erledigen, damit man es morgen nicht mehr machen muss. Aber am nächsten Tag wird bei den Deutschen ja nicht weniger gearbeitet. Und das hört nie auf. Es ist nicht nur die Besserwisserei und Korinthenkackerei, die uns Deutsche unbeliebt macht, und es ist auch nicht unsere Nazi-Vergangenheit, sondern in erster Linie unser verdammter Fleiß. Der typische Deutsche ist mit seinem Beruf verheiratet, die Arbeit ist sein Familienersatz.
Die echten Bienen sind übrigens weniger fleißig als ihre stählernen Artgenossen aus der Bundesrepublik. Sie sind nur sechs Stunden am Tag unterwegs. Und ihre Tätigkeit würde ich auch nicht als „Arbeit“ bezeichnen. Sie fliegen von Blume zu Blume und trinken Nektar. Das ist, als gingen wir von Kneipe zu Kneipe und tränken überall ein Bier. Das hat nichts mit Ausbeutung oder Entfremdung zu tun. Außerdem sind die Bienen in den letzten Millionen Jahren ohne McKinsey und Konsorten ausgekommen – und ohne Burn-Out-Syndrom. Wir sollten von den Bienen lernen. Von den Griechen. Von den Katzen. Von Bäumen und Steinen. Sie schenken uns, was wir uns selbst nicht mehr geben können: Ruhe und Gelassenheit.
P.S.: Ich erinnere mich noch gut an ein dreitägiges Treffen kluger Köpfe in der Normandie: Cerisy-la-Salle. Im Foyer hingen die Porträts der vielen illustren Gäste dieses Hauses, die klüger sind, als ich es je sein werde, Sartre zum Beispiel. Keines dieser verkehrsgünstig gelegenen, seelenlosen Tagungshotels, sondern ein zauberhaftes Schlösschen mit einem weitläufigen Park, kilometerweit entfernt von jeder Zivilisation. Thema war die Beschleunigung der Moderne und der Entwurf einer Gegenwelt. Mein Vortrag war kurz, die Diskussion lang. Tempi passati. Es ist seit 1996 eine Generation herangewachsen, die wie für die Beschleunigung gezüchtet erscheint. Die Mittagessen waren mehrgängig, opulent und selbstverständlich wurde zu jedem Gang ein guter Wein eingeschenkt. Nach den angenehmen Tischgesprächen und dem obligatorischen Käse nahmen sich die Gäste viel Zeit für gemeinsame Spaziergänge im Park oder ein ausgedehntes Nickerchen. Und trotzdem war der Gewinn an Erkenntnis und Kontakten höher als bei den zahllosen deutschen Veranstaltungen mit ihrem Vortragsmarathon und den abgewürgten Diskussionen (der Zeitplan!), die ich erleben musste, denn in Frankreich haben wir abends noch am Kamin gesessen und weiter miteinander gesprochen, anstatt allein vor dem Hotelfernseher zu hocken oder alberne Computerspiele zu machen.
Die Musik ist von New Order: “Blue Monday”. http://www.youtube.com/watch?v=FYH8DsU2WCk

Mittwoch, 7. Mai 2014

Der Hundegeist

Vor vielen hundert Jahren lebte einmal ein Holzfäller mit seiner Frau im Ingelheimer Wald. Bei ihnen lebte ein kleiner lebhafter Hund, den sie beide sehr lieb hatten. Eines Morgens ging der Holzfäller hinaus in den Wald und wie immer begleitete ihn sein treuer Geselle. Als sie auf eine Lichtung kamen, sprang der Hund davon und bellte wild. Er begann, mit seinen Pfoten an einer Stelle zu graben und wedelte mit seinem Schwanz. Der Holzfäller trat hinzu und grub mit seinen Händen ein tiefes Loch. Da stieß er auf eine Truhe und als er sie öffnete, schimmerten Gold und Geschmeide im hellen Sonnenlicht. Er trug seinen Schatz nach Hause und freute sich mit seiner Frau über dieses Glück. Nun hatte alle Not ein Ende.
Von dieser Begebenheit erfuhr alsbald ein Köhler und er kam zur Hütte des Holzfällers und seiner Frau. Er bat die beiden, sich den Hund einmal ausleihen zu dürfen. Da der Holzfäller und seine Frau arglose und gute Menschen waren, willigten sie ein und so führte der Köhler den kleinen Hund zu seiner Hütte. Der Hund aber wurde traurig und nahm keinen Bissen zu sich. Er wollte auch die Hütte des Köhlers nicht verlassen. Da band der Köhler den Hund an einen Strick und zerrte ihn durch den Wald. Aber so weit er auch lief, der Hund blieb stumm. Den Köhler, der von der Gier nach einem Schatz wie von Sinnen war, packte die Wut und als der Hund am darauf folgenden Tag wieder keinen Laut von sich gab, schlug er das arme Tier tot und vergrub es unter einer alten Eiche.
In der Nacht erschien der Geist des Hundes dem Holzfäller und klagte ihm sein bitteres Leid. Am nächsten Morgen nahm der Holzfäller seine Axt und seine Frau packte ihm Wurst, Brot und eine Flasche Wein in seinen Rucksack. Dann ging der Holzfäller zur Hütte des Köhlers. Als der ihn von weitem kommen sah, packte ihn die Angst und er rannte in den Wald davon. Der Holzfäller folgte ihm, doch er konnte den Köhler im tiefen Wald nicht finden. Da setzte er sich auf einen Stein und packte seine Vorräte aus. Alsbald erschien ein Wolf und sagte zu ihm: „Wenn du mir die Wurst gibst, so will ich dir helfen.“ Der Holzfäller gab ihm die Wurst und der Wolf wurde sein treuer Gefährte. Kurz darauf kam ein Falke und sagte zu ihm: „Wenn du mir den Wein gibst, so will ich dir helfen.“ Also gab der Holzfäller auch seinen Wein. Am Ende kam ein riesiger Bär und sagte: „Wenn du mir das Brot gibst, so will ich dir helfen.“ Und so gab der brave Holzfäller auch seinen letzten Bissen fort.
Der Falke flog davon und suchte den flüchtenden Köhler. Er schwebte über den Bäumen und es dauerte nicht lange, da hatte er ihn gefunden. Er flog zum Holzfäller zurück und wies ihm den Weg. Mit großen Schritten lief der Holzfäller in die Richtung, die ihm der Falke gezeigt hatte, und bald darauf sah er den Köhler. Der Köhler erblickte den Holzfäller, lachte böse und zog ein großes Messer aus seinem Gürtel. Der Wolf, der treu ergeben an der Seite des Holzfällers gegangen war, löste sich von ihm und rannte mit gefletschten Zähnen auf den Köhler zu. Als der Köhler den Wolf sah, drehte er sich um und lief davon, so schnell er konnte. Er floh in eine Höhle, um sich vor dem Wolf und dem Holzfäller zu verstecken. Aber dort wartete schon der Bär und fraß den Köhler mit Haut und Haaren.
Noch heute, viele hundert Jahre später, soll der Geist des Hundes die Tiere im Ingelheimer Wald beschützen, so heißt es des Abends bei Weck, Worscht unn Woi.
P.S.: Band of Horses fragen „Is there a Ghost”? http://www.youtube.com/watch?v=JK716RqoUms

Dienstag, 6. Mai 2014

Das Tempelhofer Feld 2054

Es ist ein strahlender Sonntagmorgen, als meine von jungen Ukrainern gezogene Rikscha das Tempelhofer Feld erreicht. Unter dem tiefblauen Himmelsgewölbe segeln einige schneeweiße Wolken bedächtig dahin. Dicht an dicht stehen die Monolithen zehngeschossiger Wohnbauten bis zum fernen Horizont. In der Mitte des prachtvoll schimmernden Nobelviertels aus Stahl und Glas, vom Neuköllner Pöbel auch als „unsozialer Brennpunkt“ bezeichnet, ist ein Eichenhain, der eine weitläufige Tempelanlage aus edelstem Marmor umgibt. Er ist der CDU gewidmet, die diesem Land die Einheit und den Wohlstand gebracht hat. Am Eingang stehen zwei Skulpturen, die Adenauer und Erhardt darstellen. Sie bewachen wie steinerne Hunde den Eingang zum Tempel. Die Skulpturen sind von zwei Brunnen umgeben. Die Pilger werfen traditionell Geld oder Schmuck ins geweihte Wasser, um sich die Götter gewogen zu machen. Nachdem ich mich vor den beiden Kanzlern verbeugt und mein gesamtes Münzgeld in die beiden Brunnen geworfen habe, betrete ich den ersten Tempel. Er ist der Gottheit Helmut Kohl geweiht, der als prächtige Buddhafigur mit rundem Bauch auf einer Empore thront. Der Sage nach bringt es Glück, den Bauch der riesigen Figur zu streicheln. Der echte Helmut Kohl liegt unterhalb des Tempels in einer Krypta. Sein Hirn ist schon lange tot, aber der Körper wird von Maschinen seit Jahrzehnten am Leben gehalten. Wie im Moskauer Lenin-Mausoleum schützt ein gläserner Sarkophag den gewaltigen Leib. Ein Besuch der Krypta wird leider nur hohen Staatsbesuchern und Milliardären gewährt. Im Haupttempel steht eine vergoldete Merkel-Statue, die Wände sind mit Euro-Symbolen aus glänzenden Edelsteinen bedeckt. Es ist guter Brauch in Deutschland, in den geöffneten Mund der Statue einen Geldschein zu legen und leise seinen Wunsch auszusprechen. Je größer der Schein, desto höher die Wahrscheinlichkeit seiner Erfüllung, wie mir ein schwarz gekleideter Tempeldiener versichert, der stündlich die Opfergaben abholt. Am 17. Juli, dem Geburtstag der Schutzgöttin aller Mächtigen und Reichen, bilden sich endlose Schlangen von Pilgern, die bis hinaus ins Wohnviertel reichen. Alle Wartenden haben ihre Hände zu einer Raute geformt. Zu ihrem hundertsten Geburtstag 2054 sollen es über eine Million Menschen gewesen sein. Es heißt, dass die Götter der christlichen Demokratie ihre schützende Hand über jeden wahrhaft Gläubigen halten, der sich reinen Herzens der Merkel nähert. So lasset uns alle beten.
Musik: „Heroes“ von David Bowie. http://www.youtube.com/watch?v=jBuwC4VJi50

Montag, 5. Mai 2014

Rabenstein und Greifenklau

„Ein Wirtshaus, ein Brauhaus, ein Gotteshaus, umgeben von einigen Bauernhöfen und Wohnhäusern. Der siebte Tag der Schöpfung. Das Helle!“ Diese handschriftlich notierten Zeilen finde ich auf der Rückseite eines Bierdeckels von „Held-Bräu“ in Oberailsfeld, den ich nach der Rückkehr aus Franken in der Innentasche meiner Jacke entdecke. Damit ist eigentlich schon alles gesagt. Zum Niederknien köstlich ist das Bier, mit dem die schöne Wirtstochter den durstigen Wandersmann labt. „Sanfter Blick aus hellen Augen – hier einheiraten!“ steht dazu in meinem Notizbuch. Die Einkehr in dieses Gasthaus ist der Höhepunkt einer herrlichen Wanderung. Von unserem Landgasthof in Langenloh, wo in einer winzigen, kaum gästeklogroßen Kapelle morgens um sechs der Tag eingeläutet wird, sind wir nach dem Frühstück zur Burg Rabenstein aufgebrochen, einer traumschön gelegenen Ritterburg hoch über dem Tal. Wunderbare schmale Waldwege winden sich durch die Hügel, wir laufen an Felsen vorbei, auf denen Moos, Blumen und kleine Bäume wachsen. Es geht buchstäblich über Stock und Stein, durch Felsspalten und Höhlen hindurch, an deren Eingang Fred Feuerstein seinen Namen gemeißelt hätte. In der fränkischen Schweiz hat man das Gefühl, in ferner Vergangenheit zu leben.
Aber auch in der Stadt war es schön. In Bamberg gibt es noch einige Lonely Planet-freie Zonen, wo man weder auf quäkende Amerikaner noch auf Japaner mit Gruppenzwang trifft. Da wäre zunächst „Mahrs Bräu“ zu nennen, eine uralte und verwinkelte Gaststube im Stadtteil Wunderburg (was für ein Name!), wo ein großartiges „U“ ausgeschenkt wird, ein ungefiltertes Bier. Dann der Brauereigasthof „Greifenklau“ am Laurenziplatz, wo man in einem idyllischen Biergarten unter Linden und Kastanienbäumen statt unter Plastikschirmen mit Reklameaufdruck sitzt und mit Blick auf einen bewaldeten Hügel, der von einer Burgruine gekrönt wird, ein perfektes helles Lagerbier im Steinkrug genießen kann. Und wer danach immer noch durstig ist, läuft durch ein hübsches kleines Wohnviertel hinüber zur „wilden Rose“ auf dem Stephansberg. Hier spielen die Kinder noch auf der Straße und verzieren mit bunter Kreide das graue Band des Asphalts. Der Wirt vom „Greifenklau“ hat es uns persönlich empfohlen, weil man von diesem Biergarten aus einen besonders guten Blick auf die Altstadt Bambergs hat. Aber am schönsten ist es doch in den Dorfkneipen, wo am Vormittag nur die Einheimischen beim Bier sitzen, Zeitung lesen oder ein Schwätzchen halten. Über der Theke stehen die Krüge der Stammgäste, auf denen ihre Namen zu lesen sind.
Störend habe ich bei unseren Wanderungen nur die gelegentlichen, abschätzigen Blicke der geföhnten Susis empfunden, die uns mit ihrer grellbunten und pseudomodischen Wanderausrüstung entgegen gekommen sind. Wir nennen es „Wanderkarneval“, wenn uns Leute mit Kirmesklamotten begegnen, die vermutlich auch im Dunkeln leuchten. Man kann nicht einfach loslatschen, nein, man braucht unbedingt diesen ganzen Fitnesströdel für mindestens fünfhundert Euro von Globetrottel oder Jakob Wolfshaut. So wie Radfahrer ohne Wurstpelle in Signalfarben offenbar nicht mehr leben können, brauchen die urbanen Profilneurotiker zum Laufen ein paar Skistöcke („Nordic Walking“ heißt die Erfindung skandinavischer Marketing-Profis), spezielle Trekkinghosen mit „Funktionen“, eine „atmungsaktive“ Jacke mit einem Labyrinth von sinnlos kleinen Taschen und einer Million Reißverschlüssen, weltraumtaugliche Unterwäsche und einen Designerrucksack, in dem sich Lebensmittelvorräte für drei Wochen, ein Sextant zur Berechnung der Position auf hoher See, ein Höhenmesser (weil es eminent wichtig ist, wieviel Meter über Meereshöhe man gerade einen Furz lässt), Verbandskasten und Warndreieck befinden. Neuester Schrei sind elektronische Armbänder, die Puls, Körpertemperatur, Kalorienverbrauch, Mondphase, Börsenkurse und Horoskop anzeigen. Eine Art Armaturenbrett für den eigenen Körper. Und natürlich ist das unvermeidliche Smartphone immer dabei, denn da gibt es die tolle App, die einem per GPS die genaue Lage des eigenen Quadratarschs im Stadtpark anzeigt. Der moderne Wichtigtuer muss selbstverständlich permanent erreichbar sein und zwanghaft seinen Social Media-Status kontrollieren sowie alle fünfzehn Minuten den Ukraine-Newsticker aufrufen. Manchmal frage ich mich: Bin ich der einzige Erwachsene in diesem Land? Dieser ganze Ausrüstungswahnsinn ist das Ergebnis einer umfassenden Gehirnwäsche durch die Sportindustrie. Man redet den Menschen Bedürfnisse ein, die sie gar nicht haben. Ich trage eine abgewetzte Jeansjacke und Wanderstiefel, die aussehen, als seien Erdklumpen an meinen Füßen festgewachsen. Man braucht nur gute Schuhe, sonst gar nichts, denn die Schuhe sind das einzige, das uns mit dem Erdboden verbindet. Dieses ganze Muschileckergedöns braucht kein Mensch!
P.S.: Der junge Wirt und Brauer vom „Schwan“ in Burgebrach setzte sich, da wir die letzten Gäste waren, zu uns an den Tisch und erzählte einige lustige Anekdoten über seine neue Kundengeneration, die “Digital Natives”, wie sich dieser selbstverliebte Eingeborenenstamm im NSA-Land auf Neudeutsch gerne nennt. Wir bezeichnen sie als „Pisa-Generation“ und lachen einfach über ihr analoges Amateurdasein jenseits von Playstation und Facebook-„Freundschaft“, weil sie gerade vom hochnäsig verhöhnten Establishment aus Parteien und Nachrichtendiensten sowie den von ihnen hochverehrten Konzernleitungen (Apple, Google und Co.) ganz gepflegt in den Allerwertesten gevögelt werden, ohne es beim endlosen Rumgefummel an ihren Smartphones wirklich zu merken. Vier Angehörige dieses Stammes saßen neulich am Wirtshaustisch und starrten stumm auf die Anzeigetäfelchen ihrer phantastischen Telefonapparate. Lange sprach niemand von ihnen ein Wort und der Wirt fragte besorgt, was denn los sei. Sie antworteten, dass sie gerade gemeinsam eine Partie Schafskopf spielen würden. Das vom Wirt angebotene Päckchen Spielkarten lehnten sie mit der Begründung ab, dass man die Karten ja dann eigenhändig mischen müsse. Egal. Viel wichtiger: Das Bockbier im „Schwan“ ist das Beste, das ich jemals getrunken habe. Aber auch das Kellerbier ist sehr zu empfehlen. Dazu sollte man den herrlichen Nussschnaps probieren.
Musik auf der Heimfahrt: „Relax“ als 12 Inch von FGTH. Dazu ein Fläschchen „Held-Bräu Hell“ mit einem Ritter auf dem Etikett, dessen Schild ein Rabe ziert. http://www.youtube.com/watch?v=QFLBIamw7SE