Sonntag, 23. November 2014

Vorläufige Ansichten zum vorübergehenden Mangel an Liebstöckel

Unter dieser einprägsamen Überschrift habe ich die kulinarischen Eindrücke meiner zweiwöchigen Berlin-Reise versammelt. Mein erster Herbstspaziergang führt mich zu meinem Lieblingschinesen, dem „Hot Spot“ in der Eisenzahnstraße. Während ich mich an einer scharfen Spezialität des Hauses labe, die prasselnd und dampfend in einem Steinguttopf serviert wird, lausche ich den beiden Geschäftsleuten am Nachbartisch. Ein Mann um die Vierzig mit grauem Anzug, Schlips und Halbglatze erzählt von einem Metallica-Konzert, das sein bisher größtes Musikerlebnis gewesen ist. Sein identisch aussehendes Gegenüber ist etwa zehn Jahre jünger und hört zu. Dann verfallen beide in Smartphone-Schweigen, bis die beiden Portionen Eierreis von der Mittagskarte und die kleinen Coca-Colas kommen. Beim Essen reden sie von irgendeinem Fonds, den sie managen. Wenn sie wüssten, welche herrlichen Weine der alte Wu bereithält.
In Kreuzberg lächeln mich manche Menschen an, wenn ich vorübergehe. Das mag an meinem „Hard Rock Café Schweppenhausen“-Shirt liegen. Erinnerungen an Abende und Nächte mit kurzweiligen Gesprächen bei Whisky und Bier im „Kloster“ und im „Intertank“ wehen mich an. Ich bin mit einem Karikaturisten, dem exilierten österreichischen Adligen Ulrich von Harndrang-Puschelberg, und der moldawischen Opernsängerin Shminka Gotmonnek bei „Schillerburger“ in der Schönleinstraße verabredet, um ein gemeinsames Projekt zu besprechen. Nein, bin ich nicht. Aber die Burger sind einfach großartig. Und bei „Uncle Sam“ in Zehlendorf war ich in Sachen Hamburger auch wieder.
Mittagessen in meinem Lieblings-Thai-Restaurant „Suksan“ in der Ansbacher Straße. Die Inneneinrichtung ist wunderschön und man fühlt sich gleich zehntausend Kilometer weit weg, so als träte man in eine Bambushütte am Meer. Die Mittagskarte bietet Dutzende Gerichte, wobei das teuerste inklusive Vorspeise nur 7,90 Euro kostet. Ich lasse mir in asiatischen Restaurants übrigens immer Besteck geben. Nicht aus Gründen einer angeblichen kulturellen Überlegenheit (für die es gerade in kulinarischen Fragen nicht den geringsten Anlass gibt) oder wegen motorischer Unfähigkeit (ich habe in Japan und China das Essen mit Stäbchen gelernt), sondern aus ökologischen Gründen. Die Essstäbchen werden aus Holz gefertigt und nach einmaligem Gebrauch weggeworfen. Für diesen Unsinn werden jedes Jahr Millionen Bäume in Südostasien gefällt, das sollte man nicht unterstützen. Ich habe für asiatische Abende Kunststoffstäbchen in der Besteckschublade, die ebenso für die Ewigkeit gemacht und sogar vererbbar sind wie gutes Besteck aus Edelstahl.
Berlin Mitte, Oranienburger Straße, Auguststraße. Überall sehe ich junge, aufstrebende Angestellte in modischer Freizeitkleidung. Auch die Restaurants sind von ihnen bis auf den letzten Platz gefüllt. Hier bekomme ich keinen Bissen runter. Ich fahre zur „Prager Hopfenstube“ auf der Karl-Marx-Allee. Es sind nur ein paar Rentner und eine junge Mutter da. Der Kellner duzt mich – nicht weil das ein cooler Szeneladen wäre, sondern weil ich hier schon seit vielen Jahren einkehre. Dieses Restaurant ist ein Anker im wechselhaften Berlin, träge und treu trotzt es dem Lauf der Zeit. Eine Frau kommt herein und holt die telefonisch bestellten Bratkartoffeln ab. „Mehr kann ich mir nicht leisten“. Aber: „Ansonsten alles schicki“, sagt sie auf Nachfrage der Frau, die mit ihrem Kleinkind am Tresen sitzt. Später betritt noch ein Handwerker in fleckigen Arbeitsklamotten die „Hopfenstube“, eine gefaltete BILD-Zeitung ragt aus seiner hinteren Hosentasche. Ich trinke zwei Gambrinus und genieße das köstliche Gulasch, die Knödel und das Mährische Kraut. Zum Nachtisch trinke ich einen Becherovka, der mit seinen Lebkuchengewürzen wie flüssiger Advent schmeckt. Goldstaub tanzt in der Herbstsonne vor dem Fenster.
Ich nehme ein spätes Frühstück im „Deichgraf“ am Nordufer ein, dem Stammlokal von Wolfgang Herrndorf. Angenehm unspektakuläres und sympathisches Gasthaus mit einer langen Holztheke, in Würde alt gewordenen Holztischen und –stühlen. Hier ist Berlin wie es eigentlich ist. Keine Touristen, keine Sehenswürdigkeiten, normale Menschen mit Berliner Dialekt bei Kaffee und Bier. So unaufgeregt geht es im Wedding zu, das Herrndorf gegen die hippe Mitte Berlins eingetauscht hat. Auf der Toilette zieht man an einer Eisenkette und der Spülkasten über meinem Kopf brüllt wie ein T. Rex. Anschließend spaziere ich auf dem Uferweg in Richtung Spandau. Auf der anderen Seite des Kanals sehe ich Industrieanlagen, kein Ausflugsdampfer schippert vorbei. Hier hat er gelebt, hier ist er gestorben.
P.S.: Meine Lieblingskneipe in Berlin ist natürlich immer noch das "Offside" in der Jülicher Straße. Der Wirt hat mich auf den irischen Writers Tears aufmerksam gemacht, der zu mir als Schriftsteller passen würde. Hier habe ich mehr über Whisky und Whiskey gelernt als irgendwo sonst auf der Welt. In meiner Zeit als Kiezschreiber im Wedding war das mein Wohnzimmer …
Blancmange - I've Seen The Word. http://www.youtube.com/watch?v=VbMjwXgmvB0

Kommentare:

  1. Is Nordufer nich Wedding? Lg Max

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Stimmt. Danke! Moabit ist auf der anderen Seite des Kanals. Werde es gleich ändern.

      Löschen
    2. So, alles notiert. Wird alles abgefressen. Danke. ;)

      Löschen
    3. Viel Vergnügen! Dann wäre da noch der großartige Italiener "+ 39" aus meinem Text vom 19. November. "Schillerburger" ist übrigens nur ein kleiner feiner Imbiss mit ein paar Barhockern. Aber besser kriegt man den Burger auch selbst nicht hin, habe gestern mit einem Freund zusammen mal wieder gebrutzelt ... hier in der Provinz gibt es ja nur den unverdaulichen Schmutz der Ami-Ketten mit ihrem nordkoreanischen Service-Verständnis (Schlange-Stehen wie ein Obdachloser vor der Armenküche, sich mit einem klebrigen Plastiktablett einen Platz suchen wie in der Kantine und selbst den Müll wegbringen - Ketchup und Bier hammwanich).

      Löschen
  2. Ich finde es immer noch krass, dass ich das Offside entdeckt habe als du von hier gegangen bist. Wir haben uns knapp verpasst.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wäre ich noch in Berlin, hätten wir uns erst durch ein Zehntel von Lars' Whiskysorten durchgearbeitet ;o)

      In dem Laden kann man ewig bleiben. Ist immer schön. Als Erfrischungsgetränk zu den schönen Tröpfchen habe ich immer gerne Birnen-Cider getrunken. Wo bekommt man schon Birnen-Cider?

      Es war sogar mal eine Lesung im Offside geplant, aber ich habe es immer verpeilt, endlich mal den definitiven Termin zwischen zwei Fußballübertragungen oder Dart-Turnieren zu machen :o)

      Löschen