Montag, 24. November 2014

Die DDR – Fakten zum alltäglichen Leben

25 Jahre Mauerfall. Aus Anlass des Jubiläums wurde viel über die damalige Zeit berichtet und gesprochen. Mich als Westdeutscher hat interessiert, wie die Menschen in der DDR vor der Wende gelebt haben. Das habe ich herausgefunden:
Es heißt oft, die DDR sei ein Staat gewesen, dessen Bürger Mangel gelitten hätten. Dazu ein paar Fakten, falls man dem „Statistischen Jahrbuch 1986 für die Bundesrepublik Deutschland“ und dem „Statistischen Jahrbuch 1986 der Deutschen Demokratischen Republik“ glauben darf (sämtliche Daten im Text sind gerundet). Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch lag in der DDR bei 94 kg, in der BRD bei 90 kg. Der Ossi hat im Jahr 303 Eier gegessen, der Wessi 280, auch beim jährlichen Verbrauch von Butter liegt der Osten mit 10 kg klar vor dem Westen mit 6 kg. Ganz zu schweigen von den deutschen Grundnahrungsmitteln Brot (u.a. Getreideerzeugnisse), wo der DDR-Bürger mit 100 kg zu 73 kg die Nase vorne hat, und Kartoffeln, bei der ein Ostdeutscher sogar die doppelte Menge schafft (146 zu 73 kg). Vorne liegt der Bundesbürger, man ahnt es schon, bei frischem Obst (85 kg zu 38 kg) - und dabei besonders bei den „Südfrüchten“: 26 kg zu 12 kg -, Käse (15 kg zu 8 kg) und Fisch (12 kg zu 7 kg).
Der Eindruck von Mangel entstand vor allem dadurch, dass man in der DDR ständig in irgendeiner Schlange stehen musste. Das lag daran, dass bestimmte Waren knapp oder nicht immer erhältlich waren, aber auch an der geringen Zahl der Verkaufsstellen und organisatorischen Mängeln im Einzelhandel. Wenn es dann das knappe Gut zu kaufen gab, haben die Leute es sofort in rauen Mengen gebunkert und es häufig auch als Tauschobjekt im Kreis der Freunde und Kollegen verwendet. Gerade das Verkaufspersonal hat einen Teil der begehrten Ware zurückgehalten, um es Freunden und Bekannten zu verkaufen, von denen man sich andere Waren im Tausch versprach. So schaukelte sich der Mangel schnell hoch. Verderbliche Mangelware oder „Bückware“ wurde in den nächsten Tagen überdurchschnittlich oft konsumiert, weil die DDR-Haushalte selten mit Tiefkühltruhen ausgerüstet waren. Und so waren die berühmten Bananen jedes Mal in nullkommanix in den Mägen des Volkes verschwunden.
Tatsächlicher Nahrungsmangel konnte auch deswegen nicht entstehen, weil die meisten Menschen öffentlich mit Mahlzeiten versorgt wurden. Es wurde in der DDR viel weniger gekocht als in der BRD, schließlich waren auch die meisten Frauen berufstätig. Das entsprach dem Leitbild des Staates: „Nur die Ablösung der individuellen durch die gesellschaftliche Hauswirtschaft kann die volle Emanzipation der Frau und ihre volle Gleichberechtigung in der Praxis verwirklichen“, heißt es im Lehrbuch „Wissenschaftlicher Kommunismus“ (Berlin 1973). Und: „Das Ziel der kommunistischen Umgestaltung der Lebensweise besteht nicht darin, die persönliche Lebensweise zu beseitigen. Es geht darum, den Menschen von der Last der Sorge um die Organisation des Alltagslebens zu befreien.“ In den kostenlosen Betreuungseinrichtungen für Kinder gab es ab dem zweiten Lebensjahr eine Vollversorgung für 55 Pfennig pro Tag (sozial schwachen Familien wurde der Tagessatz erlassen). Es gab übrigens einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz, aber keine Verpflichtung, die Kinder dort betreuen zu lassen. Da die Kinderbetreuung über die Betriebe geregelt war, entfielen die zusätzlichen Fahrwege, über die heutige Eltern klagen. Nach dem Job nahm man das Kind mit nach Hause. Die Berufstätigen wurden am Arbeitsplatz versorgt, darauf gab es einen Rechtsanspruch. „Der Betrieb hat die Versorgung der Werktätigen im Betrieb nach ernährungswissenschaftlichen Grundsätzen mit einer vollwertigen Mahlzeit und einer Zwischenverpflegung sowie mit Erfrischungen zu sichern“ (Arbeitsgesetzbuch der DDR, § 228). Das kostete zwischen ein und zwei Mark am Tag. Auch die Rentner hatten nach ihrer Pensionierung einen Anspruch auf Versorgung: „Die Arbeitsveteranen haben das Recht, die Einrichtungen des Betriebsgesundheitswesens in Anspruch zu nehmen und am Werkküchenessen im Betrieb teilzunehmen“ (Arbeitsgesetzbuch der DDR, § 236).
Waren aus dem goldenen Westen konnte man in „Delikat“-Geschäften (Nahrungsmittel) oder in „Exquisit“-Läden (Bekleidung) in Mark der DDR kaufen, wobei man im Durchschnitt vom Vierfachen des Preises im Westen ausgehen musste, oder gegen Devisen (DM, Dollar, Pfund, Franken) in den „Intershops“. Die entsprechenden Einkaufsschecks für die „Intershops“ konnte man in der Bank gegen Westgeld eintauschen, als Tourist aus dem Westen konnte man in bar bezahlen. Richtig teuer war Bohnenkaffee: 35 Mark musste der DDR-Bürger für ein Pfund bezahlen. Daher verbrauchte der DDR-Bürger mit etwa drei Kilogramm im Jahr auch nur die Hälfte seiner Westverwandtschaft. 1984 betrug das durchschnittliche Arbeitseinkommen 1102 Mark brutto, das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen lag bei 1653 Mark monatlich (viele Frauen waren ja berufstätig, Arbeitslosigkeit gab es nicht).
Dafür lag der Osten im Verbrauch von Spirituosen vorne. Mit 4,6 Litern reinem Alkohol schluckte der Ostmensch die doppelte Menge im Vergleich zum Westmenschen. Beim Bier lagen beide Deutschlands gleich auf (Westen: 145 Liter im Jahr, Osten: 142) und bildeten mit den Tschechen und Belgiern die weltweite Spitzengruppe. Die Spitzenbiere der DDR waren „Wernesgrüner“ und „Radeberger“, letzteres gab als Sixpack auch im Westen zu kaufen. Im Gasthaus waren Bier und Schnaps übrigens im Osten erheblich billiger als im Westen, ein kleines Bier (0,25 l) kostete zwischen 40 und 68 Pfennigen. Wein war in der DDR weniger verbreitet und drei- bis fünfmal so teuer wie in der BRD, da es im Osten kaum Anbaugebiete gab.
Der Wohnungsmarkt war im Osten recht entspannt. Es gab ein Recht auf Wohnraum (Artikel 37 der DDR-Verfassung), die Miete betrug etwa eine Mark pro Quadratmeter. Die Miete machte nur etwa drei Prozent des durchschnittlichen Familienbudgets aus, durch Mieterhöhungen konnte also niemand aus seiner Wohnung vertrieben werden. Gegen die Kündigung durch den Vermieter garantierte der Staat Kündigungsschutz und im Falle einer juristischen Auseinandersetzung Rechtsschutz. Kehrseite der Medaille: teilweise schlechte Zahlungsmoral der Mieter und Verwahrlosung des Gemeinschaftseigentums. Es gehörte allerdings nicht der gesamte Wohnraum dem Staat: 1984 beispielsweise waren 54 Prozent der Neubauten staatlich, 31 Prozent genossenschaftlich (Genossenschaftsanteile erwarben die Mitglieder durch Geld und Arbeitsleistungen) und 15 Prozent privat.
Die Wohnungseinrichtung der DDR-Bürger wirkte oft etwas altertümlich. Das lag daran, dass man sich das Mobiliar nur einmal im Leben kaufte und es dann bis zum Tode behielt. In der westlichen Wegwerfgesellschaft werden nach wechselnden Moden alle paar Jahre Einrichtungsgegenstände ausgetauscht – man muss sich ja heute nur mal die Sperrmüllberge in deutschen Städten anschauen -, in der DDR war das anders. Die Ausstattung mit Fernsehgeräten war ähnlich: durchschnittlich 130 Geräte auf hundert Haushalte im Westen, 116 im Osten. Allerdings hatte der Westhaushalt 88 Farbfernseher, der Osthaushalt nur 34 pro hundert Haushalte. Ein normaler Schwarz-Weiß-Apparat kostete in der DDR 2050 Mark, ein Farbfernseher, mit dem man auch das Westfernsehen in Farbe sehen konnte, 4900 Mark – also mehrere Monatsgehälter (damals gab es mit PAL im Westen und SECAM im Osten zwei unterschiedliche Systeme für Farbfernsehen; wer nur das Ostsystem hatte, sah das Westfernsehen in einem leicht verschwommenen Schwarz-Weiß). Videorekorder gab es im Osten praktisch gar nicht, sie kosteten auf dem Schwarzmarkt 10.000 Mark und mehr. Die Ausstattung mit Waschmaschinen und Kühlschränken war im Osten so gut wie im Westen.
Das größte Problem waren die Pkw. Die DDR-Führung hielt die individuelle Motorisierung für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung und wollte den öffentlichen Verkehr fördern. Aber der Deutsche will sein Auto. Der Staat bremste weniger über den Preis – ein „Trabant“ kostete rund 10.000 Mark, ein „Wartburg“ mit Sonderausstattung das Doppelte – als über die Wartezeit. Sechs bis zwölf Jahre musste man in den achtziger Jahren auf einen „Trabant“ warten, acht Jahre auf einen „Wartburg“. Importiert wurden in geringer Stückzahl auch „Lada“ und „Moskowitsch“ aus der UdSSR, „Tatra“ aus der CSSR sowie „VW-Golf“, kleine „Renaults“ und „Volvos“ aus dem Westen (Preis: bis 40.000 Mark). Das führte dazu, dass auf dem Gebrauchtwagenmarkt höhere Preise erzielt wurden als für Neuwagen. Dafür hatte fast jeder fünfte Haushalt in der DDR ein Motorrad von „MZ“ (Motorenwerke Zschopau), teilweise mit Beiwagen, auf denen ganze Familien unterwegs waren.
Gerade bei knappen Gütern wie Autos, bestimmten Nahrungsmitteln aber auch Baumaterial entwickelte sich in der DDR ein ökonomisches Paralleluniversum des Tauschhandels, in dem sich alles organisieren ließ. Es reichte nicht, Konsument zu sein – man brauchte Freunde, Familie und Kollegen, mit denen man seine Geschäfte machen konnte. Ein Basiskurs in freier Marktwirtschaft, ohne die der Alltag nicht funktionierte. Man brauchte nicht nur Geld, sondern knappe Güter und „Connections“. Übrigens gab es in der DDR keine Ratenzahlung oder Konsumentenkredite. Wenn man etwas kaufen wollte, musste man das Geld dafür gespart haben. Das erklärt, dass der durchschnittliche DDR-Bürger 1984 7.100 Mark der DDR als Sparguthaben auf der Bank hatte, der „reiche“ BRD-Bürger mit 9.500 DM aber nicht sehr viel mehr.
Ein altes Vorurteil ist ja auch, in der DDR wäre man durch irgendwelche Mach-mit-Aktionen und Propagandaveranstaltungen in seiner Freizeit gequält worden. Der tatsächliche Zeitaufwand für diese Veranstaltungen lag bei vier bis sechs Stunden im Monat, die meist mit der Arbeitszeit verrechnet werden durften. Politische „Berieselung“ fand während der Arbeitszeit statt, ebenso die Teilnahme bei Massenkundgebungen oder Staatsbesuchen, wo man mit einem „Winkelement“ (Fähnchen) am Straßenrand zu stehen hatte. Tatsächlich ging der DDR-Bürger in seiner Freizeit häufiger ins Theater als der Westmensch: Auf 100 DDR-Bürger kamen in der Spielzeit 1984/85 59 Theaterbesucher, in der BRD nur 27. Auch das Kino besuchte der Ossi mehr als doppelt so häufig wie der Wessi. 88 professionelle Orchester unterhielt die DDR, nur 38 die viel größere BRD. Diskotheken gab es nicht viele in der DDR und auf den Tanzveranstaltungen der Staatsorganisation FDJ durfte nur 25 Prozent westliche Musik gespielt werden. Dafür wurde privat mit der Familie und mit Freunden sehr viel mehr gefeiert. Private Kontakte waren wichtiger als Konsumangebote.
Puhdys - Wenn ein Mensch lebt. http://www.youtube.com/watch?v=5Sriuus7guQ
Es gab vor der Wende keinen Grund, als Westdeutscher arrogant auf die Menschen im Osten hinabzublicken. Und es gibt auch heute keinen Grund. Sicher war die DDR kein Rechtsstaat und keine Demokratie, aber man kann sich durchaus einige Aspekte des Lebens in diesem Staat anschauen und womöglich sogar etwas lernen. Stichworte: Gleichberechtigung, Arbeitsmarkt, Kinderbetreuung, Wohnungsmarkt, Nachhaltigkeit.
City - Am Fenster. http://www.youtube.com/watch?v=se-8CsPBDF8

Kommentare:

  1. Kann ich im Großen und Ganzen so bestätigen. Wir hatten einen Škoda und der war nach meiner Erinnerung nicht schwer zu besorgen fiel aber immer mal wieder auseinander.

    Irgendwann, so mit sieben, acht Jahren, hatte ich meine Briefmarkensammelphase, die zog sich über ganze vier Wochen lang hin. Meine Mutter musste mir ein Briefmarkenalbum besorgen und sie erzählte mir später, dass sie nach einem haben Jahr endlich eines besorgen konnte.

    Sie erzählte mir auch, dass sie erst nicht studieren durfte, da sie nicht in der Partei war. Einmal stand der Staat in unserem Wohnzimmer um ihre Stimme abzuholen, es herrschte ja Wahlpflicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

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  2. Zum Thema Gleichberechtigung und Kinderbetreuung undundund ein hörenswertes Feature. Ich war mir hinterher nicht mehr ganz sicher, ob das alles nachahmenswert war und ist.

    http://www.ardmediathek.de/radio/Feature-Deutschlandfunk/Die-Emanzipierten-Drei-Frauengeneratio/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?documentId=24596144&bcastId=21627416

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  3. Bis auf den Unsinn, die DDR sei kein Recht-Staat bzw. keine Demokratie gewesen, sehr guter Artikel!
    Sicher bekam mancher kein Recht in der DDR, jene zum Beispiel, welche beim neuen Miteinander-Charakter der Gesellschaft nicht mitziehen wollten, sondern weiterhin dem alten Gegeneinander-System anhingen und versuchten, andere zu übervorteilen.
    Und was Demokratie betrifft, was heißt denn Demokratie? Demokratie heißt nichts anderes als Volksherrschaft! Wenn in der DDR nicht im Sinne des Volkes geherrscht wurde, ja wann denn dann jemals auf deutschem Boden? Daß es den Menschen in der BRD größtenteils trotzdem besser ging und geht, liegt doch nicht daran, daß im Sinne des Volkes geherrscht wird, sondern daß sich ein historisch gewachsen überlegenes Wirtschaftssystem rücksichtslos Vorteile gegenüber schwächeren, weniger entwickelten Ländern verschafft und somit genügend Überfluss entsteht, daß selbst die Schwächsten in den hochentwickelten Staaten noch genug abkriegen. Aber das eigentliche Elend dieses Gegeneinander-Systems wird in den unterentwickelten Ländern sichtbar, 11 Millionen und mehr Hungertote jährlich, Kriege und Seuchen weltweit, das sind die Auswirkungen der verlogenen westlichen "Demokratie", die in Wahrheit keine ist, sondern nur ein Menschen zur Wahl dieser Schlächter manipulierender Parlamentarismus, der das Diktat der Bourgeoisie erfüllt!

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    1. Rechtsstaat? Ich lach mich schlapp. Wo hat denn das Kasperle gelebt? Ich war jedenfalls kein freiwilliger Bürger der "DDR".

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