Samstag, 18. Oktober 2014

Reisevorbereitungen auf dem Lande

Im Sommer 1989 beschloss ich, eine Reise nach Albanien zu planen, einem bizarren stalinistischen Kleinstaat an der Adria. Ich hatte im Laufe der letzten Jahre bereits die DDR, die UdSSR, die Tschechoslowakei und Ungarn (1987 zum zweiten Formel 1-Grand Prix im Ostblock) besucht, Albanien sollte der Höhepunkt meiner Reisen durch die seltsame Welt des Sozialismus werden. Wer fährt schon nach Albanien? Und zu dieser Zeit war es wirklich ein exotisches Reiseziel. Damals kamen nur etwa 20.000 Touristen ins Land, überwiegend Griechen. Die staatliche albanische Tourismusorganisation Albturist, die das Monopol für den Transport und die Unterbringung der Gäste hatte, war eine Unterabteilung des Transportministeriums und unterhielt keine Auslandsbüros. Die Einreise erforderte ein Visum, das in der albanischen Botschaft zu beantragen war. Dabei ließ man sich am besten von der „Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft“ helfen, denn Individualtourismus war in Albanien verboten und es empfahl sich daher, sich einer der wenigen Reisegruppen anzuschließen (die in Deutschland nur ein einziges Reisebüro organisierte, das in Duisburg war).
Die Einreise mit dem eigenen Pkw war nicht möglich, da Albanien keine Privatautos kannte. Dennoch war das Reich des 1985 verstorbenen großen Führers Enver Hoxha kein autofreies Land, in der Hauptstadt Tirana „sind Verkehrsampeln neuerdings nichts Ungewöhnliches“, wie es im Reiseführer heißt, auf den ich mich im Folgenden beziehe (Ralph-Raymond Braun: Albanien, Unterwegsverlag 1988). Aufgrund der Straßenbeschaffenheit – hier sind schon die Karawanen des Sultans entlanggezogen – betrug die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit 40 km/h. Da Albanien keine eigene Fluggesellschaft unterhielt, flog man mit Swissair in einer 33sitzigen Saab-Turbopropmaschine, die jeden Montag und Donnerstag in Zürich abhob, oder mit der DDR-Fluggesellschaft Interflug, die an jedem zweiten Montag mit Zwischenlandung in Budapest Tirana anflog, dieses letzte Widerstandsnest des Stalinismus.
Nach Stalins Tod hatte man sich von der Sowjetunion abgewandt und das China Maos als neuen Partner erkoren. Nachdem man sich auch mit den Chinesen zerstritten hatte, ging Albanien eigene Wege. Hoxha ging bei der Entwicklung seines Landes streng nach dem Spätwerk Stalins „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der Sowjetunion“ vor und forcierte die Schwerindustrie in diesem von Landwirtschaft geprägten Fleckchen Orient an der Mittelmeerküste. Außerdem ließ er für die knapp 3 Millionen Einwohner 700.000 kleine Bunker bauen. Die sozialistischen Kader, „Intellektuelle, Beamte oder sonstige Schreibtischtäter“ mussten „einen Monat jedes Jahres mit körperlicher Arbeit in Industrie oder Landwirtschaft verbringen“, wie der enthusiasmierte Autor schreibt, der Spitzenlohn war auf das Doppelte des bescheidenen albanischen Durchschnittslohns begrenzt. Den Reformen anderer sozialistischer Staaten in Richtung einer „Dezentralisierung und Aufwertung des Marktes“ stand Albanien ablehnend gegenüber. 1967 erklärte sich das Land zum ersten atheistischen Staat der Erde und schloss alle Kirchen und Moscheen. Erst 1987 richtete die Bundesrepublik in einer Hotelsuite in Tirana eine Botschaft ein, kein geringerer als Hans-Dietrich Genscher hielt sich im Oktober dieses Jahres für sechs Stunden in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien auf.
Der albanische Botschafter (2. von links) im Kreise seiner Mitarbeiter vor dem Botschaftsgebäude in Berlin-Dahlem
Zu den Zollmodalitäten heißt es: „Zeitungen und Zeitschriften werden normalerweise akzeptiert; gelegentlich wird es notwendig sein, barbusige Fotos herauszureißen und dem Zöllner zur Vernichtung zu übereignen.“ Das wird er ganz sicher gemacht haben, der alte Schlawiner. „Eigentumsdelikte sind in Albanien zwar selten, doch“ im Paradies der Werktätigen „noch nicht ausgerottet“. Vor allem auf westliche „Statussymbole wie Sonnenbrillen, T-Shirts, Schuhe usw.“ hatten es die Diebe abgesehen. Kaffee und Brot waren zum Frühstück kaum zu bekommen, der Albaner begann den Tag mit Reis oder Suppe. Das Staatsfernsehen sendete von 18 bis 22:30 Uhr. Es gab nur fünf arbeitsfreie Feiertage und außer Neujahr hatten alle einen politischen Hintergrund. Telefonische Ferngespräche mussten über „Fernämter und knisternde Seekabel via Italien“ geführt werden, der „Selbstwähltelefondienst zwischen den einzelnen Bezirken Albaniens“ steckte noch in den Anfängen. Ein Päckchen Zigaretten oder ein Kilogramm Brot kosteten umgerechnet 25 Cent, ein Fleischgericht im Restaurant einen Euro, eine Fahrt mit dem Stadtbus 2 Cent, die Wohnungsmiete drei bis fünf Euro im Monat. Herrlicher alter Reiseführer aus meiner Jugend … - dann fiel die Mauer, der Sozialismus erlosch in Europa und ich bin tatsächlich bis heute nie in Albanien gewesen.
Carolin Kebekus – Dunk den Herrn! http://www.youtube.com/watch?v=4Y3IWFLFHbk

Kommentare:

  1. Albanien ist schräg. Speziell der Osten ist wunderlich.

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    1. Darüber würde ich gerne mehr erfahren. Was haben Sie erlebt, wie sind die Leute und das Essen? Man hört ja nix von dort.

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  2. Hm, ja. Da verweise ich mal ganz galant auf 2 Beiträge meiner Frau.

    http://rad-forum.de/showflat/Number/580803/page/1

    http://rad-forum.de/showflat/Number/650914/page/1

    Es sind Radtouren durch die Region.

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