Donnerstag, 2. Oktober 2014

Freizeitstress

„Bei der Autopflege können Männer Stress abbauen. Waschen und Putzen senkt das Stresshormon Cortisol und das Panikhormon Adrenalin nachweislich. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Hormon-Expertin Dr. Petra Sommer im Auftrag des Autopflegeherstellers Nigrin.“ (tz.de, 30.9.2014)
Ein solches Zitat nennt man „geschenkter Elfer“. Kann man sich nicht ausdenken. Wie blöd sind die Leute eigentlich? Was die überwiegende Mehrheit in ihrer Freizeit macht, würde man im Erwerbsleben als „Arbeitsverdichtung“ bezeichnen. Mehr Leistung pro Zeiteinheit. Sie zappen nicht nur ungeduldig von einem Fernsehprogramm zum nächsten, wenn es nicht genug Explosionen, Verfolgungsjagden, Beleidigungen und Katastrophen zu betrachten gibt. Sie zappen sich mittlerweile durch ihr gesamtes Leben. Pausen haben offenbar den Charakter einer Bedrohung angenommen. Ruhe? Nachdenken? Angst vor dem Alleinsein mit dieser Müllhalde voller unverdautem Informationsschrott namens Ich?
Inzwischen wird, nach einer Studie der Pennsylvania State Universität, die sogar dem Kampfblatt der Leistungselite, der „Wirtschaftswoche“, einen Artikel – und mir einen Schachtelsatz – wert ist, in der Freizeit ebenso viel Cortisol (siehe oben) an den Hormonaktionär ausgeschüttet wie am Arbeitsplatz. Die Zwangsoptimierung führt ins Reich des Absurden, wenn in jeder Sekunde etwas passieren muss. Sobald sich die Gelegenheit ergibt, wird das Smartphone gezückt, um „Mails zu checken“ und zu schreiben (die dann wieder von anderen gecheckt und beantwortet werden müssen – natürlich in immer kürzerer Zeit, weswegen die Botschaften auch immer kürzer, abgekürzter und sinnloser werden), alberne Spiele zu spielen und die einsilbigen Überschriften von Kurznachrichten zu konsumieren. Ebola? War gestern schon. Langweilig. Orientalische Städtenamen aus irgendwelchen Kriegsgebieten? Unaussprechlich. Weiter.
Ich sehe bei strahlendem Sonnenschein Jugendliche auf dem Bürgersteig stehen, die wie Zombies unbeweglich und mit diesem typischen Sklavenblick, der permanent nach unten gerichtet ist, auf ihr Display schauen. Bei einem Abendessen auf einer blumengeschmückten Terrasse mit bilderbuchmäßigen Abendlicht ist es mir neulich nicht gelungen, meinen siebzehnjährigen Neffen wenigstens beim Gang zur Toilette dazu zu überreden, sein Smartphone auf dem Tisch liegen zu lassen. Es musste natürlich mit. Und es versteht sich inzwischen von selbst, dass er mit uns nicht gesprochen hat. Er wird diesen Text nie lesen, weil er zu lang ist. Hätte man auch kürzer machen können. Selbst Twitter-Texte sind in ihrer Weitschweifigkeit doch hoffnungslos veraltet. Warum lesen Sie noch weiter? Sie haben wohl nichts Besseres zu tun?

Kommentare:

  1. Wir lesen weiter weil wir alt sind. That's the point.
    Übrigens, Jugendliche haben schon immer Sachen gemacht die den Alten auf den Sack gingen.

    AntwortenLöschen
  2. Auto waschen senkt des Stress-Level? Hm. Vielleicht sollte ich doch mal meine Kiste waschen, von der die Jungs sagen, es sei der einzige Wagen, bei dem man sich die Schuhe abklopft, wenn man aussteigt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das Zuschauen beim Autowaschen senkt den Puls auf jeden Fall - es sei denn, ICH wasche den Wagen in Hot Pants und Netzhemd ...

      Löschen
  3. Der Stefan Rose hat vor kurzem auch ein guter Text zu ähnlicher Thema geblogt:
    http://fliegende-bretter.blogspot.de/2014/10/ein-hoch-auf-die-sinnlosigkeit.html

    Übrigens, hast du als 17-jährige auch oft freiwillig mit den alten Herren gesprochen? :)
    Der Smartphone ist heute der ultimative Grund um mit seinen Mitmenschen nicht reden zu müssen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Uns blieb damals nichts anderes übrig, als mit den Alten zu reden. Meine Atari-Playstation und der Röhrenfernseher hätten nicht an den Esstisch gepasst.

      Löschen