Donnerstag, 23. Oktober 2014

A walk down memory lane

Gestern war ich mit meinem alten Kumpel, der aus Amerika zu Besuch gekommen ist, in unserem alten Viertel: Ingelheim-West.
„Bis 1963 gab es diesen Stadtteil noch gar nicht. Er wurde für die wachsende Belegschaft der Firma, aber auch für Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten und Mitarbeiter des neugegründeten Fernsehsenders ZDF gebaut, dessen Anstaltsgebäude nur wenige Kilometer entfernt auf dem Lerchenberg lag. Hier gab es zuvor nur die Rheinstraße als Verbindung zwischen Ingelheim und Frei-Weinheim am Flussufer. Die Straße führte durch eine sandige Gegend, sie war von Kiefern und Robinien gesäumt. Die Straße vor seinem Haus führte also ursprünglich durch den Wald. Ein Paradies für Kaninchen, Mäuse und Füchse. Die Rheinstraße traf am „Roten Türmchen“ auf die Straße zwischen Bingen im Westen und Ingelheim im Osten. Hier war früher eine Hinrichtungsstätte auf dem weithin sichtbaren „Galgenbuckel“, nur wenige Hundert Meter von seinem Kinderzimmer entfernt. 1778 wurde hier zuletzt eine Frau hingerichtet, eine 18jährige aus dem Nachbardorf Wackernheim, die ihr Neugeborenes getötet hatte. Sein Vater hatte erzählt, dass man an dieser Stelle siebzig Jahre zuvor bei Vermessungsarbeiten ein Skelett gefunden hatte, an dessen Knochen noch eiserne Ketten gehangen hatten.
1903 wurde auf dem Gebiet des heutigen Ingelheim-West eine Chemische Fabrik gebaut. Gelegentlich gab es Brände, 1906 sogar eine große Explosion. Mitte der fünfziger Jahre schloss die Fabrik, in der Teerdachpappe hergestellt wurde, für immer. Die Villa der Bankrott gegangenen Fabrikbesitzerfamilie, die der Legende nach bereits in den goldenen Zwanzigern ihr Vermögen in Spielcasinos und diversen anderen Etablissements in Paris verschleudert hatte, stand immer noch. Sie war völlig zu gewuchert und für die Kinder Gegenstand der wildesten Fantasien. Angeblich war schon einmal ein Junge auf dem Grundstück gewesen, es gäbe ein Loch im Zaun, eine alte Hexe oder wahlweise ein böser Mann wohnten dort, jedenfalls alles höchstgefährlich und verwunschen.“ (Aus „Rheinkind“, einem autobiographischen Roman, den ich 2013 veröffentlicht habe)
Wir gehen durch die alte Wohnanlage, in der wir unsere Kindheit verbracht haben. Die Häuser sind frisch gestrichen und die Vorgärten sind neu angelegt worden. Der Sandkasten, die Wippe und die Schaukel sind verschwunden, neue Bäume sind gepflanzt. Als Kinder haben wir hier immer gespielt, an diesem Nachmittag spazieren wir allein zwischen den Sechs-Familien-Häusern umher. Auf dieser Wiese zwischen den vier Häusern haben wir uns nachmittgas getroffen. Meistens haben wir Fußball gespielt, manchmal auch Räuber und Gendarm oder Verstecken. Um 18 Uhr gab es in jeder Familie Abendbrot, da musste man zu Hause sein. Einige Kinder wurden vor dem Haus mit einem Gartenschlauch vom gröbsten Dreck befreit, bevor sie die Wohnung betreten durften. Bei Regenwetter oder im Winter trafen wir uns in irgendeinem Kinderzimmer und haben mit unseren Action-Figuren gespielt („Big Jim“ war der Berühmteste, ich hatte „Hard Rock“), mit den Plastiksoldaten, die schachtelweise verkauft wurden, oder wir haben Brettspiele wie „Risiko“ gespielt, oft auch Quartett (Autos, Kriegs- oder Handelsschiffe, Militär- oder Zivilflugzeuge, Panzer).
http://www.action-team.at/hardrock.htm
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41558579.html
Alle, die wir kannten, sind fortgezogen, J. entdeckt nur den Namen eines früheren Nachbarn auf dem Klingelbrett. Schräg gegenüber ist das Tengelmann-Haus. Tengelmann hat längst geschlossen und musste einer trostlosen Glücksspielhalle weichen. Auch den Kiosk gibt es nicht mehr, in dem wir Comic-Heftchen, Süßigkeiten ab zwei Pfennig aufwärts, kleine Cowboys und Soldaten aus Plastik, Revolver und Zündplättchen, Verkleidungen für Fastnacht und Wassereis in Plastikschläuchen gekauft haben. Die „Dalmatinerstuben“, das jugoslawische Restaurant der Eltern eines Freundes, sind ebenfalls verschwunden. Das völlig verwilderte und verwunschene Villengrundstück, auf dem wir als Kinder einen geheimnisvollen Zauberer vermutet haben, ist gerodet, das alte Haus hat einen modernen gläsernen Anbau, dessen Anblick schmerzhaft ernüchert.
An unserer alten Grundschule, die damals nach Kurt Schumacher benannt war, versperrt ein hoher Gitterzaun den Zugang zum Schulhof. Wir schauen durch die hohe Glaswand in die Turnhalle und auf der anderen Seite des Geländes durch ein Fenster in unser altes Klassenzimmer, wo für uns 1972 die Schulzeit begann. Hinter der Schule war damals nur Feld und Wald, heute ist hier ein Gewerbegebiet inklusive einem McDonald’s. Wir schlendern hinüber zum Gebäude, wo wir in der zweiten bis vierten Klasse unterrichtet wurden. Ich erinnere mich, dass ich hier auf der Treppe zum Klassenzimmer im ersten Stock meinen allerersten Kuss bekommen habe. Oder zum allerersten Mal geküsst habe. War ich aktiv oder passiv? Habe ich alles nur geträumt? Nein. Sie hieß Susanne und hatte eine blonde Kurzhaarfrisur wie Jean Seberg in „Außer Atem“. Und es war ohne Zunge. Muss mir ja keiner glauben. Ist mir egal.
Wo früher der Wanderzirkus im Sommer seine Zelte aufschlug, sind jetzt Einfamilienhäuser. An den alten Wohnblocks gegenüber der Schule fahren wir langsam vorüber, fast überall kannten wir damals Leute. Inzwischen sind sie in München und Mainz, in Münster und Malmö. Sie wurden Rechtsanwalt oder Journalistin, Wissenschaftler oder schwuler Visagist, Ärztin oder alleinerziehende Mutter. In unserer Erinnerung sind sie Kinder geblieben. Das Haus eines anderen Freundes ist abgerissen. Dort, wo wir im Keller wilde Partys gefeiert haben, ist jetzt eine verwilderte Brache, auf der sicher demnächst hochprofitable Eigentumswohnungen entstehen. Unser alter Kindergarten ist noch da und heißt jetzt „Kita Abenteuerland“.
In einem türkischen Imbiss lassen wir bei einer Tasse Tee die Erinnerungen und Menschen Revue passieren. Dann erzählt J. noch ein bisschen über seine Zeit in Kalifornien. Los Angeles ist nicht nur das Mekka des Films, sondern auch der Musik. Überall trifft man gute Musiker. Die Frauen sind alle Schauspielerinnen, Models, Sängerinnen oder Modedesignerinnen – die augenblicklich aber gerade als Kellnerin etwas Geld verdienen müssen. Das erinnert mich an Berlin. Als Gitarrist bekam er manchmal abends einen Anruf, er solle am nächsten Morgen zu einem Casting erscheinen. Man schickte ihm ein paar Stücke, die er bitte über Nacht einstudieren solle. Ein hartes Geschäft, aber er hat in den letzten Jahrzehnten Leute wie Eddie Van Halen, David Gilmour, Ry Cooder oder Sting persönlich kennengelernt. Und etliche andere Stars von Metallica, Black Sabbath, Whitesnake und und und.
Ey, ich kenne jemanden, der Eddie Van Halen kennt! Eigentlich sollte ich für das Lesen meines Blogs Gebühren erheben. Seien Sie froh, dass Sie diese Seite überhaupt anklicken durften!!! Neulich trifft er Eddie, dann trifft er den Kiezschreiber und diese Woche trifft er übrigens noch seinen alten Schulfreund Sven Hieronymus, eine rheinhessische Comedy- und Rocklegende …
P.S.: Seine Tante wohnt in Bad Nauheim und hat Elvis Presley persönlich getroffen. Kein Witz! Und die Vorfahren von Elvis stammen aus Rheinland-Pfalz.
http://www.memphisflash.de/2014/05/alwin-bressler-oder-elvis-presleys-deutsche-vorfahren/
P.P.S.: Remember Cordhosen? Grün oder Braun. Unsere Eltern haben noch in Tarnfarben gedacht.
Van Halen – Eruption. http://www.youtube.com/watch?v=Fi15pZWvww4