Sonntag, 28. September 2014

Weiße Wände

Als ich heute Morgen aufgewacht bin, konnte ich mich nur noch an “Weiße Wände” erinnern. So lautete der Titel des Textes, den ich geschrieben habe. Im Traum. Ich weiß nur noch, dass ich darin auch über Franz geschrieben habe. Wieso „Weiße Wände“? Gut, in Schweppenhausen sind die Wände weiß, denn hier gibt es keine Graffiti. Es gibt auch keine Schilder, die auf berühmte Persönlichkeiten hinweisen, die hier einmal gelebt haben. Aber es gibt Menschen, von denen man Geschichten erzählen kann. Franz war einer von ihnen. Er hat immer viel getrunken und jede Menge Ärger gemacht. Auf der Schweppenhäuser Kirmes habe ich am Wochenende einen Mann getroffen, der mir erzählt hat, der Franz wäre vor vielen Jahren einmal quer durch die Dorfkneipe auf ihn zugegangen und hätte ihm eine aufs Maul gehauen. Einfach so, grundlos. Und dann hätte der Wirt ihn – nicht den Franz – aus der Kneipe geschmissen. Franz war ein kräftiger Kerl und wenn er mit seinen beiden Brüdern unterwegs war, konnten sie jedes Volksfest auseinander nehmen. Mit diesen drei Männern hat sich keiner angelegt. Als er älter wurde, hat er es mit dem Streit aber nicht sein lassen und musste gerade außerhalb des Dorfs einiges einstecken. In Bad Kreuznach hat er ein Messer in den Bauch bekommen. Und ein paar Männer haben ihn vor dem alten Schweinestall hinter der Schule, in dem er gehaust hat, mit Eisenstangen zusammengeschlagen. Er lebte abwechselnd in dieser Baracke, in der auch sein altes Auto stand, von dem er sich nicht trennen konnte, in einem Betreuungsheim und gelegentlich in der Nervenheilanstalt. Keine Ahnung, von was er gelebt hat. Gearbeitet hat er jedenfalls schon lange nicht mehr. Er war „nicht mehr ganz richtig im Kopf“, wie man landläufig sagte. Das hatte mit dem Alkohol zu tun, aber auch mit der Liebe. Als seine Frau ihn verließ und das Kind mitnahm, dessen Bild er immer bei sich trug, hat er jeden Halt und jedes Maß verloren. Er konnte vier Liter Wein trinken und fiel immer noch nicht um. Er stellte sich einen Tisch und einen Stuhl auf den Bürgersteig vor der Dorfkneipe und erzählte den Passanten, er habe eine Straußwirtschaft eröffnet. Er hat im Zorn einmal fast einen Pfosten mit einem Verkehrsschild herausgerissen. Wenn er betrunken war, hatte er unglaubliche Kräfte. Aber er war auch unberechenbar. Einmal hatte er einen Haufen altes Zeug verbrannt und die Flammen schlugen meterhoch, so dass die örtliche Feuerwehr kommen musste. Franz versuchte, das außer Kontrolle geratene Feuer mit einem Eimer zu löschen, und wollte die Feuerwehrleute wieder nach Hause schicken. Im vergangenen Jahr hat er in einem Nachbardorf einen Traktor gestohlen und ist mit ihm nach Schweppenhausen gefahren. Dort hat er einen Baucontainer von der Dorfkneipe weggeschoben und ein Auto beschädigt. Er hatte den Plan, die inzwischen geschlossene Dorfkneipe abzureißen, um an dieser Stelle Parkplätze für die Kirche auf dem Nachbargrundstück zu schaffen. Das hat er jedenfalls erzählt. Die Polizei hat ihn dann mitgenommen und er kam endgültig in die Nervenheilanstalt. Dort ist er in diesem Monat gestorben. Was bleibt, sind die vielen Geschichten über den Franz, von denen ich sicher nur einen Bruchteil kenne.

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