Donnerstag, 25. September 2014

Putzen bei Bonetti

Eigentlich begann die Woche wie immer. Der Wecker klingelte um vier Uhr und ich ging in die Küche, um mich anzuziehen. Ich hatte mir am Abend zuvor schon alles herausgelegt, um meinen Mann und die Kinder nicht zu wecken. Auch die Reisetasche stand bereits an der Haustür. Diese Routine habe ich mir in den vergangenen fünf Jahren angewöhnt. Mein Name ist Agata Kaczmarek und ich lebe in Wroclaw, das die Deutschen früher Breslau genannt haben. Mit meinem Mann Pawel und unseren Kindern habe ich eine schöne Drei-Zimmer-Wohnung in einem Hochhaus nahe der Innenstadt. Wir haben Glück gehabt. Es gibt hier eine Menge Altbauten, in denen noch mit Kohle geheizt wird. An manchen Häusern sind noch die stählernen Luftschutzfenster aus dem Zweiten Weltkrieg angebracht. Bei einigen Häusern wundert man sich, dass sie überhaupt noch bewohnt sind. In meiner Stadt werden Filme gedreht, die im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre spielen. Die Kinder sind schon groß, Antoni ist fünfzehn und Natalia ist dreizehn Jahre alt, sie gehen noch zur Schule. Donnerstag, spät am Abend werde ich wieder hier sein. Aber am Montagmorgen beginnt die Arbeitswoche. Ich fahre nach Deutschland.
Hanna kam wie immer um kurz nach Vier. Ludmila und Zusanna saßen schon im Opel Astra. Um diese Uhrzeit ist nie viel Verkehr und es ging gut voran. Bei Görlitz fuhren wir über die Grenze, es ging an Dresden und Jena vorbei über die hervorragende deutsche Autobahn. Um kurz vor Zehn setzte mich Hanna an der Villa Bonetti ab. Ich bin immer die erste, die aussteigt. Die drei anderen Frauen arbeiten als Putzfrau in der Innenstadt. Jede von ihnen hat vier Putzstellen. Zahnärzte, Professoren, Bankdirektoren, Politiker. Zusanna war die erste von uns, die damals eine Stelle in Bad Nauheim bekommen hat. Sie konnte uns allen Putzstellen vermitteln, denn sie wurde von ihren Arbeitgebern schnell weiterempfohlen. Wir haben nicht nur eine Fahrgemeinschaft, wir teilen uns auch eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt, die wir für fünfhundert Euro warm im Monat gemietet haben. Wir arbeiten in den vier Tagen bis zur Abfahrt vierzig Stunden, acht Stunden am Montag und am Donnerstag, zwölf Stunden am Dienstag und am Mittwoch. Da bleibt ohnehin nicht viel Zeit. Arbeiten, Essen, Schlafen. So verdiene ich 1600 Euro im Monat, nach Abzug der Miete und der Fahrkosten bleiben mir 1300 Euro. Pawel verdient als freiberuflicher Programmierer noch ein bisschen was dazu, davon können wir in Wroclaw gut leben. Wenn ich mal krank bin, vertritt mich eine Freundin aus meiner Straße, aber ich war in den fünf Jahren nur zwei- oder dreimal krank.
In der Villa Bonetti fing ich wie jeden Montag zuerst in der Küche an. Johann, der Kammerdiener von Herrn Bonetti, kocht zwar sehr gerne für sich und seinen Chef, aber so sieht es nach dem Wochenende auch aus. Johann braucht viele Schüsseln und Pfannen, spezielle Rührgeräte und alles Mögliche, bis etwas zubereitet ist. Er ist gelernter Koch, aber so wie er würde ich nie kochen. Nachdem ich in der Küche meine Arbeit erledigt hatte, ging ich ins Wohnzimmer. Wie es hier manchmal aussieht, darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen. Herr Bonetti ist ein berühmter Schriftsteller und am Wochenende kommen immer seine Künstlerfreunde zu Besuch. Als erstes räumte ich die leeren Wein- und Whiskyflaschen weg und brachte sie in die Altglastonne. Die leeren Bierflaschen sortierte ich in den Kasten in der Küche. Dann saugte ich die ganzen Chipskrümel, Brezelstückchen und anderen Abfall auf und lüftete den Raum. Dieses Zimmer benutzt Herr Bonetti nur, wenn er am Wochenende Besuch hat. Ansonsten ist er häufig in seiner großen Bibliothek oder im Arbeitszimmer, wo man ihn auf keinen Fall stören darf. Wenn Bonetti liest oder schreibt, müssen Johann und ich immer ganz leise sein. Anrufe für den Chef nimmt Johann im Erdgeschoss entgegen, er hat dort ein kleines Büro, in dem er auch die Mails für Herrn Bonetti beantwortet oder im Ausnahmefall weiterleitet. Um 13 Uhr verlässt Herr Bonetti sein Arbeitszimmer, um sich zum Mittagessen in den Speisesaal zu begeben.
Das gibt mir jeden Tag die Gelegenheit, in dieses Zimmer zu schlüpfen, um es ein wenig sauber zu machen. Ich darf auf keinen Fall etwas auf seinem Schreibtisch berühren, das hat er mir während der wenigen Gespräche, die ich mit ihm führen durfte, immer wieder eingeschärft. Und ich darf niemals den Computer berühren, wenn ich das tue, so hat er mir versichert, könne er für nichts garantieren. Obwohl der Schreibtisch auch heute wieder ein wenig Aufräumarbeiten und Sauberkeit verdient hätte. Er ist etwa so groß wie eine Tischtennisplatte, aus schwerem schwarzem Holz und hat an der Fensterseite Unmengen von kleinen Schubladen und Fächern, die vollgestopft sind mit Papieren, Holzfiguren, Spielzeugautos, Metallkugeln und allem möglichen Tinnef. In der Mitte des Tisches, vor dem dunkelbraunen Ledersessel, liegt sein zugeklapptes Notebook. Links und rechts davon stapeln sich beschriebene Blätter, Notizbücher, Zeichenblöcke und Zettel aller Größen und Farben. Dazwischen liegen Dutzende Stifte und Füller. Ich begann also, den Sessel mit einem feuchten Tuch abzuwischen, die Regale abzustauben und den riesigen orientalischen Teppich zu saugen. An den Wänden hängen chinesische Rollbilder und vergrößerte Fotografien in breiten Holzrahmen. Die Bilder seien Originale aus der Qing-Dynastie, hat mir Johann einmal erklärt. Die Fotos hätte Herr Bonetti selbst im Engadin gemacht, wo er jedes Jahr Urlaub zu machen pflege.
Nach dem Mittagessen legt sich Herr Bonetti immer eine Stunde auf seinen Diwan, der im Salon des Westflügels steht, und dann gehe ich zu Johann in die Küche, wo wir zusammen etwas essen. Johann hatte heute auf Wunsch seines Herrn Hühnchen mit Basmatireis in einer roten Currysoße zubereitet. Wir aßen reichlich und plauderten eine Weile. Am Wochenende hatte Bonetti zunächst Besuch von einem Frankfurter Bankier und danach von einem Unbekannten mit französischem Akzent gehabt, der sich mit dem Namen Lefuet vorgestellt habe. Am Samstagabend wäre es dann im Wohnzimmer hoch hergegangen. Johann hatte um drei Uhr noch fünf Taxis für die Besucher bestellten müssen. Er hätte um Mitternacht noch Pizza für Bonetti und seine Freunde backen müssen. Auch einige Hamburger und Burritos hätte er noch zubereiten müssen. Am Nachmittag kümmerte ich mich um Bonettis Wäsche und bügelte einige Hemden und Hosen.
Als ich um 18 Uhr die Villa Bonetti verließ, war ich sehr müde und wollte einfach nur noch nach Hause. Johann hatte mir freundlicherweise noch die Reste vom Brot und von der Wurst eingepackt, die am Wochenende übriggeblieben waren, so dass ich nicht mehr einkaufen gehen musste. Ich war bereits zehn Minuten gegangen, als plötzlich eine schwarze Mercedes-Limousine neben mir hielt. Die Fensterscheibe glitt lautlos herunter und ein Mann mit dunkler Sonnenbrille sprach mich an.
„Möchten Sie sich zehntausend Euro verdienen?“
„Wer sind Sie überhaupt?“ antwortete ich und ging langsam weiter.
Die Limousine folgte mir und der Mann sagte: „Es geht um einen Gegenstand, an dem ich großes Interesse habe. Es ist ein Schlüssel, ungewöhnlich lang und mit einem viereckigen Griff. Der Bart hat sieben Zacken.“
Ein Bart mit Zacken? Mein Deutsch ist nicht schlecht, aber ich verstand den Mann nicht. Wollte er einen Schlüssel zur Villa von Herrn Bonetti? Oder einen Zackenbarsch? Davon hatte mit Johann schon einmal erzählt. Ich beschloss, mich dumm zu stellen. „Ich nix verstehen“, sagte ich und beschleunigte meinen Schritt.
„Ich biete Ihnen zwanzigtausend.“
Zum Glück kamen mir Passanten entgegen. Ein älteres Pärchen mit einem Rottweiler. „Lassen Sie mich in Ruhe“, sagte ich laut.
Dann beschleunigte die Limousine und verschwand. Sicherheitshalber ging ich nicht auf direktem Wege zu meiner Wohnung. Ich lief zum Bad Nauheimer Bahnhof, trank an einem Imbissstand einen Kaffee und holte das Handy aus meiner Reisetasche. Johann nahm sofort ab und hörte sich geduldig meine Geschichte an, ohne mich zu unterbrechen. Er fragte, ob er mir den Chauffeur schicken oder die Polizei informieren solle. Coiffeur? Das verstand ich nicht. Und auf keinen Fall die Polizei! Ich arbeite schwarz und bin in Bad Nauheim auch nicht gemeldet. Die Wohnung läuft über Zusanna. Alles sei gut, versicherte ich ihm. Ich wolle Herrn Bonetti nur warnen. Johann bedankte sich und legte auf. In was für seltsame Machenschaften war Herr Bonetti verstrickt? Beim Abendessen habe ich mit meinen Kolleginnen darüber gesprochen. Die meisten Herrschaften hätten Geheimnisse, versicherten sie mir, egal ob es Zahnärzte oder Politiker seien, Bankdirektoren oder Professoren. In jedem Haus gäbe es verschlossene Schränke oder ganze Zimmer, die man nicht betreten dürfe. Abgeschlossene Schubladen und passwortgesicherte Computer, Nervosität und dumme Ausreden. Bei uns zu Hause in Polen ist das anders. Wir haben keine Geheimnisse. Ich weiß genau, welche Nachbarn Säufer oder Arbeitslose sind. Und dort werde ich auch nicht von wildfremden Menschen nach irgendwelchen Schlüsseln gefragt.
P.S.: Aus dem Polnischen übersetzt von Milena Niemieckaja.
P.P.S.: "Schrank im Schaf" bekommen Sie in jeder Buchhandlung. Wenn ich eine Frau wäre, hätte ich heute Nacht schon zwei Kilo abgenommen.
Morrissey – Every Day Is Like Sunday. http://www.youtube.com/watch?v=y7Gee3THtb8

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