Mittwoch, 17. September 2014

ICH

Ist der Ursprung des Lebens nicht blanker Egoismus? Volker Elis Pilgrim schrieb in seinem Buch „Der selbstbefriedigte Mensch“, dass „alle geschlechtliche Befriedigung Selbstbefriedigung“ sei. „Der Mensch befriedigt sich in jedem Geschlechtsakt selbst, nur dabei mithilfe eines anderen Körpers“. Und es beleidigt unsere Vernunft, dass das menschliche Leben „aus einer Turnübung entspringt, die von einem Grunzen gekrönt wird“, wie Cioran es formulierte. Unser ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod fressen wir Egoisten alles in uns hinein, töten und vernichten gierig alles, was uns in die Hände fällt. Und selbst Vegetarier und Veganer sind für den Tod von Schnecken, Würmern, Insekten und Einzellern verantwortlich. Nicht zu vergessen, dass auch die Pflanzen Lebewesen sind und ihr Leben in unserer Salatschüssel aushauchen müssen. Jeder denkt nur an sich. Die niedliche Katze und das putzige Eichhörnchen sind in Wirklichkeit brutale Nesträuber, die jedes neugeborene Vogelkind auffressen, dessen sie habhaft werden, während die armen Eltern dabei zuschauen müssen. Eine Etage tiefer im Tierreich, bei den Insekten, frisst man Artgenossen oder die eigene Mutter bei lebendigem Leibe, weil das ICH leben will. Noch eine Etage tiefer, bei den Kleinstlebewesen herrscht ebenfalls den ganzen Tag Mord und Totschlag. Und selbst die Pflanzen sind nicht besser, bei ihnen findet der Krieg in Zeitlupe statt. Der Wettlauf der Bäume um das Licht, der Kampf um jeden Flecken Erde für sich selbst und gegen andere. Es braucht Jahre, bis die Bäume eine Wiese überwuchert haben, aber dann sterben die Blumen und viele Insekten verlieren ihre Heimat. Welcher Teufel hat sich dieses Leben ausgedacht? Das Schlusswort soll Émile Michel Cioran haben: „Man möchte zuweilen eine Kannibale sein, nicht um den oder jenen aufzufressen, sondern um ihn auszukotzen.“
Bill Withers – Ain’t No Sunshine. http://www.youtube.com/watch?v=tIdIqbv7SPo

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen