Samstag, 20. September 2014

Burg Rheinstein und Bacharach

Quelle: Manfred Heyde
Es kommt einmal die Zeit, da Fernweh und Abenteuerdurst gestillt sind. Du bist in Rio, New York und Tokio gewesen, du hast furchtlos Löwen, Piranhas und Polizisten in die Augen gesehen – und nun fängst du an, dir deine nähere Umgebung einmal genauer anzuschauen. Ich bin in dieser Gegend geboren, aufgewachsen und lebe jetzt wieder hier. Aber ich war tatsächlich noch nie auf der Burg Rheinstein. 48 Jahre habe ich gebraucht, bis ich den Burgweg erklommen und die neunzig Meter Höhenunterschied vom Rheinufer bis vor die Zugbrücke und das Eisengitter des Burgtors hinter mich gebracht habe. Im Inneren sind viele kleine Terrassen mit Blumenbeeten und kleinen Springbrunnen, von denen man den Rhein und die bewaldeten Hügel und Weinberge auf der anderen Seite des Flusses sehen kann. Es gibt einen schmalen Turm und ein großes Haupthaus mit mehreren Stockwerken, in denen noch die Möbel der königlichen Familie stehen, die diese Burg als Sommerresidenz benutzte. Prinz Friedrich von Preußen ließ die alte Burgruine nach den Plänen des berühmten Berliner Baumeisters Schinkel im frühen neunzehnten Jahrhundert umbauen, hier begann das Zeitalter der Rheinromantik, die noch heute Millionen Touristen ins Rheintal lockt. Überall sind kleine Erkerzimmer, in denen Schreibtische und Bücherschränke stehen. Man möchte am liebsten hier bleiben und mit dem Schreiben beginnen. So hätte ich als Kind eine Burg gemalt.
Auf der Terrasse eines Nebengebäudes kann der Besucher die ausgezeichneten Weine der Region, zum Beispiel den empfehlenswerten Riesling, und die hervorragende Küche genießen. Ich hatte einen Rheinstein-Burger mit Schwarzwälder Schinken und Rauke, aber auch der Flammkuchen sah richtig lecker aus. Nach der Burgbesichtigung sind wir nach Bacharach weitergefahren, ein mittelalterliches Schmuckkästchen, wo wir im „Alten Haus“ den ersten Federweißen der Saison bestellten. Das Gasthaus ist aus dem Jahre 1389, als die Menschen noch nichts vom Amerika wussten und die Scheibenform der Erde wissenschaftlich noch nicht widerlegt war. Der Rhein war damals Deutschlands wichtigster Transportweg für Waren und Informationen. Nach dem ersten Glas ließ uns allerdings die Sonne ein wenig im Stich und wir tranken in einer der winzigen Nischen, die den Schankraum bilden, noch einen Quittenschnaps als Scheidebecher, bevor wir – für einen glücklichen Augenblick versöhnt mit der unbegreiflichen Welt von Apple-Schwachsinn und Politikerlügen da draußen – den Heimweg antraten.
Quelle: Manfred Heyde

Kommentare:

  1. Wie cool :)

    Ich brauche so etwas mal unbedingt. Berlin schabt sich mir mehr und mehr wie ein Reibeisen in’s Gehirn.

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  2. Melde dich, wenn du Reisetipps brauchst ;o)

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