Donnerstag, 5. Juni 2014

Schöne Erinnerungen

Die unfallfreie und unbestrafte „Trunkenheitsfahrt im Straßenverkehr“ (§ 316 StGB) gehört zu den Fähigkeiten, die einen fortgeschrittenen Trinker auszeichnen. Aber selbst den größten rheinhessischen Trinkerlegenden unterlaufen bisweilen Fehler, die nicht selten zum Verlust der Fahrerlaubnis führen. Der beste Fahrer unter allen Trinkern, die ich je kennengelernt habe, war D. aus Ingelheim, in Fachkreisen einfach nur „die Trinkmaschine“ genannt. Wenn ich nach einem Umtrunk auf allen Vieren vor der Fahrertür meines Wagens kniete und den Schlüssel nicht ins Türschloss bekam, war D. immer noch fähig und willens, mit seinem Opel Kadett C alle Freunde sicher nach Hause zu bringen – nicht ohne noch eine kleine Rundfahrt mit Musik und Rauchwerk zu unternehmen.
Am Ingelheimer Bahnhof, gegenüber dem unvergessenen „Pony Express“, gab es damals einen Bierautomaten, um die Grundversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten (die Tankstellen hatten zu jener Zeit noch nicht rund um die Uhr geöffnet). D. schaffte es in jedem Zustand, auf dem Bahnhofsvorplatz eine Schleuderwende hinzulegen und das Fahrzeug so vor dem Automaten zum Stillstand zu bringen, dass er durch das Seitenfenster Bierdosen ziehen konnte ohne auszusteigen. Eines Nachts fuhren wir dosenbiertrinkend durch die Weinberge und Felder der Umgebung. Nicht das wir ein Ziel gehabt hätten – es war die reine jugendliche Freude an der Bewegung. Am Ende hatte D., der uns geschworen hatte, dies sei eine Abkürzung und er kenne sie genau, den Kadett in einen abschüssigen Schrebergarten gesetzt, aus dem wir das Fahrzeug nicht mehr befreien konnten. Auf den Polizeifotos, die D. als Fahrzeughalter vorgelegt wurden, waren eine Menge leerer Bierdosen zu sehen, die um den Wagen herum lagen. Auch der Weg in die Stadt war mit leeren Dosen markiert. Gegen ein paar Kästen Bier und das Versprechen, den Garten wieder in Ordnung zu bringen, sah der Besitzer des Gartens von einer Anzeige ab.
Auf der Autobahn zwischen Bingen und Ingelheim haben D. und ich einmal eine Wette abgeschlossen. D. schwärmte immer von der Zuverlässigkeit und Unzerstörbarkeit seines geliebten Opels. Also wettete ich mit ihm um einen Kasten Bier, dass es mir – als Beifahrer! – gelingen wurde, bei 120 km/h vom vierten Gang (mehr hatte das Getriebe nicht) in den ersten runterzuschalten. D. willigte ein und trat die Kupplung. Ich riss mit beiden Händen den Gang raus und prügelte den ersten rein. Es tat einen Schlag und wir rollten auf dem Standstreifen aus. Getriebeschaden, Abschleppdienst, tausend Mark Kosten. Aber er hat mir anstandslos den Kasten Bier vorbeigebracht, ohne mir Vorwürfe zu machen.
Eines Nachmittags waren wir bei D. zu Hause und tranken Bier. Wir waren an diesem Tag gut in Form und die zwanzig Flaschen Bitburger, auf die der Kasten leider begrenzt ist, waren am Abend ausgetrunken. Also beschlossen wir, in den „Pony Express“ zu fahren. Auf der Umgehungsstraße zwischen Ingelheim-West und der Stadtmitte gelang es D., mit über 80 km/h einen Audi zu überholen, der nur die vorgeschriebenen 50 km/h gefahren war. An der Bahnhofskreuzung zeigte uns die Ampel rotes Licht, D. bremste und direkt hinter uns kam der Audi zum Stehen. Der Fahrer stieg aus, ging zu unserem Auto und öffnete D.s Fahrertür. Wortlos beugte er sich hinein, zog den Zündschlüssel ab und zerrte dann den verdutzten D. auf die Straße. Es stellte sich heraus, dass der Audi-Fahrer ein Polizist in Zivil war, der gerade zum Dienstantritt auf die Ingelheimer Polizeiwache unterwegs war. Die Handschellen klickten, D. wehrte sich noch und verhalf mir auf diese Weise zur Flucht. Ich trank im „Pony Express“ weiter, D. wurde für vier Wochen der Führerschein entzogen (1,8 Promille) und ich musste 75 DM wegen unerlaubten Entfernens vom Tatort zahlen.
In den folgenden Wochen fuhr D. mit dem Fahrrad in die Kneipe. Damals gab es in Ingelheim genau drei einschlägige Orte, an denen man sich abends treffen konnte: Helmuts „Pony Express“, Richards „Club“ und Seppels „Hobo“. Eines Abends hatten wir uns mit einigen Leuten im „Hobo“ getroffen und wie üblich gezecht. D., das Fahren auf zwei Rädern offenbar nicht gewöhnt, legte sich mit dem Fahrrad auf dem Heimweg auch prompt auf die Schnauze. Leider genau vor der Ingelheimer Polizeiwache. Die Beamten kamen heraus, erkannten D. gleich wieder und baten ihn zur Blutentnahme herein. Wieder 1,8 Promille. Es dauerte eine Weile, bis er seinen Führerschein wiederbekommen hat.
The B-52’s – Bushfire. http://www.youtube.com/watch?v=9-2godREKGw

Kommentare:

  1. Ja, genau so war es !!!
    Als Wir mal wieder alle ( 12-15 Leute ) zusammensaßen schmiss ich die Frage in die Runde, wer den so alles schon mal den Lappen weg hatte.
    Fast alle nahmen den Finger hoch .

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    1. Stimmt, Ingelheim war ein hartes Pflaster für trinkende Autofahrer.
      Eine Zeitlang hatte der gesamte Bekanntenkreis incl mir den Lappen weg.

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  2. Das waren noch Zeiten. Heutzutage unvorstellbar. Erzählt man die eine oder andere Geschichte, wird man des öfteren ungläubig mißtrauich angesehen, so: "Nee, echt jetzt?" Was ist man im Laufe der Zeit doch ruhiger geworden. Aber die Erinnerungen sind schön. Unsere Clique hatte auch noch andere Stammplätze. So trafen wir uns gerne an der Bahnhofskreuzung auf dem Postmäuerchen, um gemeinsam Sonnenaufgänge zu genießen und aus geöffneten Autoheckklappen Musik zu hören. Auch die Treffen an der Burgkirche, direkt vor Ort mit Wein reichlich versorgt, hatten ihren Reiz und ungewisse Enden.
    Gruß an alle, die rotierend immer wieder dabei waren!
    D. aus Ingelheim

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